Ich habe mit Elon Musk telefoniert

Wie es mit dem Eigentümer von Twitter weitergeht, wie es um den Account Ihres Kolumnisten steht und wie (vielleicht) das Fußballfieber im Vatikan ausgebrochen ist


HARRY BERGMANN

20.12.2022

Sich selbst aus dem Amt gezwitschert? Die Leiden des Elon Musk | Foto: APA/AFP/Constanza Hevia

Bevor ich Ihnen von diesem Telefonat erzähle, habe ich eine Frage: haben Sie den Film „Die zwei Päpste“ gesehen? Mit Anthony Hopkins als Papst Benedikt XVI. und Jonathan Pryce als Kardinal Bergoglio? Der amtsmüde Benedikt lädt seinen großen Kritiker aus Argentinien nach Rom ein, um über Gott und die Welt zu reden. Worüber sollen die beiden schon reden? Ein wunderbar sensibler Film mit gescheiten Dialogen.

Aber das ist nicht der Grund für meine Frage. Der Grund ist die glühende Tango- und Fußballbegeisterung von Bergoglio, mit der er versucht, den stockkonservativen, staubtrockenen Deutschen anzustecken. Daran musste ich beim WM-Finale Argentinien gegen Frankreich denken, und ich stellte mir vor, was sich gerade – je nach Spielstand – hinter den Vatikanmauern abspielt.

  1. Minute: Argentinien führt gegen eine völlig inferiore französische Mannschaft 2:0 und sieht wie der sichere Weltmeister aus. Papst Franziskus, mit einem hellblau-weiß-gestreiften Fan-Schal aufgepimpt, tanzt vor dem laufenden Fernseher mit einer Ordensschwester Tango. Er pfeift die Melodie nach. Schlecht, aber mit Begeisterung.  Er ist im irdischen Glück.
  1. Minute: Der Himmel stürzt ausgerechnet über dem Vatikan ein. Die Franzosen – nein, d-e-r Franzose – gleicht aus. 2:2. Nicht einmal der Nachfolger von Petrus und der Stellvertreter Jesus versteht, was da gerade passiert ist. Er lässt den Tango Tango und die Ordensschwester Ordensschwester sein und sinkt auf die Knie. Er murmelt etwas Unpäpstliches.
  1. Minute: Gott selbst, in der Gestalt von Leo Messi, schießt das 3:2. Franziskus läuft freudenschreiend und luftspringend in Richtung Sixtinische Kapelle. Dort, wo er zum Papst gewählt wurde, will er sehen, ob Messi nicht nachträglich in das Deckenfresko von Michelangelo eingearbeitet werden kann.
  1. Minute: Kann es zwei Götter geben? Vielleicht ist es die gerechte Strafe dafür, dass es zwei Päpste gibt. Der andere Gott, nämlich Mbappé, gleicht schon wieder aus. 3:3.
  1. Minute: Elfmeterschießen. Das von der FIFA zugelassene, aus dem Mittelalter übernommene Gottesurteil. Franziskus betet. Er weiß, dass jetzt nur ein starker Glaube hilft. Er ist gläubig, aber so gläubig ist er doch nicht. Er zweifelt. Er zweifelt, ob es ein verzeihender oder ein zürnender Gott ist. Er versteht zwar das Konzept, dass Gott ein Gott für alle ist, aber warum ausgerechnet jetzt auch für die Franzosen? Das ist alles zu viel für ihn, er ist schließlich auch nur ein Hirte. Er kann nicht mehr auf den Bildschirm schauen. Er dreht sich um und hört nur mehr zu. Er hört, dass Argentinien das Elferschießen 4:2 gewonnen hat. Weltmeister!! Ende gut, alles gut. Er küsst die Ordensschwester. Auf die Stirn natürlich.

Jetzt hätte ich, im Fußballfieber, beinahe vergessen, was ich Ihnen über Elon Musk erzählen wollte, der übrigens auch das Match verfolgte. Standesgemäß in der VIP-Loge im Stadion. Neben ihm der Schwiegersohn von Donald Trump, ich sag’s ja nur.       

Sie müssen wissen, ich habe da so eine Sache laufen mit Elon Musk. Also „Sache laufen“ ist vielleicht etwas übertrieben. Das klingt, als würde ich gute Geschäfte mit ihm machen. Die Wahrheit ist, ich mache ein ganz schlechtes Geschäft mit ihm. Seit er – für schlanke 44 Milliarden – Besitzer von Twitter geworden ist, verliere ich ständig Follower. Der gute Mann wird mir noch das ganze Herumtwittern verleiden. Ich spüre, dass etwas Persönliches zwischen ihm und mir ist, aber ich komme einfach nicht drauf, was. Unlängst kam mir bei meiner Ursachenforschung ein Zufall zur Hilfe.

