„Kinder halten mehr aus, als viele Eltern glauben“

Der Mediziner und Public-Health-Experte Hans-Peter Hutter über den Schulstart, Lüftungsampeln in den Klassen und Geburtstagspartys während einer Pandemie

KIWI | 07.09.2020
Der Mediziner und Public-Health-Experte Hans-Peter Hutter | Foto: Heribert Corn

Kann Schule in Zeiten einer Pandemie funktionieren? Wie können Eltern ihre Kinder am besten unterstützen? Der Facharzt für Hygiene und Public-Health-Experte Hans-Peter Hutter kennt die Antworten.

Er ist stellvertretender Leiter der Abteilung für Umwelthygiene und Umweltmedizin an der Medizinischen Universität Wien und berät die Gemeinde, aber auch Organisationen und Unternehmen dabei, trotz Corona das öffentliche Leben so gut wie möglich aufrechtzuerhalten.

Mit dem Falter sprach Hutter über sinnvolle Corona-Schutzmaßnahmen in der Klasse und erklärt, warum Eltern ihre Kinder nicht wie Arktisforscher anziehen sollen.

Falter: Herr Hutter, nächste Woche geht die Schule in Wien wieder los. Vielen Eltern bereitet das Bauchschmerzen. Ihnen auch?

Hans-Peter Hutter: Ich verstehe die Sorge. Aber der Präsenzunterricht ist sehr wichtig. Fehlender sozialer Kontakt hat negative Auswirkungen auf die Entwicklung von Kindern und Jugendlichen. Und die Vermittlung neuer Lehrinhalte geht mittels Distanzmethoden viel schwerer.

Wie kann Schule trotz Corona funktionieren?

Hutter: Mit Einhaltung der Abstandsregel, optimierter Lüftung und – falls die Abstände nicht eingehalten werden können – einem Mund-Nasen-Schutz.

Beginnen wir mit dem Abstand. In einer Klasse sitzen 25 Kinder. Wie soll sich da der Mindestabstand ausgehen?

Hutter: Ist ein ausreichender räumlicher Abstand aus baulichen Gründen nicht möglich, braucht es einen erhöhten Luftwechsel. Konsequentes Lüften kann das Infektionsrisiko in einer Klasse minimieren. Auch der Mund-Nasen-Schutz schützt dort, wo es eng ist.

Die klassischen Zinskasernen-Schulen in Wien haben aber ganz normale Fenster.

Hutter: Weil man sich in diesen Schulen leider in den vergangenen Jahrzehnten nicht überlegt hat, wie man die Kinder besser mit Frischluft versorgt. Wir wissen, dass in einem voll besetzten Klassenzimmer die Luft nach nur 50 Minuten so schlecht ist, dass die Konzentration der Kinder nachlässt.

Was passiert in diesen stickigen Klassenzimmern?

Hutter: Sobald das CO₂, das Kohlendioxid, in der Raumluft ansteigt, lernen die Schüler deutlich schlechter und fühlen sich unwohl. Sitzt in so einer Klasse ein einziges Kind mit viralem Infekt – das muss gar nicht Corona sein –, steckt es in ungelüfteten Räumen die anderen Kinder viel leichter an. Das ist keine neue Erkenntnis. Aber jetzt, in einer Pandemie, müssen wir die Fenster endlich aufmachen. Die deutsche Stadt Köln hat in der Ferienzeit alle Schulen auf defekte Fenster überprüft. So etwas ist sehr vernünftig.

Was kann die Schule noch tun – außer Fenster auf?

Hutter: Lüftungsampeln in den Klassen wären sehr hilfreich. Das sind einfache Geräte mit einem CO₂-Sensor und drei Lämpchen: Bei Grün ist die Luft gut, Gelb signalisiert: „Achtung, die Luft wird schlechter!“, und bei Rot müssen die Fenster sofort aufgemacht werden. Das kostet etwas Geld, hat aber einen tollen pädagogischen Effekt. In Volksschulen, in denen wir Lüftungsampeln ausprobierten, machten die Kinder ihre Lehrer dann darauf aufmerksam, wenn die Luft schlecht wurde. Die Kinder tragen die Information, wie wichtig Frischluft ist, nach Hause zu ihren Eltern. Das ist wichtig, weil Menschen auch in den Wohnungen viel zu wenig lüften.

Normalerweise sind kurz vor acht Uhr die öffentlichen Verkehrsmittel voll mit Schulkindern. Deshalb werden viele Eltern ihre Kinder mit dem Auto in die Schule führen.

Hutter: Das ist das Schlechteste, was Eltern tun können. Das bedeutet mehr Lärm, mehr Schadstoffe in der Luft und ein höheres Unfallrisiko vor den Schulen. Wer seinem Kind etwas Gutes tun will, geht am besten zu Fuß mit ihm in die Schule, wenn das möglich ist. Es gibt Projekte, bei denen sich Eltern zusammentun, um die Kinder abwechselnd in die Schule zu begleiten. Hier braucht es Aktivismus von Eltern, aber auch Nachbarn, Freunden, Omas und Opas, die gerne spazieren gehen. So vermeidet man überfüllte Öffis und hat gleich eine Bewegungseinheit absolviert.

