Kickl und die Krokodile

Wie Verschwörungsmystiker Menschen aufwiegeln, sich nicht impfen zu lassen. Und warum Politiker darauf aufspringen.

JULIA EBNER | 14.06.2021
Herbert Kickl bei einer FPÖ-Kundgebung | APA/MICHAEL GRUBER

Die gute Nachricht: Die Impfbereitschaft in Österreich steigt. Die schlechte Nachricht: Nach wie vor lehnt jeder vierte in der österreichischen Bevölkerung die Covid19-Impfungen ab. Das fügt sich in ein internationales Bild: Radikale Impfgegner haben seit 2019 online mindestens 7,8 Millionen Follower dazugewonnen.

Die Impfskepsis in der Bevölkerung ist das Produkt von systematischer Falschinformation und Verschwörungsmythen, die sich im vergangenen Jahr explosionsartig online verbreitet haben. Unsere Netzwerkanalysen beim Institut für Strategischen Dialog zeigen, dass Impfgegnerschaft vor allem von den sich überlappenden Netzwerken der Neuen Rechten, FPÖ und AfD Accounts, bekannten Verschwörungsmystikern und Systemkritikern propagiert wird. So ist FPÖ-Klubobmann Herbert Kickl einer von den fünf Top-Accounts auf Facebook, die im deutschsprachigen Raum Desinformation und irreführende Posts zu Covid19-Impfstoffen teilen. An Impfgegnern wie Kickl verdienen soziale Netzwerke durch Werbeeinnahmen pro Jahr rund eine Milliarde US-Dollar laut Studie des Center for Countering Digital Hate.

“Die Bürger werden genötigt, Teilnehmer eines riesigen Gentechnik-Experiments zu sein. Die Grund- und Freiheitsrechte werden unter dem Vorwand des Gesundheitsschutzes zu Grabe getragen“, wettert Kickl und spiegelt damit die Rhetorik von ultrarechten und verschwörungsmystischen Kanälen auf Telegram. Hier werden angebliche Nebenwirkungen und Todesfälle aufgezählt, die keinerlei Kausalität mit dem Impfstoff aufweisen. Es werden medizinische Analysen ohne akademische Fundierung abgegeben. Den Pharmakonzernen und der Politik wirft man eine große Weltverschwörung vor und den Medien und Forschungsinstituten das bewusste Stillschweigen dieser. Das ist nur die Spitze des Desinformationseisbergs.

Ein Blick in die Online-Netzwerke von QAnon reicht, um die widersprüchlichsten Covid19-Erklärungen und wildesten Spekulationen zu Impfstoffen zu finden. QAnon ist die weltweit größte Verschwörungsmystiker-Community, die den “globalen Eliten” unterstellt satanistische Kinderschänder zu sein, die das Blut ihrer Opfer trinken.

Die Verbreiter von absurden Verschwörungsmythen wie QAnon verfolgen unterschiedliche Ziele: manchmal geht es darum, politische Gegner zu schwächen und aktuelle Machtstrukturen ins Wanken zu bringen, andere Male stehen ökonomische Profite und mediale Aufmerksamkeit im Vordergrund.

In meinen Undercover-Recherchen bei QAnon fiel mir auf, dass die Corona-Krise besonders oft mit antisemitischen Ideen verknüpft wird. Man behauptet zum Beispiel, dass alle Erzeuger von Covid19-Vakzinen von den „globalen jüdischen Eliten“ geleitet werden, welche uns genetisch manipulieren und die Weltbevölkerung künstlich reduzieren wollen. In denselben Gruppen findet man aber auch die Hypothese, dass Bill Gates ein weltweites Überwachungsexperiment plant, bei dem uns über die Impfstoffe Micro-Chips implantieren werden sollen. Man argumentiert dann sogar, natürlich ganz ohne Beweise, dass auch die Spanische Grippe in Wirklichkeit ein globales Impf-Desaster war, das man jetzt wiederholen möchte.

Die Angst- und Panikmache funktioniert zu Krisenzeiten besonders gut. Verschwörungstheorien, Ressentiments gegen „das Establishment“ und Hass gegen Minderheiten erlebten schon bei früheren Pandemien in der Geschichte Aufschwung. In Zeiten der Pest im 14. Jahrhundert beschuldigte man Juden, Brunnen vergiftet zu haben und im 19. Jahrhundert wurde Cholera als Erfindung von Ärzten abgetan, denen man vorwarf sie wollten Organhandel betreiben.

Psychologen sprechen von einer „Verschwörungsmentalität“, die manche Menschen besonders anfällig für Verschwörungserzählungen macht, selbst wenn diese unbegründet, unlogisch oder gar widersprüchlich sind. Schon zu Beginn der Pandemie zeigte sich: Je absurder die Ratschläge und Spekulationen, umso viraler gehen sie. Dieselben Gruppen, die jetzt von globalen Impfexperimenten sprechen, haben in den ersten Monaten der Pandemie dazu aufgerufen, Bleich- und Desinfektionsmittel zur Behandlung von Covid19 zu gurgeln oder gar zu schlucken, woraufhin Notrufe bei Giftzentralen in den USA signifikant anstiegen.

In den USA und Italien gab es bereits erste Angriffe auf Impfstationen, Pharmakonzerne und akademische Institutionen. In Los Angeles musste beispielsweise das Dodger Stadium, eines der größten Impfzentren weltweit, aufgrund von Protesten temporär geschlossen werden. Im italienischen Brescia wurde eine Impfstation mit Molotov-Cocktails beworfen und in Rom wurde das Oberste Gesundheitsinstitut in Brand gesteckt.

Die mit Verschwörungsmythen verknüpfte Impfskepsis ist spätestens seit letztem Jahr kein Randphänomen mehr. Mainstream-Politiker wie Kickl haben in Österreich mit Sicherheit ihren Beitrag geleistet. Doch FPÖ-Politiker zählen nur zu einer Reihe populistischer Stimmen, die im internationalen Kontext militante Impfgegner und Verschwörungsmystiker stärken. In den USA sympathisieren dutzende republikanische Kongresskandidaten mit den Verschwörungstheorien von QAnon. In Italien verlangte die Abgeordnete der Fünf-Sterne-Bewegung Sara Cunial sogar, dass Bill Gates vom Internationalen Strafgerichtshof wegen „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ angeklagt werde. Und in Brasilien leugnete Präsident Bolsonaro die Pandemie zuerst komplett, um dann zu behaupten, dass die Pfizer-Impfung Menschen in Krokodile verwandeln könne.

Die Angst- und Panikmache bei Covid19-Impfungen ist eine schleichende Gefahr: Sie erzeugt zunehmend Misstrauen in Wissenschaft, Demokratie und Medien und ist somit vor allem eines: eine politische Waffe.


Hinweis: Ab sofort schreibt Julia Ebner jeden Montag auf falter.at die Kolumne „Ebner im Netz: Erkundungen radikaler Welten“