Musk ließ die Accounts von ein paar sehr prominenten Journalisten – also quasi Kollegen von mir – sperren. Sie hätten persönliche Daten von ihm der Öffentlichkeit preisgegeben. Dabei waren es gar nicht seine Daten, sondern die Daten seines Flugzeugs, das er aber so liebt – das Flugzeug nämlich – dass ihn das voll gemagerlt hat. „Wer mein Flugzeug outet, outet mich“ oder so ähnlich.

Also ich schicke keine Raketen ins All, ich revolutioniere nicht die Automobilindustrie, ich beeinflusse nicht weltweit die Aktienmärkte, aber ich bin auch nicht von gestern. Hat man die Daten seines Flugzeugs, sind es nur mehr zwei einfache Schritte – also bei Gott (!) nicht die Tango-Schritte von Franziskus – zu seiner Mobiltelefon-Nummer.

Ich wollte ihn schon anrufen und ihm erklären, wie satt ich es habe, dass es immer einzelne Kerle sind, die die Welt zu einem noch schlechteren Platz machen, als sie eh schon ist, indem sie so tun, als gehöre ihnen diese Welt allein. Putin, Trump, Orban und wie sie alle heißen. Ich habe es dann nicht gemacht. Und ja, ich weiß, dass die Headline dieser Kolumne nicht stimmt, aber ich hatte ärgste Befürchtungen, dass Sie nicht zum Lesen anfangen, wenn der Titel – wahrheitsgemäß – lautet: „Ich habe nicht mit Elon Musk telefoniert.“     

Aber oft erledigen sich Dinge von selbst, oder könnten sich von selbst erledigen. Musk hat nämlich auf Twitter abstimmen lassen, ob er Chef von Twitter bleiben soll oder nicht, und verloren. Er soll nicht. Aber vielleicht hat er in Wirklichkeit gewonnen und das genau so gewollt, was weiß man schon von diesem Monomanen, der sich nicht zu blöd ist, einem unschuldigen Klein-Twitteranten wie mir am hellichten Tag redlich erworbene Follower zu stehlen.

Einmal abgesehen von Elon Musk, halte ich viel von solchen Abstimmungen. Bei uns in der kleinen Welt vom Neusiedlersee (wenn der überhaupt noch ein See ist) bis zum Bodensee könnten wir auch wieder einmal abstimmen lassen. Zum Beispiel über die Regierung. Ich weiß schon, dass im Moment die FPÖ an erster Stelle liegt, aber vielleicht könnte so eine Wahl dazu führen, dass sich endlich einige von Kickl & Co. abgrenzen müssen, anstatt ständig sein Geschäft zu besorgen.

Meint 

Ihr Harry Bergmann, der Ihnen ein schönes Weihnachtsfest oder ein ebenso schönes Chanukkafest wünscht. Je nachdem.    


Dr. Harry Bergmann, Werbedilettant (gar nicht einmal so schlecht), Kolumnisten-Dilettant (na, ja…). Hat durch das Schreiben einige Freunde verloren, aber mehr gewonnen (glaubt er zumindest). Denkt seit einiger Zeit darüber nach, ob der Flug Wien – Tel Aviv ein Hinflug oder ein Rückflug ist.

Zuletzt erschienen:

Nr. 163 Das angelobte Land (01.02.2023)
Nr. 162 Was liegt, das pickt (20.01.2023)
Nr. 161 Geschüttelt, nicht gerührt (11.01.2023)
Nr. 159 Der Fingerhut und das Nähkästchen (14.12.2022)
Nr. 158 Gehen auf dünnem Eis (29.11.2022)
Nr. 157 Kalte Füße im heißen Sand (25.11.2022)
Nr. 156 Die Erdkrümmung (11.11.2022)
Nr. 155 Konzentration des Grotesken (24.10.2022)
Nr. 154 „Heb‘ die Füße beim Gehen!“, sagte meine Mutter (17.10.2022)
Nr. 153 Die Kragenweite (08.10.2022)
Nr. 152 Ein Potemkin kommt selten allein (04.10.2022)
Nr. 151 Die Welt als Schießbude (26.09.2022)
Nr. 150 Was bleibt? (16.09.2022)
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Nr. 148 Ich, das Sommerloch (22.08.2022)
Nr. 147 Zwischen Humus und Hummus (09.08.2022)
Nr. 146 Die Spatzen, die Tauben und der grüne Kakadu (03.08.2022)
Nr. 145 Die Energie folgt der Aufmerksamkeit (25.07.2022)
Nr. 144 Send in the Clowns (12.07.2022)
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