Wie hat sich der Lockdown im Frühling auf die Fitness von Kindern ausgewirkt?

Hutter: Es gibt Belege, wonach Erwachsene während des Shutdowns durchschnittlich ein Kilo zugenommen haben. Bei Kindern werden sich die gesundheitlichen und psychosozialen Folgen erst nach einem längeren Zeitraum abschätzen lassen. Schon vor Corona waren etwa 30 Prozent der Kinder übergewichtig, Buben häufiger als Mädchen. Corona wird das nicht verbessert ­haben, im Gegenteil. Deshalb braucht es dringend mehr Bewegungseinheiten für Kinder.

Wo sollen die stattfinden?

Hutter: Wir haben quer durch Wien die tollsten Sportstätten, die die Hälfte der Zeit leer stehen: die Schulturnsäle. Wir arbeiten gerade an einem Konzept, sie während der schulfreien Zeit Sportverbänden und -vereinen vermehrt zur Verfügung zu stellen.

Ist nicht in Turnsälen das Infektionsrisiko besonders hoch, wenn Leute rennen und schwitzen?

Hutter: Nur wenn nicht ausreichend gelüftet wird. Dieser typische, grausliche Turnsaalgeruch, den wir alle aus unserer Schulzeit in der Nase haben, entsteht nur, wenn sie nicht ausreichend gereinigt und belüftet sind. Solange das Wetter halbwegs hält, sollen die Kinder im Freien turnen. Wenn es regnet und schneit, muss Bewegung im Turnsaal möglich sein. Deshalb brauchen Turnsäle endlich eine ordentliche Belüftung.

Was soll die Volksschullehrerin in der Turnstunde machen?

Hutter: Ich denke, das wissen die Lehrerinnen und Lehrer selber am besten. Aus medizinischer Sicht ist jede Art von Bewegung sinnvoll, die den Kindern Spaß macht, damit sie die Freude an Bewegung nicht verlieren – und das vor allem draußen. Lehrer könnten die Schulkinder zum Beispiel rückwärts laufen lassen.

Wieso rückwärts?

Hutter: Weil ein gar nicht so geringer Teil der Volksschüler motorisch so ungeschickt ist, dass sie damit Schwierigkeiten haben. Das ist eine Folge des massiven Bewegungsmangels.

Was würden Sie Schulen noch empfehlen?

Hutter: Gestaffelte Beginnzeiten. Das zentrale Ziel lautet Entsynchronisierung, das heißt, weniger gleichzeitige Aktivitäten und damit weniger Nähe zwischen den Menschen. Dieses Entsynchronisieren kann zeitlich oder räumlich passieren. Eine zeitliche Möglichkeit wäre, pro Stockwerk die Pausenzeiten der Klassen zu staffeln. Dann sinken die Kontakthäufigkeiten zwischen den Schülern. In Dänemark konnte das Infektionsrisiko so verringert werden. Aber auch eine räumliche Entsynchronisierung wie Gangflächen als zusätzliche Spielflächen in den Pausen hilft. Hier braucht es für jeden Standort individuelle Lösungen. Jetzt ist der richtige Moment für Ideenvielfalt im Bildungsbetrieb.

Bildungsminister Heinz Faßmann (ÖVP) rät den Schulen, viel im Freien zu unterrichten. Was bringt das?

Hutter: Einerseits, dass die Ansteckungsgefahr deutlich geringer ist, da sich die ­Aerosole quasi „in Luft auflösen“. Zudem belegen unsere Studien, dass Aufenthalte in Grünräumen die Kinder allgemein entspannter und aufnahmefähiger für den Lernstoff macht. Das muss nicht die Prater-Hauptallee sein, da reicht auch ein grünes Ambiente im Beserlpark. Notfalls ist sogar der asphaltierte Schulhof eine Option – zumindest was das Infektionsrisiko betrifft. Outdoor ist immer besser, als drinnen zu sitzen.

Da werden Eltern klagen, ihr Kind verkühle sich in der kalten Luft erst recht.

Hutter: Das habe ich von Eltern auch schon gehört, als es nur um vermehrtes Lüften von Klassenräumen ging. Würden wir nicht ein paar Minuten kalte Luft aushalten, hätte es die Menschheit nicht ins 21. Jahrhundert geschafft. Wenn die jungen Mädeln im Dezember noch im bauchfreien Shirt unterwegs sind und die Burschen im Muskelshirt und ihnen rasch kalt wird, sollte das eher dazu führen, sich witterungsadäquat anzuziehen, als weniger zu lüften. Während einer Pandemie gibt es kein Recht auf pullover- und jackenfrei.

