Die Ausländer sind schuld

England verlor das EM-Finale gegen Italien, Hooligans zogen durch die Straßen, Spieler wurden rassistisch beschimpft. Was das Scheitern bei einem Fußballspiel mit dem Brexit gemein hat.

JULIA EBNER | 19.07.2021
Foto: Suhrkamp

„Geht nach Hause, dreckige Pastafresser!“ sang eine Gruppe englischer Fußball-Fans neben mir im Pub bei einem Public Viewing des EM-Finale. „Wer ist scheiße? Italien! Was ist Italien? Scheiße!“ ging ihr (schlecht) improvisiertes Lied weiter.

Die Stunden nach Englands 3:2 Niederlage vor einer Woche gegen Italien waren geprägt von Fremdenfeindlichkeit und gewaltvollen Übergriffen im Wembley-Stadion und in der Londoner Innenstadt. Auf Twitter geteilte Videos zeigen, wie englische Hooligans italienische Fans attackieren, treten und schlagen. Auch 19 Polizistinnen und Polizisten wurden verletzt.

In meinem PhD in Oxford beschäftige ich mich mit dem Thema der Identitätsfusion: die Verschmelzung von individueller Identität mit Gruppenidentität. Studien zeigen, dass geteilte Negativerfahrungen, wie beispielsweise das Scheitern in einem Fußballspiel, zu stark aggressiven Gruppendynamiken führen können. Es findet eine Identitätsverschmelzung der Individuen mit anderen Gruppenmitgliedern statt, die ebenfalls Teil der negativen Erfahrung waren.

Das gleiche Phänomen kann man auch bei Rechtsradikalen und IS-Kriegern beobachten, die sich gefühlt im Krieg mit anderen Gruppen befinden. Die gemeinsamen Opfernarrative und Identitätsverschmelzungen führen dazu, dass die individuelle Bereitschaft steigt, sich für die Eigengruppe aufzuopfern und mit Terror oder Gewalt gegen die Fremdgruppe vorzugehen.

England ist berüchtigt für seine stark ausgeprägte Hooligan-Szene. Sie wird sogar die „Englische Krankheit“ („English Disease“) genannt. 1985 kam es beim EM-Finale zwischen dem englischen Liverpool-Team und der Turiner Juventus-Team zu einer Tragödie im Brüsseler Heysel Stadium: nachdem englische Hooligans italienische Fans attackierten, brach eine Massenpanik aus, bei der 39 Menschen ums Leben kamen und 600 verletzt wurden. Damals wurden Englische Fußballfanvereine für fünf Jahre von europäischen Spielen ausgeschlossen.

Auch die Xenophobie gegen in England lebende EU-Bürger ist natürlich nichts Neues. Nach Brexit waren insbesondere Ost- und Südeuropäer von fremdenfeindlicher Hasskriminalität betroffen. Doch beim Fußball-Finale kam sie besonders stark zum Vorschein. „Ich werd dich umbringen!“ schrie ein betrunkener, englischer Fußball-Fan meinen Verlobten vor dem Pub mitten während des EM-Finalspiels an, nachdem er seinen europäischen Akzent identifiziert hatte und ihm vorwarf, seinen Platz vor dem Screen eingenommen zu haben. Er stieß ihn nach hinten und leerte uns beiden eine Flasche Wein über den Kopf. Dabei waren wir doch sogar für England!

Doch der Rassismus ging nicht nur gegen alle, die eventuell auf Italiens Seite sein könnten. Er richtete sich auch gegen die Spieler des eigenen Nationalteams. Die Schwarzen Spieler Bukayo Saka, Marcus Rashford und Jadon Sancho, die ihre Chance im Elfmeterschießen vergaben, waren besonders stark von rassistischen Hassposts in den sozialen Netzwerken betroffen. Boyako Sakas Instagram-Feed war voll mit Nachrichten wie „Geh zurück nach Nigerien“, und „Verschwinde aus meinem Land“. Manche Nutzer nannten ihn das „N-Wort“ und teilten Memes, die ihn als Affen darstellten.

Die Hass- und Drohposts gegen das englische Nationalteam waren so gravierend, dass die Metropolitan Police in London zu ermitteln begann und Premierminister Boris Johnson die Ereignisse verurteilte. Der englische Fußball-Verband schrieb: „Wir sind angewidert davon, dass einige in unserem Team, die diesen Sommer alles für ihr Trikot getan haben, nach dem heutigen Spiel Opfer von diskriminierendem Online-Missbrauch geworden sind. Wir stehen hinter unseren Spielern.“

1966 war das letzte Mal, dass England eine WM gewann. Die vergangenen Jahrzehnte des englischen Fußballs waren bis auf David Beckhams Six-Pack-Appeal von eher bescheideneren Erfolgsgeschichten geprägt. Man könnte meinen, dass die Freude über die herausragende Leistung Englands in dieser EM 2021 groß genug wäre, um stolz auf das eigene Nationalteam zu sein. Doch weiß-nationalistische Gruppen nutzten die englische Niederlage im Finale, um Hass gegen Menschen mit Migrationshintergrund zu schüren: „Afrika ist im Finale“ konnte man beispielsweise in einer rassistischen Telegram-Gruppe names „White Well-Being“ lesen.

Sogar im europäischen Identitären-Chat „Defend Europa“ wurde Englands Niederlage für rassistische Propaganda ausgenutzt. „Diversität ist Englands Schwäche,“ schreibt ein Nutzer. „Die drei schwarzen englischen Spieler versagten im Elfmeterschießen.“ In einem anderen Post liest man: „Italien gegen England: Weiße Spieler gegen Multikulti-Team: Europa ist nicht tot.“

Der Fußball-Rassismus ist nicht nur gesellschaftlich gefährlich, er macht auch etwas mit den Spielern. Eine Economist-Analyse fand, dass nicht-weiße Fußballer in Corona-Zeiten in leeren Stadien besser performten, was auf die negativen Auswirkungen von Rassismus zurückgeführt werden könnte. Das zeigt: Wir müssen Sportler besser vor Rassismus schützen, wenn uns ihr Erfolg am Herzen liegt.


In einer früheren Version dieses Artikels stand, dass England zuletzt 1966 eine EM gewonnen hat, gemeint war die WM von 1966. Wir danken unseren aufmerksamen Leserinnen und Lesern für die Hinweise.

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