ZEITGESCHICHTE

Wie glaubwürdig ist Strache?

Peter M. Lingens PETER M. LINGENS | 16.05.2017

Der Historiker Oliver Rathkolb nimmt H.-C. Strache ab, dass er die FPÖ ehrlich verändern und aus dem braunen Eck herausführen will. Michael Köhlmeier hält es immerhin für möglich. Ich will es auch für möglich halten – schließlich wäre es das Beste, was uns widerfahren kann.

In Wirklichkeit ist die Frage, die im „ZiB 2“-Gespräch zwischen Armin Wolf und Köhlmeier angerissen wurde, die politisch wichtigste des Landes: Besteht eine reelle Chance, dass die FPÖ unter Strache von einer rechtsradikalen Partei mit massiven braunen Einsprengseln zu einer rechtsliberalen Partei wird?

Wobei das Problem schon lange nicht mehr die blauen Wähler sind -die haben die verschiedensten Wahlmotive und wünschen sich sicher nicht das Dritte Reich zurück. Das Problem sind die blauen Funktionäre: Mitglieder rechtsradikaler Burschenschaften und in erstaunlich vielen Fällen die Söhne oder Enkel belasteter Nazis, die in der Verteidigung des Nationalsozialismus eine Wiederherstellung der Familienehre sehen.

Die Frage ist, ob Strache sich tatsächlich von dieser Art Funktionäre trennen will und kann?

Wenn man seine eben gehaltene Rede zum Ende des Zweiten Weltkrieges gehört hat, ist man optimistisch: Christian Kern hätte die NS-Gewaltherrschaft nicht schärfer verdammen, Antisemitismus nicht schärfer verurteilen können.

Mein Problem ist, dass ich auch die Reden kenne, die Strache vor gar nicht so vielen Jahren aus dem gleichen Anlass vor der Hofburg gehalten hat -da war die Tonlage eine reichlich andere. Um meine Angst klar zu formulieren: Hat sich Strache mit seinen wichtigsten Parteifreunden, von Martin Graf bis Johann Gudenus, nicht vielleicht einfach darauf geeinigt, bei öffentlichen Anlässen so zu reden, wie das erforderlich ist, wenn man regieren will? Weil man im Wirtshaus oder auf der Bude der Burschenschaft ja getrost wieder sagen kann, was man wirklich denkt?

An mir nagt folgendes Erlebnis: Vor Jahrzehnten habe ich ein Interview mit Jörg Haider gemacht, in dem er Hitlers Herrschaft nicht minder als jetzt Strache verdammt und Auschwitz „das schlimmste Verbrechen der Geschichte“ genannt hat. Kurz danach hat er seinen politischen Ziehvater Norbert Burger (zufällig auch ein politischer Ziehvater H.-C. Straches) aufgesucht, der ihn wegen dieses „Verrats an der Sache“ wütend zur Rede gestellt hat. Haiders Antwort wurde mir durch einen wahnsinnigen Zufall von einer Anwesenden hinterbracht: „Der Lingens is naiv. Dem kannst alles erzähln. Er is ma einegfalln.“

Kollegen, die mich und Haider damals kannten, haben daran keinen Zweifel. Ich seltsamerweise dennoch: Ich bin zwar sicher, dass Haider sich tatsächlich so geäußert hat, aber nicht sicher, dass er dabei auch die reine Wahrheit – beim Interview die komplette Unwahrheit – gesagt hat. Haider war, nicht zuletzt aufgrund seiner uneingestandenen Bisexualität, eine gespaltene Persönlichkeit. Er hatte, so meine ich, beide Möglichkeiten: Seinem Vater, einem Illegalen der ersten Stunde, zu glauben, dass Hitler Europas größter Politiker war -oder doch über Auschwitz erschüttert zu sein. So lange er mir gegenübersaß, wollte er mir sympathisch sein und glaubte, was er mir sagte. Sobald er Norbert Burger gegenübersaß, war er wieder dessen Ziehsohn.

Dass er sich jedenfalls mit den Jahren verändert hat, zeigte nicht zuletzt die politische Entwicklung des BZÖ. Strache hat mir nie einen ähnlich gespaltenen Eindruck gemacht. Um meine Angst einmal mehr klar zu formulieren: Er ist mir viel eher als zynischer Profi erschienen, der weiß, dass Bekenntnisse zu braunen Inhalten seinem politischen Erfolg im Weg stehen, so dass er sie leugnen muss, wenn er Kanzler werden will.

Aber sicher bin ich dieser Einschätzung in keiner Weise. Es kann genau so sein, dass ich mich völlig irre. Auch vaterlos Aufgewachsene sind in ihrer politischen Einstellung wahrscheinlich sehr lange von Ziehvätern abhängig, ehe sie zu sich selber finden. Es kann sehr wohl sein, dass der heutige H.-C. Strache mit dem jugendlichen Neonazi H.-C. Strache nichts mehr gemein hat.

Er könnte zu dieser klaren Unterscheidung einen Beitrag leisten, indem er sich von dieser Jugend eindeutig distanzierte, statt sie zu verschwindeln. Was er harmlose Paintball-Spiele nennt, waren ganz normale Neonazi-Wehrsportübungen. Er stand in Kontakt zu den Anführern dieser Neonazi-Bewegung -das war keine zufällige Verirrung, sondern Zugehörigkeit.

Was dennoch keine Katastrophe ist -in den bald 30 Jahren seither kann man sich völlig ändern. Aber diese völlige Veränderung wird glaubhafter, wenn man die Vergangenheit ehrlich darstellt.

Noch nicht 30 Jahre her ist Straches Neonazi-Gruß mit drei ausgestreckten Fingern. Wieder hat er sich dazu nicht klar geäußert, sondern lachend erklärt, er hätte „drei Bier“ bestellt -wieder nimmt das der Distanzierung Glaubwürdigkeit, die so einfach durch den Satz zu erzielen wäre: „Ja, ich war damals noch in einem Neonazi-Milieu befangen. Heute weiß ich, wie verrückt das war.“

Der einfachste Weg, glaubhaft zu machen, dass er die FPÖ nicht aus taktischen Gründen, sondern aus Überzeugung aus dem braunen Eck führen will, in das die vielen Burschenschafter, mit denen er sich umgibt, sie stärker denn je gerückt haben, bestünde freilich in der Etablierung einer glaubwürdigen Historikerkommission, die die Vergangenheit der FPÖ durchleuchtet. Würde Strache Oliver Rathkolb, der ihm ganz offenkundig nicht übel will, zu ihrem Leiter bestellen, wäre das sicher kein Schaden.

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