Eltern sollten also heuer in besonders gute Outdoor-Kleidung für ihre Kinder investieren?

Hutter: Nicht unbedingt. Schauen Sie einmal an einem Tag, an dem es hie und da nieselt, in eine Sandkiste. Da stecken Kinder in Outdoorbekleidungen wie bei einer Antarktisexpedition. Diese Stoffe sind oft mit speziellen Substanzen imprägniert, etwa Perfluorverbindungen, die sich in der Umwelt anreichern. Wir nehmen diese Chemikalien letztlich über die Nahrungskette wieder auf. Kinder halten viel mehr aus, als viele Eltern glauben. Aber nur, wenn wir ihnen die Gelegenheit geben, Motorik und Immunsystem zu trainieren.

Wie schaut es aus mit Singen in der Schule?

Hutter: Das Singen ist leider einer der Corona-Aktivitäts-Hotspots, weil da ein Meter Abstand viel zu wenig ist. Ich weiß, dass Singen für Kinder wichtig ist. Deshalb gerne singen, aber bitte im Freien, mit Abstand und so, dass die Kinder nicht dicht hintereinander stehen oder einander ansingen. Sind die Musikklassen zu klein und es schüttet draußen, können sie auch im Turnsaal singen – aber nur, wenn das nicht auf Kosten der Bewegungsprogramme geht.

Was passiert, wenn das erste Kind mit Schnupfennase in die Schule kommt?

Hutter: Da muss es vom Bildungsministerium eine Art Kochrezept für die Schulen geben: Was tue ich beim ersten Hatschi? Wann rufe ich die Corona-Hotline 1450 an? Hier braucht es eine klare und einfache Orientierung für die Lehrerinnen und Lehrer, aber auch für die Eltern.

Ab wann sollten Eltern ihre Kinder zu Hause lassen?

Hutter: Wenn das Kind erhöhte Temperatur hat. Ab 37,5 Grad Fieber gehört ein Kind nicht in den Kindergarten oder die Schule.

Früher war das der Moment, an dem berufstätige Eltern nach der Oma riefen.

Hutter: Das war auch vor Corona keine gute Idee. Außer die Oma ist noch jung und gegen Grippe geimpft. Wir sollten Oma oder Opa weder mit Influenza noch mit dem Coronavirus anstecken. Ich weiß, dass viele Eltern wegen Corona bereits ihren Urlaub aufgebraucht haben. Aber ich hoffe, dass es bei kranken Kindern heuer besonders viel Verständnis der Chefs gibt.

Was können Eltern noch tun, um ihre Kinder zu schützen?

Hutter: Alles außer die Kinder im Kinderzimmer mit dem Handy einsperren. Spaß haben, Freunde treffen, spielen – aber am besten im Park oder im Wald die Natur beobachten. Bitte nicht den Kindergeburtstag absagen, weil alles so gefährlich ist! Sondern umdenken und zum Geburtstag für das Kind eine Schnitzeljagd im Park organisieren. Dafür sollten wir Erwachsene uns fragen, ob wir heuer große Partys brauchen oder die Weihnachtsfeier in der Firma. Lieber das, was nicht unbedingt sein muss, auslassen. Und dafür die Freizeit im Freien mit den Kindern genießen.

Sollen Kinder in der Schule Masken tragen?

Hutter: Für die Kinder sind Masken deutlich weniger ein Problem als für Erwachsene. Und nein, die Kinder ersticken unter der Maske nicht. In erster Linie gilt Abstand einhalten und ausreichend lüften. Dann können wir auf den Mund-Nasen-Schutz verzichten. Sonst bleibt nur übrig, die Maske in den Innenräumen einzuführen. Wir müssen jedenfalls die Alternative – Schule sperren – verhindern.

Was halten Sie von der Forderung, zu Schulbeginn alle Schüler testen zu lassen?

Hutter: Das Bildungsministerium führt ein regelmäßiges Monitoring durch. Das hilft sehr, um die Situation an den Schulen einschätzen zu können. Alle Schulkinder auf einmal zu testen, wäre eine enorme Verschwendung von Testressourcen, die wir dringend brauchen, wenn die Infektionszahlen wieder hochgehen. Und andere, die eine rasche Antwort dringender benötigen, müssten viel länger auf ihre Testergebnisse warten. Die Kinder sind schließlich nicht die großen Infektionsherde.

Hans-Peter Hutter hat in Wien Medizin und Landschaftsökologie studiert. Seit 2005 ist er Facharzt für Hygiene und Mikrobiologie mit Schwerpunkt Umwelt- und Präventivmedizin. Er ist stellvertretender Leiter der Abteilung für Umwelthygiene und Umweltmedizin an der Medizinischen Universität Wien. Zu seinen Forschungsschwerpunkten gehören Kindergesundheit, Klimawandel-induzierte Gesundheitsrisiken und gesundheitliche Folgen von Umweltchemikalien

Dieser Artikel ist im FALTER 36/20 erschienen.