Unvergessen Utøya

Vor zehn Jahren tötete der norwegische Terrorist Anders Behring Breivik 75 Menschen. Die rechtsextreme Szene feiert ihn bis heute als Helden. Und sie wächst.

JULIA EBNER | 26.07.2021
FALTER-Kolumnistin Julia Ebner. Foto: Suhrkamp

Am vergangen Donnerstag waren es genau zehn Jahre. Der junge norwegische Friedensaktivist Bjorn Ihler erinnert sich, wie er Schüsse hörte. Zuerst dachte er noch, jemand hätte ein Feuerwerk gestartet bis ein Opfer direkt vor seinen Augen erschossen wurde. „Selbst als ich das Blut sah, konnte mein Gehirn die Information noch nicht verarbeiten.“

Anders Breivik sprengte am 22. Juli 2011 zunächst Oslos Regierungsgebäude in die Luft und nahm dabei acht Menschen das Leben. Danach fuhr er zur Insel Utøya, wo das Sommerlager der jungen norwegischen Arbeiterpartei stattfand. Als Angehöriger der norwegischen Sicherheitspolizei PST verkleidet, erschoss er 67 Jugendliche und Kinder. Bjorn gelang es, in den Wald zu entkommen. Er rettete dabei zwei Kinder, ein acht- und ein neunjähriges. „Wir haben durch puren Zufall überlebt“, sagte er mir.

Breivik tötete im Wahn. Sein Ziel war es, Europa vor der „Islamisierung“ und einem demographischen Wandel zu retten. “Als stiller Zuseher würde ich mich so schuldig machen wir unsere korrupten Eliten“, schrieb er in seinem 1518–seitigen Manifest. „Ich wähle die Selbstlosigkeit, um mit allen notwendigen Mitteln Widerstand gegen tyrannische Unterdrücker zu leisten.“ Das Weltbild der meisten Terroristen ist so verzerrt, dass sie glauben, sie seien im Recht.

In den letzten paar Jahren nahmen rechte Terroranschläge signifikant zu: laut amerikanischen, britischen und deutschen Sicherheitsbehörden ist gewaltvoller Rechtsextremismus die am schnellsten wachsende Bedrohung in den USA, Großbritannien und Deutschland. In Österreich wurden 2020 knapp 700 rechtsextreme Straftaten vermerkt. Erst im Juni 2021 stellten Polizisten während Ermittlungen gegen ein deutsch-österreichisches Neonazi-Netzwerk in Niederösterreich, Wien und im Burgenland vollautomatische Waffen, Munition, Granaten und Kriegsmaterial sicher.

Breivik inspiriert die Szene nachhaltig. In Internetforen wird er als „Heiliger Sankt Anders Behring Breivik“ gefeiert. In weiß-nationalistischen Gruppen findet man Zitate aus seinem Manifest und Memes, die ihn als Helden eines Videospiels darstellen. Auf manchen Seiten wird dazu aufgerufen, seine Opferzahl in einem Angriff auf den Feind zu toppen. Es war kein Zufall, dass der deutsch-iranische 18-Jährige David S. genau den fünften Jahrestag des Utøya-Attentats für seinen rassistisch motivierten Angriff auf das Münchner OEZ wählte. Er verehrte Breivik und hatte sogar ein Foto des Norwegers als Whatsapp-Profilbild.

„Eurabien“, die vermeintliche Islamisierung Europas, und „der große Bevölkerungsaustausch“ waren zentrale Ideen in Breiviks Manifest. Er sah alle liberalen Politiker, Aktivisten und Journalisten als Verräter, auch die Jugendlichen in Utøya. Die Verschwörungsmythen, die Breivik antrieben, sind heute noch die gleichen unter Rechtsextremisten: von der Identitären Bewegung bis zum Attentäter in Neuseeland. Das Erschreckende ist: sie sind mittlerweile auch in der Rhetorik von Politikern angekommen. FPÖ-Parteiobmann Herbert Kickl sieht etwa inhaltliche Überschneidungen mit Identitären Bewegung und findet ihre Ideen – darunter auch die Theorie des großen Austauschs – „interessant und unterstützenswert“. Das Wort „Bevölkerungsaustausch“ findet sich auch in offiziellen Presseaussendungen der FPÖ.

Auch wenn die Ideen noch immer dieselben sind, haben sich die Strategien und Taktiken von gewaltbereiten Rechtsextremisten seit Breivik weiterentwickelt. Breivik war bereits in globalen rechtsextremen Online-Foren unterwegs gewesen, doch heute ist die rechtsextreme Szene noch stärker international vernetzt: Die amerikanische Terrorgruppe Atomwaffen Division hat beispielsweise Ableger in Skandinavien, Großbritannien, Deutschland und Osteuropa gegründet. Die beiden deutschen Rechtsterroristen der 2019 Anschläge in Halle und Hanau radikalisierten sich in internationalen Online-Communities und hinterließen ihre Manifeste und Videos auf Englisch.

Rechtsextreme Aktivisten sind zudem deutlich mehr in den Untergrund abgeglitten. Um der Polizeiüberwachung zu entkommen, kommunizieren sie fast ausschließlich über die sogenannten „Dark Social“-Kanäle, also in verschlüsselten Nachrichtenapps wie Telegram und Discord oder in einschlägigen Foren des Dark Nets. Bei meinen Undercover-Recherchen in diesen Netzwerken stieß ich immer wieder auf Aufrufe zu Angriffen und Anleitungen zum Bau eigener Waffen. Daraus schließe ich: Wir können in der Zukunft mit noch mehr Do-It-Yourself-Terrorismus rechnen.

Was hat die Politik seit Breivik gelernt? Bjorn, der seit dem Anschlag sein Leben der Terrorismusbekämpfung und Friedensstiftung widmet, kritisiert Politiker dafür, Rechtsextremismus viel zu lange unterschätzt zu haben. “Der größte Fehler den Politiker gemacht haben war es, Extremismus als externes Problem und nicht als lokales zu betrachten.” Der Fokus in den Sicherheitsbehörden wurde seit 9/11 beinahe zwei Jahrzehnte lang fast ausschließlich auf die Bekämpfung von Dschihadismus gelegt. Es ist schwieriger zu akzeptieren, dass Gewalt und Extremismus auch aus unserer eignen Kultur kommen können, ja sogar aus der eigenen Nachbarschaft.