HAUS DER GESCHICHTE

Ein Häuserl für das Landl der Berge

Matthias Dusini MATTHIAS DUSINI | 27.10.2016

Kulturminister Thomas Drozda tat seine Pläne für ein Haus der Geschichte Österreich (HGÖ) kund. Im November 2018 wird das HGÖ in der Neuen Burg aufsperren, als Vorstufe für einen möglichen Neubau auf dem Heldenplatz. Drozda entschied sich damit für einen Abbruch, keinen Aufbruch. Bei dem nunmehr beschlossenen Projekt handelt es sich um die Redimensionierung einer Redimensionierung, vielleicht sogar um die stille Entsorgung eines Prestigeprojekts von Drozdas Vorgänger und Parteikollegen Josef Ostermayer.

Am Allerseelentag 2014 spazierte Ostermayer durch das Weltmuseum Wien (ehemals Museum für Völkerkunde) und rechnete die Kosten für die geplante Modernisierung der ethnologischen Sammlungen durch. Zu teuer, befand der Minister und legte alsbald ein neues Konzept auf den Tisch. Könnte man nicht dem zum Kunsthistorischen Museum gehörenden Weltmuseum einige Säle wegnehmen und in dem weitläufigen Habsburger-Palast eine weitere Einrichtung realisieren: ein bereits häufig gefordertes historisches Museum der Republik?

Beiräte tagten, Meinungsumfragen erkundeten die Zustimmung der Bevölkerung, Kommentatoren spitzten die Feder, und Beamte tüftelten an einer Novellierung des Bundesmuseengesetzes. Ostermayer konnte es nicht schnell genug gehen. Zum einen wusste er den inzwischen ebenfalls ehemaligen Bundespräsidenten Heinz Fischer hinter sich, der sich schon immer so ein Haus gewünscht hatte. Zum anderen wollte Ostermayer der Hauptstadt die Peinlichkeit ersparen, dass 2018 kein Ort vorhanden ist, wo die Republik ihren 100. Geburtstag feiern kann. Und zum Dritten hatte Niederösterreichs Landeshauptmann Erwin Pröll (ÖVP) die Chance gewittert, den Wienern kulturpolitisch wieder einmal zu zeigen, wie man Dinge richtig anpackt. Im September 2017 wird in St. Pölten das Haus der Geschichte eröffnet.

Der Historiker Oliver Rathkolb legte ein Konzept vor, das alle Bedenken gegenüber dem Standort beiseiteschob. Die Neue Burg stammt aus der Zeit vor der Gründung der Republik, die Hülle widerspricht somit dem Inhalt. Der Palazzo ist ein Labyrinth aus Gängen und Stiegen, das nur mit riesigem Aufwand in ein modernes Ausstellungszentrum umgebaut werden kann. In Rathkolbs Plänen war die Absiedelung der zum Kunsthistorischen Museum gehörenden Sammlung alter Musikinstrumente vorgesehen. Das Äußere Burgtor mit sei nen Heldengedenkstätten und der sogenannte „Hitler-Balkon“, auf dem der Diktator 1938 die Bevölkerung begrüßte, flossen ebenfalls in Oliver Rathkolbs Raumkonzept ein. Längst war klar, dass aus der ursprünglichen Sparmaßnahme die größte Kulturbaustelle seit dem Museumsquartier (1998-2003) werden würde.

Plötzlich war nicht mehr von fünf, sondern von 50, gar 100 Millionen Euro die Rede -die Drozda nun nicht hat. Mit der Begründung, der Finanzminister würde die Budgetmittel nicht zur Verfügung stellen, verkleinert der Kulturminister das Projekt um ein Drittel. Das HGÖ kommt, als Abteilung der Nationalbibliothek, in jenen Trakt des Weltmuseums, der ursprünglich den „Korridor des Staunens“ beherbergen sollte.

Die Sammlung alter Musikinstrumente bleibt, wo sie ist, was Rathkolbs Raumkonzept kaputt macht: Die Säle der Beletage sollten nämlich das Herzstück des HGÖ bilden. Unmittelbar angrenzend liegt der „Hitler-Balkon“, und auch die Räume selbst atmen Geschichte, da die Nazis hier die geraubten Kunstwerke jüdischer Sammler lagerten. Wer die Neue Burg als Standort schon immer für eine Schnapsidee hielt, wird Drozdas Griff zur Notbremse verstehen. Als fauler Kompromiss sind die zehn Millionen Euro, die er in die Hand nimmt, dennoch zu viel. Der Minister degradiert die in Gründung befindliche Institution zum Provisorium – das im Geisterschloss der Republik zu verschwinden droht. Neben den alten Musikinstrumenten sind hier Ritterrüstungen und archäologische Grabungsfunde untergebracht. Aufgrund fehlender Investitionen dämmern die wertvollen Bestände vor sich hin. Wer die jahrzehntelange Diskussion über das Projekt kennt, weiß außerdem: Einen Neubau auf dem Heldenplatz wird es nie geben.

In harschen Telefonaten hatte Ostermayer die von seinen Ideen betroffenen Direktoren auf Kurs gebracht. Nun müssen Sabine Haag, Generaldirektorin des Kunsthistorischen, und Steven Engelsman, Direktor des Weltmuseums, kopfschüttelnd den nächsten kulturpolitischen Schwenk akzeptieren. Drozda ist durch ein von seinem Vorgänger durchgeboxtes Gesetz dazu verpflichtet, ein Haus der Geschichte umzusetzen, und verkleinert es nun zum Häuserl. Der neue Direktor ist nicht mehr als ein Abteilungsleiter der Nationalbibliothek.

Erst kürzlich gab der Kulturminister stolz die Erhöhung der Förderungen für Künstler und Bundesmuseen bekannt. Nun weiß man, dass der Coup nicht umsonst war. Mit dem HGÖchen erspart Drozda dem Finanzminister viele Millionen.

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