Ein Potemkin kommt selten allein

Von potemkinschen Dörfern, der österreichischen Bundespräsidentenwahl und dem schweigenden Amtsinhaber


HARRY BERGMANN

04.10.2022

Im Bild redselig, oftmals zu schweigsam: Bundespräsident Alexander Van der Bellen | Foto: FOTO: APA/Eva Manhart

Dieser Grigori Alexandrowitsch Potjomkin ist schon ein tüchtiger Kerl. War ein tüchtiger Kerl, denn er weilt nicht mehr unter uns. Er weilte nämlich zu Zeiten von Katharina der Großen und die weilt auch schon seit 1796 nicht mehr unter uns. Er war Fürst – na gut, dazu muss man nicht tüchtig sein, dazu ist man geboren oder man ist es nicht – er war aber auch Feldmarschall und angeblich sogar ein Liebhaber der allmächtigen Zarin, und da kann man ihm – auch wenn man den Gerüchten über Katharina nicht Glauben schenkt – schon eine gewisse Tüchtigkeit zugestehen. Er wäre aber trotz seiner Tüchtigkeit schon längst vergessen, wenn er nicht ein außerordentliches – wie soll ich sagen? – „städtebauliches“ Talent gehabt hätte.

Der gute Grigori hat Dörfer entstehen lassen, ohne ein einziges Dorf wirklich aufzubauen. Er hat vermeintliche Dorfbewohner von einer Attrappe zur nächsten transportieren lassen. Ein Illusionist, lange bevor man als Illusionist Hallen oder Stadien füllen konnte. Jetzt fragt man sich natürlich: „Warum macht das einer?“

Nun, Gregori war zuständig für die Ansiedlung und den Wohlstand im kurz davor eroberten Neurussland, und auf einer gemeinsamen Reise durch dieses Gebiet wollte er seiner Chefin den Fortschritt präsentieren. Ob dieses Blendwerk bei der Zarin „eine’gangen“ ist? Keine Ahnung. Jedenfalls gibt es seit damals den Begriff des potemkinschen Dorfes.

Das muss man auch einmal zusammenbringen. Ich sag ja, tüchtig.

Neurussland war übrigens dort, wo heute die Ukraine ist. Da soll noch einer sagen, dass sich die Geschichte nicht wiederholt. Ob sich Wladimir Wladimirowitsch Sie-wissen-schon-wer bei Grigori Alexandrowitsch Sie-wissen-spätestens-jetzt-wer eine Anleihe genommen hat? Natürlich hat er. Was anderes als ein potemkinsches Dorf soll die Annexion von Donezk, Luhansk & Co. denn sein? „Ich mach mal so, als ob hier Russland ist. Schau ma, was passiert.“

Aber wer ist in diesem Fall Katharina die Große? Die Welt? Sicher nicht. Das russische Volk? Auch nicht. Ich glaube, es ist Wladimir Wladimirowitsch selbst. Er will es so sehen, also sieht er es. Ob seine Soldaten davonrennen oder nicht. Auto-Potemkin, sozusagen.

Ich will mich vor Ihnen nicht mehr hervortun, als mir zusteht, aber ich habe neben dem Auto-Potemkin auch noch den Contra-Potemkin gefunden. In Ermangelung einer Duden Definition und weil ich dabei immer an den Urvater aller Potjomkins, Grigori Alexandrowitsch, denke, sage ich „der Potemkin“. Der Contra-Potemkin ist leicht erklärt: man sieht etwas nicht, obwohl es da ist. Da musste ich nicht lange suchen, denn der Contra-Potemkin ist gerade wieder in Österreich aufgeschlagen. In Form des Corona-Herbsts 2022.

Folgendes habe ich vor ein paar Tagen getwittert: „Österreichische Corona-Logik: Kein Grund zur Sorge. Wir krachen zwar gerade in einen Eisberg, aber wir haben genau berechnet, dass wir jetzt in einen Eisberg krachen werden.“ Ein besonders Wohlmeinender antwortete mir: „Geh, trink a Bier und gib a Ruh!“

Okay, ich trink zwar kein Bier, gib aber „a Ruh‘“ und revidiere die Definition eines Contra-Potemkins. Man will etwas nicht sehen, obwohl es da ist. Beziehungsweise die politische Auslegung des durchgängig gechillten Gesundheitsministers: man darf nicht sehen, was da ist, denn sonst müsste man ja – Gott behüte – etwas tun.

Da Österreich in den nächsten Tagen den nächsten Bundespräsidenten wählt, der am Ende des Tages natürlich nicht ein neuer Bundespräsident, sondern der alte Bundespräsident sein wird, möchte ich über noch eine Variante des Contra-Potemkin ein Wort – oder zwei – verlieren. Es geht dabei um Dinge, die nicht mehr gesehen werden sollten, die aber leider da sind, unleugbar da sind. Nennen wir sie beim Namen: Rassismus, Faschismus, Nationalismus, Fremdenhass, Judenhass, Frauenhass und so weiter.

So uninteressant ist diese Wahl nicht. Denn es werden zwei Gesichter der österreichischen Gesellschaft sichtbar. Bitte verstehen Sie mich richtig: es geht nicht darum, welches Gesicht mir zu Gesicht steht. Jeder, der von seinem passiven Wahlrecht Gebrauch machen will und der ausreichend Unterstützungserklärungen sammelt, soll sich dieser Wahl stellen. Es nimmt auch kein Kandidat dem anderen Kandidaten Stimmen weg. „Die Stimmen gehören ja den Wählern“. Viel einfacher und treffender als Dominik Wlazny kann man das schwer sagen.

Aber was da – freiwillig oder unfreiwillig – in einigen Gesprächen oder Interviews aufblitzt, ist nicht ohne. Damit ich nicht allzu kryptisch bleibe, verweise ich zum Beispiel auf ein Interview von Corinna Millborn mit Walter Rosenkranz. Ich muss da gar nicht ins Detail gehen, denn erstens kann man es sicher in irgendeinem Archiv nachsehen und zweitens ist die Gesinnung von Herrn Rosenkranz ja bekannt.

Weil das alles so ist, hätte ich gern vom neuen, alten Bundespräsidenten etwas Hinweisendes oder Mahnendes oder Aufrüttelndes oder zum Nachdenken Anregendes oder Aufforderndes gehört. Denn solange kein anderer gewählt ist, ist er ja unser Bundespräsident, oder habe ich da in der Verfassung etwas nicht verstanden?

Es gibt einfach Dinge, die sind größer als eine Wahl und größer als ein Wahlsieg (vor allem einer, der ohnehin ungefährdet ist).

Bevor es aber am nächsten Sonntag soweit ist, gibt es noch einen Mittwoch. Und an diesem Mittwoch feiern wir Juden unseren höchsten Feiertag, Jom Kippur. Auch dieser Tag hat zwei Gesichter. Es ist der Tag, an dem Gott über uns Gericht sitzt, aber es ist auch der Tag der Versöhnung. Und wenn ich mir für den darauffolgenden Wahlsonntag etwas wünschen darf, dann, dass die Versöhnung siegt.

Ihr Harry Bergmann


Dr. Harry Bergmann, Werbedilettant (gar nicht einmal so schlecht), Kolumnisten-Dilettant (na, ja…). Hat durch das Schreiben einige Freunde verloren, aber mehr gewonnen (glaubt er zumindest). Denkt seit einiger Zeit darüber nach, ob der Flug Wien – Tel Aviv ein Hinflug oder ein Rückflug ist.

Zuletzt erschienen:

Nr. 158 Gehen auf dünnem Eis (29.11.2022)
Nr. 157 Kalte Füße im heißen Sand (25.11.2022)
Nr. 156 Die Erdkrümmung (11.11.2022)
Nr. 155 Konzentration des Grotesken (24.10.2022)
Nr. 154 „Heb‘ die Füße beim Gehen!“, sagte meine Mutter (17.10.2022)
Nr. 153 Die Kragenweite (08.10.2022)
Nr. 151 Die Welt als Schießbude (26.09.2022)
Nr. 150 Was bleibt? (16.09.2022)
Nr. 149 Ich lese Hemingway! (02.09.2022)
Nr. 148 Ich, das Sommerloch (22.08.2022)
Nr. 147 Zwischen Humus und Hummus (09.08.2022)
Nr. 146 Die Spatzen, die Tauben und der grüne Kakadu (03.08.2022)
Nr. 145 Die Energie folgt der Aufmerksamkeit (25.07.2022)
Nr. 144 Send in the Clowns (12.07.2022)
Nr. 143 Die überdrüber Super-Demokratie (05.07.2022)
Nr. 142 Krankenstand, der neue Rücktritt (27.06.2022)
Nr. 141 Das Loch aller Löcher (13.06.2022)
Nr. 140 Eine Kurzgeschichte über Kurz und Geschichte (07.06.2022)
Nr. 139 Die Entdeckung der grundlosen Hysterie (03.06.2022)
Nr. 138 Kommt Strauch von straucheln? (30.05.2022)