Islamisten und Rechtsextreme: Brüder im Geiste

Der Messerangriff in Würzburg veranschaulicht ein gefährliches Phänomen: reziproke Radikalisierung. Rechte befeuern islamistischen Extremismus und Islamisten spielen Rechtsextremen in die Hände.

JULIA EBNER | 05.07.2021
Foto: Suhrkamp

In den Telegram-Kanälen der Identitären Bewegung tobt die Wut. Die jüngsten tödlichen Angriffe in Wien und Würzburg werden für Anti-Migrationspropaganda und Anti-Islamisierungsdebatten missbraucht. Unter dem Motto „Kriminelle Afghanen abschieben!“ kündigt die Identitäre Bewegung eine Demonstration für Remigration und Deislamisierung an. Das neurechte Konzept der Remigration beschreibt die systematische Abschiebung aller Menschen mit Migrationshintergrund, während Deislamisierung das Verbot von muslimischen Kultureinflüssen auf „unser Land“ fordert. Die Kommentare in den Vorbesprechungs-Chats sind dabei zutiefst anti-demokratisch und menschenrechtsverachtend: „An die Wahlen glaube ich nicht mehr“ und “Todesstrafe für Kindermörder!” konnte man hier etwa lesen. Ein Nutzer erklärte sich bereit „für 1€ pro Std den freiwilligen Abschiebehelfer zu machen, wer ist dabei?”

Auch in Deutschland nutzt die Identitäre Bewegung die neuesten Gewaltakte für ihre Zwecke: auf Telegram veröffentlichen Aktivisten Listen der Opfer und bezeichnen die Täter unter Verwendung des Hashtags #blacklivesmesser als „Kollateralschaden des Bevölkerungsaustausches“. Für die Leser des rechtspopulistischen Blogs vom ehemaligen Chefredakteur der Presse und Wiener Zeitung Andreas Unterberger gibt es sogar eine aktivistische Telegram-Gruppe, „um sich zu vernetzen und so Firmen, die Immigration oder Regenbogen Propaganda unterstützen, mit geballten Protest-Email-Shitstorms unter Druck zu setzen.“

Unterdessen werden rassistische Erfahrungen als Motiv des 24-jährigen somalischen Attentäters in Würzburg vermutet, der laut Zeugenaussagen „Allahu Akbar“ schrie.

Die Ermittler des Bundeskriminalamtes prüfen aktuell ein Video, in dem der Messerangreifer angeblich von einem rassistischen Übergriff in Chemnitz berichtet.

Ursprung seines Radikalisierungsweges wäre demnach, dass er 2018 Zeuge der rechtsextremen Gewaltübergriffe und „Migrantenjagden“ in Chemnitz wurde. Das wäre nicht das erste Mal, dass Gewalt von rechts Terror von islamistischer Seite inspiriert und umgekehrt.

Der rechtsextreme australische Attentäter, der 2019 bei zwei Moschee-Angriffen in Christchurch (Neuseeland) über 50 Muslime ermordete, verwies in seinem Manifest auf dschihadistische Anschläge. Den Tod der 11-jährigen Ebba Akerlund im islamistischen Stockholm-Angriff von 2017 nannte er als ersten Anstoß zur Planung seines antimuslimischen Angriffs. “Ich konnte die Angriffe nicht mehr ignorieren. Es waren Angriffe gegen meine Leute, meine Kultur, meinen Glauben und meine Seele,” schrieb er.

Unmittelbar nach den Christchurch-Anschlägen konnte man aber auch Mobilisierung in dschihadistischen Gruppen beobachten. Auf Telegram verkündeten IS-Sympathisanten Rache und teilten Landkarten, auf denen Kirchen in Neuseeland eingezeichnet waren.

Al-Qaida Telegram-Gruppen veröffentlichten Fotos von Waffen, auf denen die Namen von prominenten islamistischen Terroristen zu sehen waren – in Anlehnungen an die Waffenbilder, die der rechtsextreme Attentäter kurz vor seinen Angriffen gepostet hatte.

Für mein erstes Buch Wut ging ich undercover mit den Islamisten von Hizb ut-Tahrir und den Rechtsextremisten der English Defense League, um dem Phänomen der reziproken Radikalisierung auf die Spuren zu gehen. Ich traf dabei einerseits auf nahezu idente Weltbilder und Erzählmuster: beide Seiten sprachen von einem vermeintlich unvermeidbaren Krieg zwischen Muslimen und Nicht-Muslimen, sahen die Medien als Lügenpresse und glaubten an antisemitische Verschwörungstheorien. Andererseits halfen mir die Gespräche dabei, den Teufelskreis der Radikalisierung zu verstehen: Dschihadistische Angriffe wurden als Rechtfertigungsgrund für rassistische Mobilisierung verwendet und antimuslimischer Extremismus wurde zum Hauptantreiber der islamistischen Rekrutierung.

Die primären Radikalisierungsfaktoren bleiben weiterhin divers: sie reichen von sozio-ökonomischen Schwierigkeiten und politischen Frustrationen zu psychologischen Problemen und Identitätskrisen.

Doch mit jedem Angriff – von rechter oder islamistischer Seite – steigt die gesellschaftliche Polarisierung und erhöht das Risiko der Radikalisierung in den unterschiedlichen ideologischen Lagern. Die schwarz-weißen Weltbilder von Extremisten erhalten Legitimation, die gefühlte Opferrolle der Eigengruppe und die wahrgenommene Bedrohung durch die Feindgruppe werden scheinbar bestätigt.

Dabei ist genau diese Hyper-Polarisierung das Ziel von Terror und politisch-motivierter Gewalt. In diese Falle tappen leider gerade österreichische Politiker. Während die neuseeländische Premierministerin Jacinda Ardern in ihrer Rhetorik nach den Christchurch-Angriffen auf Deeskalation setzte, wird in Österreich die Debatte von politischer Seite derzeit weiter aufgeheizt. In einer livegestreamten Pressekonferenz dämonisierten FPÖ Staatssekretär Michael Schnedlitz und FPÖ-Abgeordnete Dagmar Belakowitch systematisch alle Asylwerber. Auch Kanzler Sebastian Kurz (ÖVP) spielte mit und kündigte auf Twitter an: „Mit mir wird es definitiv keinen Abschiebestopp nach Afghanistan und keine Aufweichung der Asylgesetze geben“.

Reziproke Radikalisierung ist eine stark unterschätzte Dynamik, die Gewalt und Terror antreibt. Im Rahmen der Terror- und Gewaltprävention tragen Politiker die Verantwortung, den Teufelskreis der Radikalisierung zu durchbrechen, nicht zu beschleunigen. Doch darauf kann man in Österreich noch warten.


Hinweis: Ab sofort schreibt Julia Ebner jeden Montag auf falter.at die Kolumne „Ebner im Netz: Erkundungen radikaler Welten“. Hier können Sie die Kolumne kostenlos abonnieren.