Geschüttelt, nicht gerührt

Ob Israel oder Österreich: Wer sich mit den Rechten ins Bett legt, wird immer weiter nach rechts geschoben werden, bis er auf dem harten, faschistischen Boden landet.


HARRY BERGMANN

11.01.2023

Ins neue Jahr zu rutschen statt wie üblich zu schlittern ist der bescheidene Wunsch ihres Kolumnisten | Foto: Thomas Hetzler | Unsplash

Sind Sie gut ins neue Jahr gerutscht? Ich meine gerutscht, nicht geschlittert. Der Rutsch, das ist der Gute. Denn das Wort Rutsch kommt – nach zig seltsamen Verschiebungen – vom hebräischen Wort Rosch, der Kopf. Ist der Kopf eines Jahres, also der Anfang, einmal geschafft, ist zumindest irgendetwas geschafft. Gar nicht einmal so leicht in einer kopflosen Zeit wie der unsrigen.

Sollte es den einen oder die andere geben, die aus strammen ideologischen Gründen Probleme mit dem hebräischen Ursprung des Neujahrswunsches haben, dann kann der eine oder die andere ja immer noch bei „Prosit Neujahr“ bleiben.

Der Schlitterer, das ist der Nicht-so-Gute. Im Schlittern ist schon das apokalyptische Ende angedeutet. Man schlittert in den Abgrund. Man schlittert vom Regen in die Traufe. Man schlittert von der politischen Mitte an den politischen Rand. Man schlittert von der Demokratie in die Autokratie und, wenn es ganz blöd kommt, von der Autokratie in die Diktatur. Man schlittert von der Epidemie in die Pandemie. Man schlittert von der Freunderlwirtschaft in die Korruption. Man schlittert von der Diskussion in den Streit und von dem Streit vielleicht sogar in den Krieg.

Wir als Welt, wir als Gesellschaft, wir als Gemeinschaft sind in das neue Jahr geschlittert. Eindeutig. Und wir schlittern schon in den ersten Jänner-Tagen munter weiter. 

Vor ein paar Tagen – als der Republikaner Kevin McCarthy beim elften Wahlgang noch immer nicht Vorsitzender des Repräsentantenhauses geworden war – schrieb ich auf Twitter: „Die Republikaner sind viel lustiger als die ÖVPler.“

Keine Ahnung, warum ich das so geschrieben habe. Wollte ich „lächerlicher“ schreiben? Nein, denn kaum wer ist lächerlicher als die ÖVPler in ihrem derzeitigen Aggregatzustand – irgendetwas zwischen fest-gefahren und über-flüssig. McCarthy hat es dann beim fünfzehnten Versuch geschafft. Fünfzehn Versuche! Wie tief kann ein Politiker sinken? Wie tief kann eine Partei sinken? Fünfzehnmal vor der ganzen Welt vorgeführt. Fünfzehnmal sich den Rechtesten der Rechten angebiedert und ausgeliefert. Sozusagen ins Amt geschlittert.

Dabei ist McCarthy nicht einmal die Spitze der politischen Peinlichkeit. Im Jahre 1860 soll es einen Republikaner gegeben haben, der erst beim vierundvierzigsten Wahlgang Vorsitzender wurde. 1860 war noch nicht einmal die elektrische Glühbirne erfunden. Vielleicht gab es deshalb auch noch mehr Armleuchter, als heute. Man kann es allerdings auch so sehen: Bei den Republikanern geht es seit 1860 aufwärts.

Und was hat das mit der ÖVP Niederösterreich zu tun? Nichts und alles. 

Nichts, weil es da beim besten Willen nicht aufwärts geht, sondern abwärts. Zumindest von allmächtig auf mächtig. 

Alles, weil das gleiche Muster erkennbar ist. Die Anbiederung nach rechts. Die hat noch nie jemand geholfen, außer den Rechten, den Super-Rechten, den Ultra-Rechten selbst. Wer sich mit den Rechten ins Bett legt, wird immer weiter nach rechts geschoben werden, bis er neben dem Bett auf dem harten, faschistischen Boden landet. So schlittert man aus der Demokratie. Wann werden die das endlich begreifen?

Und was hat das mit „meinem“ Israel zu tun? Leider viel zu viel. 

Seit ein paar Tagen ist die neue Regierung im Amt, wenn man „so etwas“ überhaupt Regierung nennen kann. Bini Guttmann nennt es in seinem Standard-Kommentar „Gruselkabinett“, was dieser Gruppe aus Radikalen, Rassisten, Homophoben, Demokratie- und Justizfeinden wesentlich näherkommt. Wie konnte das Land da hineinschlittern? Es ist leider viel zu simpel: Ein Mann will wieder Premierminister werden, um seinen eigenen Problemen mit der Justiz zu entgehen und verkauft seine Seele und die Seele einer blühenden Demokratie an ein paar Rechtsextreme. Und die eigene Partei schaut wie gelähmt zu. 

