Das Netz als frauenfeindliche „Manosphäre“

Incels, MGTOW und Pick Up-Artists: Männerdominierte Subkulturen im Internet befeuern den Hass auf Frauen. Eine Undercoverrecherche.

JULIA EBNER | 21.06.2021
Foto: Suhrkamp

Antifeminismus und Frauenhass sind eine international unterschätzte Begleiterscheinung der Pandemie. Erhöhte Einsamkeit, zunehmende Angst vor relativem Abstieg und Zeit für radikale Online-Foren kommen zusammen.

Gewalt gegen Frauen beginnt oft bei Hass im Netz. Berühmte frauenfeindliche Terroranschläge unterstreichen das: Alek Minassian, der 2018 in der Torontoer Yong-Street Passanten rammte und dabei gezielt Frauen ansteuerte – zehn Menschen starben – hatte sich in online-Foren radikalisiert und wollte gleichgesinnte Nutzer mit hohen Opferzahlen beeindrucken. Auch Elliot Rodger, der 2014 während eines Amoklaufs sechs Menschen im kalifornischen Isla Vista ermordete, war in einschlägigen Internet-Communities aktiv. „Wenn ich euch nicht haben kann, Mädels, dann zerstöre ich euch eben,“ sagte er in seinem Youtube-Video, was ihn zum Helden von online-Antifeministen beförderte.

Auch in Österreich zeichnet sich frauenfeindliche Gewalt oft zuerst online ab. Der Bierwirt, der für den Mord an seiner Ex-Partnerin in Wien-Brigittenau beschuldigt wird, belästigte zuvor die grüne Clubchefin Sigrid Maurer über Facebook Messenger.

Woher kommt dieser gezielte Hass gegen Frauen?

Ich betrete das Dark Net mit einem männlichen Pseudonym, um mich auf die Suche nach den radikalsten Anti-Feministen zu machen: Den Incels – Involuntary Celibates (unfreiwillige Singles). Frauen bekommen hier keinen Zutritt. Die Community, die weltweit einige zehntausend Mitglieder hat, ist nur für Männer, die keine romantische Partnerin finden oder schlicht ihre Ressentiments gegen Frauen loswerden wollen. Hier werden Hasskampagnen, Selbstmorde oder gar Terroranschläge geplant.

Ich bin Tom, 28 Jahre alt und hatte noch nie eine Freundin. Von Frauen werde ich immer abgelehnt. In der Pandemie habe ich jetzt auch noch 20kg zugenommen und bin verzweifelt. Unter dieser Identität muss ich noch ein paar Fragen zur Incels-Kultur ausfüllen, dann schalten mich die Moderatoren frei. Auf die Frage, warum sie Incels wurden, antworten die Moderatoren des Forums: „Aufgrund schlechter genetischer Kombinationen und feministischer Politik.“

Im Forum begegnen mir Incels mit unterschiedlichsten Bildungshintergründen. Ein Nutzer gibt an, einen Master in Accounting zu haben. Andere beschreiben ihre Arbeit als LKW-Fahrer und Regalschlichter im Supermarkt. Viele sind in ihren späten 20ern, arbeitslos und wohnen bei Ihren Eltern. Manche Incels sind frustriert mit der Wirtschaft: „Uni-Abschlüsse sind meistens wertlos, die wirtschaftliche Lage ist derzeit hoffnungslos.“ Andere sind überzeugt, ihr schlechtes Aussehen sei Schuld an ihrer Arbeitslosigkeit: “Mir fällt kaum eine Arbeit ein, die man als hässlicher Mann machen kann.”

Frauen werden als böse roboterartige Kreaturen gesehen, als “Femoids”, die man nur mit Gewalt zähmen kann. Ein Incel schreibt etwa: „Männer mit ‘niedrigem sexuellen Marktwert’ haben keine andere Wahl Macht zu Erlangen als mit Gewalt und Vergewaltigung. Das ist der einzige Aufstieg für unsereins. Beraube weibliche Wesen mit Gewalt ihrer Macht, dann wird die Gesellschaft dir Aufmerksamkeit schenken.”

Die Incels stacheln sich wechselseitig auf. Doch der Frauenhass und das Verlangen nach Gewalt beginnen oft beim Hass auf sich selbst. „Ich würde mich gerne umbringen“, schreibt ein Incel. Einige Nutzer ermutigen ihn zum Selbstmord und teilen sogar Links zu Erstickungs- und Ertränkungsmethoden. Ein anderer antwortet darauf: „Ich bringe mich erst um nachdem ich Rache an unserer Gesellschaft geübt habe.“ Einige Nutzer empfehlen auch Vergewaltigung als bessere Lösung, um den Frust loszuwerden.

Manche Incels gehen so weit, dass sie Eugenik unterstützen, weil sie so unzufrieden mit ihrer eigenen Genetik sind. “Frauen mit guten Genen sollten gezwungen werden acht Kinder oder mehr zu gebären. Frauen mit gesundheitlichen oder genetischen Problemen sollten sterilisiert werden“.

Diese eindeutige Krise der Männlichkeit betrifft nicht nur Nutzer auf Incels. Incels ist nur ein Bruchteil der sogenannten „Manosphäre“ im Internet, die aus unterschiedlichen frauenfeindlichen Subkulturen besteht. Männerrechtler versuchen Frauenrechte rückgängig zu machen und Gender-Hierarchien zu reetablieren, Pick Up Artists verfolgen das Ziel möglichst viele Frauen mit manipulativen Techniken zu Sex zu verführen und Men Going Their Own Way (MGTOW) wollen nichts mit Frauen zu tun haben.

Mit Online-Einschüchterungskampagnen versuchen Männer der „Manosphäre“ feministische Frauen zum Schweigen zu bringen. Durch die Verbreitung von Hashtags wie #Feminazis und #femsplaining hat der Begriff des Feminismus mittlerweile für viele Männer und Frauen eine negative Konnotation. Vielleicht will sich Frauenministerin Susanne Raab deshalb nicht als Feministin bezeichnen.

Viele Männer sind der Überzeugung, Feminismus sei zu weit gegangen. Männer seien Opfer der liberalen, feministisch geprägten Gesellschaft, die sie ihrer Rechte beraubt. „Frauen haben es zehnmal besser im Leben,“ schreibt mir ein Antifeminist und bringt mich zum Lachen. Seit ich selbst Mutter bin, fallen mir die strukturellen und alltäglichen Ungerechtigkeiten für Frauen noch eindeutiger auf – in der medizinischen Versorgung, der Arbeit und im Privatleben.


Hinweis: Ab sofort schreibt Julia Ebner jeden Montag auf falter.at die Kolumne „Ebner im Netz: Erkundungen radikaler Welten“. Hier können Sie die Kolumne kostenlos abonnieren.