Du bist wie deine Mutter!

Die perfekte Mutter, die perfekte Tochter: Ein Erzählband bricht mit Klischees

KIWI | 23.10.2018
Illustration: Bianca Tschaikner

Zum Beispiel die „Mama Mdogo“, die „kleine Mutter“. So werden die Frauen in Tansania genannt, die sich um ein Kleinkind kümmern, sobald es gehen kann und die leibliche Mutter es nicht mehr tragen und stillen muss. Die Mama Mdogo kann eine Tante sein, eine Großmutter, eine Schwägerin. So innig die Beziehung zwischen Mutter und Kind wirken mag, weil es die ersten Monate nahezu die ganze Zeit in Körperkontakt mit seiner Mama aufwächst, so pragmatisch ist sie im Grunde. „Mütter tragen ihre Kinder ganz nah bei sich, aber nicht um der Nähe willen, sondern weil es schlicht und einfach praktischer ist“, erzählt Cornelia Wallner im Buch „Die Mutter, die ich sein wollte. Die Tochter, die ich bin“, das die beiden Publizistinnen Anneliese Rohrer und Birgit Fenderl soeben veröffentlicht haben.

Darin beschreiben sie nicht nur ihre eigenen Mütter-Tochter-Beziehungen, sondern lassen Frauen über die komplexen und immer ambivalenten Bande berichten. Jede Tochter hat eine Mutter, aber nicht jede Tochter wird später selber Mutter und bekommt dann auch noch eine Tochter. Sätze wie „Pass auf, dass du nicht wie deine Mutter wirst“ kennen Frauen zur Genüge, die Ansprüche, die plötzlich rundum an sie gestellt werden, sobald sie schwanger sind, auch. Muttersein heißt immer auch, sich mit dem gesellschaftlichen Idealbild der „guten Mutter“ auseinanderzusetzen. Das hieß bis in die 1970er-Jahre, einen eigenen Lebensabschnitt zu beginnen, sich ganz fürs Kind aufzuopfern. Gar nicht oder nur mehr Teilzeit zu arbeiten, sich um Haushalt und Erziehung zu kümmern. Mittlerweile ist die erste Töchtergeneration emanzipierter Mütter, die mit diesen Konventionen brachen, selber Mutter geworden. Und viele wollen es wieder „anders“ machen als ihre Mütter, die sie zwischen Job und Kindern als überarbeitet, abwesend und gestresst erlebt haben.

Cornelia Wallner, die Tochter von Christine Wallner, der ersten Frau des ehemaligen Casinos-Austria-Generaldirektors Leo Wallner, wuchs in privilegierten, aber gespannten Verhältnissen auf. Die Ehe wurde geschieden, als sie ein Teenager war. So wie ihre Mutter studierte sie Medizin, seit zehn Jahren leiten sie gemeinsam in Tansania das Kinderhilfsprojekt „Africa Amini Alama“.

Eine Mutter und eine Tochter, die zu Freundinnen und Geschäftspartnerinnen werden, eine siebenfache Mutter wie die deutsche Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen, die in der Politik Karriere macht, eine – anonym bleibende – Tochter mit bosnischen Wurzeln, die erst durch die Geburt ihrer eigenen Tochter offen mit ihrer Mutter sprechen konnte: Die Geschichten, die Rohrer und Fenderl im Buch versammeln, sind bewusst vielfältig. Sie zeigen auf, wie sehr zum einen die Geburt der eigenen Kinder das individuelle Verhältnis zur eigenen Mutter aufbricht, und wie sehr zum anderen das Klischee von der idealen oder perfekten Mutter vom sozialen, kulturellen und religiösen Umfeld abhängt. Und welchen Spielraum die Politik hätte, das zu ändern, wenn sie es will.

Wer sich gefragt hatte, wieso ausgerechnet die bürgerliche von der Leyen (CDU) Mitte der 2000er-Jahre in Deutschland erstmals progressive Familienpolitik machte und einkommensabhängiges Elterngeld und einen Rechtsanspruch auf einen Krippenplatz einführte, findet in diesem Buch die Antwort. Die Ärztin von der Leyen zog als junge dreifache Mutter mit ihrem Mann, ebenfalls Arzt, nach Stanford, Kalifornien. Ah, du begleitest deinen Mann und hältst ihm den Rücken frei, hieß es in Deutschland. „Ah, ihr seid beide Ärzte, ihr habt drei Kinder, toll, ihr müsst ja sicher viel arbeiten, um die ganzen Kosten für Schule und Ausbildung hinzubekommen, wie können wir euch helfen?“, hörte sie am Uni-Campus. Es gab Dual-Career-Konzepte, Kinderbetreuung und vom Vater wurde genauso erwartet, dass er sich in der Schule engagiert. „Mein Mann und ich haben das als echte Befreiung empfunden“, erzählt von der Leyen im Buch.

Ihre eigene Mutter, die selber sieben Kinder hatte und ihren Beruf als Journalistin dafür komplett aufgab, ließ sie immer spüren, dass sie das nicht guthieß, auch wenn sie sich nach außen hin stolz gab. „Ob das mit den Kindern und dem Beruf gehen wird? Ob du dem allen gerecht werden kannst?“ Von der Leyens Fazit passt für wirklich jede Tochter auf dieser Welt: „Du hast dein Leben in einer Zeit gelebt, ich lebe jetzt meines.“

Barbaba Tóth in FALTER 41/2018 vom 12.10.2018