Was soll ich dazu sagen? Da es um Israel geht, kann ich ja nicht einmal vom Fremdschämen reden. Also sage ich, was ich hoffe und an was ich auch glaube: Dieses Frankenstein‘sche Monster wird bald über seine eigenen Füße stolpern.

Und was hat das mit der SPÖ zu tun? Na ja, wenn es ums Stolpern geht, eigentlich sehr viel.

Ich habe am Sonntag am Abend die Parteivorsitzende bei Armin Wolf in der ZIB 2 gesehen. Jetzt mal abgesehen davon, dass berechtigte harte Fragen nicht in absolute Respektlosigkeit und offensichtliche Antipathie abrutschen sollten, habe ich selten einen Politiker oder eine Politikerin so ungebremst von einem Ungemach ins nächste schlittern gesehen. Dabei ist die Arme ja nur ein Abbild der Orientierungslosigkeit der gesamten Partei.

Wie schwer kann es sein, das Credo der Sozialdemokratie, nämlich soziale Gerechtigkeit, mit zeitgemäßen Inhalten zu füllen? Wie falsch kann man liegen, dass man glaubt, die Errungenschaften der Sozialdemokratie, die vor 100 Jahren die Gesellschaft verändert haben, heute – gerade heute – nicht mehr zu brauchen. Das sind nicht die „Mühen der Ebene“ von denen Brecht gesprochen hat, das sind die Mühen der eigenen Phantasie- und Visionslosigkeit. Aber was soll’s: Man wird auch bei den nächsten Wahlen bejubeln, dass man kaum Stimmen verloren hat.

Aber wenn die Konservativen dieser Welt nichts mehr zum Konservieren und die Sozialisten nichts mehr zum Sozialisieren haben, dann schlittern wir alle in den nächstgelegenen rechten Graben und mit uns unsere schöne Demokratie.

Sie haben jetzt ein Jahr Zeit, sich auf den nächsten Jahreswechsel vorzubereiten. Leisten Sie Ihren Beitrag, so klein er auch sein mag, dass wir gut vom alten 2023 ins neue 2024 kommen. Und wenn Sie auf der Silvesterparty zufällig neben James Bond zu stehen kommen, wie er gerade seinen Martini „geschüttelt, nicht gerührt“ bestellt, dann zwinkern Sie ihm zu und sagen ganz überlegen: „gerutscht, nicht geschlittert!“.  

Das wünscht Ihnen und sich,

Ihr Harry Bergmann 


Dr. Harry Bergmann, Werbedilettant (gar nicht einmal so schlecht), Kolumnisten-Dilettant (na, ja…). Hat durch das Schreiben einige Freunde verloren, aber mehr gewonnen (glaubt er zumindest). Denkt seit einiger Zeit darüber nach, ob der Flug Wien – Tel Aviv ein Hinflug oder ein Rückflug ist.

Zuletzt erschienen:

Nr. 163 Das angelobte Land (01.02.2023)
Nr. 162 Was liegt, das pickt (20.01.2023)
Nr. 160 Ich habe mit Elon Musk telefoniert (20.12.2022)
Nr. 159 Der Fingerhut und das Nähkästchen (14.12.2022)
Nr. 158 Gehen auf dünnem Eis (29.11.2022)
Nr. 157 Kalte Füße im heißen Sand (25.11.2022)
Nr. 156 Die Erdkrümmung (11.11.2022)
Nr. 155 Konzentration des Grotesken (24.10.2022)
Nr. 154 „Heb‘ die Füße beim Gehen!“, sagte meine Mutter (17.10.2022)
Nr. 153 Die Kragenweite (08.10.2022)
Nr. 152 Ein Potemkin kommt selten allein (04.10.2022)
Nr. 151 Die Welt als Schießbude (26.09.2022)
Nr. 150 Was bleibt? (16.09.2022)
Nr. 149 Ich lese Hemingway! (02.09.2022)
Nr. 148 Ich, das Sommerloch (22.08.2022)
Nr. 147 Zwischen Humus und Hummus (09.08.2022)
Nr. 146 Die Spatzen, die Tauben und der grüne Kakadu (03.08.2022)
Nr. 145 Die Energie folgt der Aufmerksamkeit (25.07.2022)
Nr. 144 Send in the Clowns (12.07.2022)
Nr. 143 Die überdrüber Super-Demokratie (05.07.2022)