MIGRATIONSDEBATTE

Offene Grenzen brauchen offene Worte

Florian Klenk FLORIAN KLENK | 16.09.2015

Natürlich muss man sich diese Bilder nicht auch noch ansehen: Die Flüchtlinge im Asyllager Röszke, von Polizisten abgefüttert wie Raubtiere im Zoo. Die Uniformierten in Mazedonien. Mit dem Schlagstock prügeln sie sogar auf jene Flüchtlinge ein, die ihre Kinder im Arm halten. Auch die Bilder der Ertrinkenden und Erstickten kann man einfach wegklicken, zumindest wenn man sich in seinem Weltbild durch „zufällige Medienbilder nicht beeinflussen“ lassen will, wie der ehemalige Berliner SPD-Politiker Thilo Sarrazin kürzlich der Zeit erklärte. Deshalb konsumiere er keine Nachrichten. Die Bilder der Not und das dadurch ausgelöste Mitleid, sagt er, vernebeln den politischen Verstand. Europa sei eben keine moralische Anstalt, sondern das Terrain seiner Bewohner. Soll man dem Verstand folgen oder seinem Gefühl nachgeben? Die Frage könnte falsch gestellt sein.

Das Gefühl ist bei den Helfern an den Bahnhöfen. Der Verstand folgt den Tatsachen. Wer sich dieser Tage mit Nachbarn und Freunden unterhält, mit dem Friseur, dem Handwerker, der Putzfrau, der fühlt eine bittere Wahrheit: Was Sarrazin, Strache und Viktor Orbán aussprechen, ist von einem breiten gesellschaftlichen Konsens getragen. Die Wahlumfragen deuten darauf hin, dass unser Sommermärchen nur die Herzen einer kleinen hilfsbereiten Elite wärmen wird. Konnte uns unser Gefühl so trügen? Vielleicht ist manches von dem, was wir uns in den letzten Wochen über die Ankommenden erzählt haben, ein Märchen oder zumindest die Halbwahrheit. Wem eine offene Gesellschaft und ein offenes Europa ein Anliegen sind, der muss gerade jetzt in den Modus der Wahrheitssuche schalten, muss damit beginnen, sich den Argumenten der Provokateure vom Schlage Sarrazins und Straches zu stellen, um bessere Antworten zu finden. Sonst drohen Stracheldraht und Orbánisierung. Sonst können wir unsere zu Recht bestehenden Gefühle der Solidarität und des Mitleids nicht verteidigen.

  756 Wörter       4 Minuten
Bestellen Sie hier ein FALTER-Abo Ihrer Wahl inklusive Online-Zugang, um diesen sowie alle anderen FALTER-Artikel sofort im Volltext zu lesen.
Holen Sie sich hier Ihren Online-Zugang und lesen Sie diesen sowie alle anderen FALTER-Artikel sofort im Volltext.

Lesen Sie diesen Artikel in voller Länge mit Ihrem FALTER-Abo-Onlinezugang.

Passwort vergessen?
Diese Artikel könnten Sie auch interessieren: