Was bleibt?

Queen Elizabeth II. ist tot. Was bleibt von der Monarchin und warum stellen Tode wie der ihre einen solchen Einschnitt für viele von uns dar?


HARRY BERGMANN

16.09.2022

Blumen für die Queen | Foto: Samuel Regan-Asante

„London bridge is down!“ Die Queen ist tot. Einer dieser einschneidenden Momente im Leben, an den man sich später einmal erinnern wird. Zumindest für mich ist es so ein Moment. Ich werde mich erinnern, wo ich war, mit wem ich war, was ich gerade getan habe, als ich es erfuhr.

Wie das Attentat auf John F. Kennedy. Ich war zwölf, saß in meinem Kinderzimmer und ordnete gerade meine Spielsachen. Im Wohnzimmer, das auf der anderen Seite der Wohnung lag, lief der Fernseher. Ich hörte damals noch wie ein Zwölfjähriger und nicht wie heute. Meine Mutter hörte damals wie ich heute. Deshalb plärrte der Fernseher. Zimmerlautstärke ist eben ein relativer, sich im Zeitablauf des Lebens verändernder Begriff. Ich wusste wer Kennedy war – nicht genau, aber immerhin – und ich las im Gesicht meiner Mutter, dass da mehr zerbrochen war, als das Leben eines einzelnen Glamourösen.

Wie München 1972. Ein Freund, mit dem ich dreißig Minuten später verabredet war, rief mich an. Ich war noch immer in meinem „Kinderzimmer“ – kann man, muss man aber nicht erwähnen – die „Spielsachen“ waren aber zumindest altersadäquat. Ich weiß noch, dass ich dachte, er wollte absagen. „Hast Du schon gehört?“ Diese Frage gehört zu diesen Momenten dazu, wie der Tod, der auch meistens dazugehört. Ich hatte es noch nicht gehört und als er auflegte, wusste ich noch immer nicht, was genau passiert ist. Niemand wusste, was genau passiert ist. Erst heute – fünfzig Jahre später – weiß man langsam was genau passiert ist oder besser: was eben nicht passiert ist, was unbedingt hätte passieren müssen.

Wie die Ermordung von Jitzhak Rabin am 4. November 1995. Ich war natürlich schon einige Zeit aus meinem Kinderzimmer ausgezogen. Zwei meiner drei Söhne hatten ihre Kinderzimmer bezogen und dachten mit Sicherheit keine Sekunde daran, ihre Spielsachen zu ordnen. Abgesehen davon war ich gar nicht in Österreich, sondern in Israel und trat einen Flug an, von dem ich nie weiß, ob er ein Hin- oder Rückflug ist. Als ich in Tel Aviv den Flug startete, lebte Rabin noch. Als ich in Wien ankam, war er tot, genauso wie die Hoffnung auf Frieden.

Wie 9/11, die Terroranschläge am 11. September 2001 auf das World Trade Center in New York. Ich hatte mit meinen Partnern am Tulbingerkogel ein Management Seminar abgeschlossen und wollte gerade das Seminarhotel verlassen. Ich weiß noch, es ging um Leadership. Ehrlich gesagt, habe ich die Essenz dieses Seminars bis heute nicht wirklich verstanden. Aber was soll einer, der mit einundzwanzig noch in seinem Kinderzimmer herumhockte, schon mit Leadership anfangen? Um meine ja oder nein vorhandenen Leadership-Talente ging es aber gar nicht. Es ging einzig und allein um den Wahnsinn von einigen Fanatikern, die gewaltsam die Leadership über die gesamte Welt übernehmen wollten. Neben der Rezeption lief ein kleiner Fernseher, und man sah, wie ein bisschen Rauch aus einem der beiden Türme waagrecht herausquoll. Nachdem man mir erklärte, dass vielleicht ein kleines Sportflugzeug in den Turm geflogen ist, ging ich kopfschüttelnd weiter und fuhr nach Hause. Das Kopfschütteln hat bis heute nicht aufgehört. Der globale Terror auch nicht.

Sie, verehrte Leserinnen und Leser, werden vielleicht andere Momente gehabt haben, aber ich bin sicher, auch Sie hatten welche. Alle haben sie.

„Warum ist das so?“, frage ich mich. Warum erleben wir den Verlust dieser Unsterblichen so intensiv? Haben wir nicht genug damit zu tun, die Verluste in der Familie oder im Freundeskreis zu verarbeiten? Waren wir denn bei der Queen regelmäßig zum Tee geladen und sind dort im Kreise der Royals bei jeder Gelegenheit und Ungelegenheit über Camilla hergezogen (kommt Herzogin eigentlich von „hergezogen“?) oder sind wir im Weißen Haus ein- und ausgegangen und haben mit John F. die Lage in Kuba besprochen oder uns – hinter vorgehaltener Hand – nach dem Befinden von Marilyn Monroe erkundigt? Woher also diese Betroffenheit? Woher diese Vertrautheit?

Vielleicht, weil diese Personen nicht nur Personen sind, sondern Symbole. Symbole dafür, dass irgendetwas noch seine Ordnung, seine Kontinuität, seine genauen Koordinaten hat. Fixpunkte in einer Welt, die aus den Fugen ist. Das klingt ziemlich konservativ. Aber brauchen wir nicht alle auch ein bisschen Konservatismus? Muss ja nicht gleich der von Laura Sachslehner sein.

Und wie so oft erkennt man den Wert einer Sache oder einer Person erst dann, wenn man sie nicht mehr hat. Auch das gilt übrigens nicht für Laura Sachslehner.

Lassen Sie mich noch mit zwei Momenten enden. Der eine, den uns Charles, der über Nacht zu Charles III. mutiert ist, beschert hat, als er lernte, mit einer Füllfeder zu schreiben, was meistens nicht auf Anhieb gelingt. Auch ihm nicht. Sie brauchen sich allerdings diesen Moment nicht zu merken, denn es werden wöchentlich noch andere folgen, bis er das britische Königshaus so blamiert hat, dass sich die Sache mit der Monarchie von selbst erledigt haben wird.

Und der zweite Moment, der sich heute zugetragen hat und mir einen tiefen Stich ins Herz verpasst hat. Roger Federer hat seinen Rücktritt angekündigt. Tennis wird nie mehr so wunderschön sein. Schluchz!

Liebe Grüße aus Italien,

Ihr Harry Bergmann

Oh, ich habe vergessen die Headline zu beantworten: „Nix!“     


Dr. Harry Bergmann, Werbedilettant (gar nicht einmal so schlecht), Kolumnisten-Dilettant (na, ja…). Hat durch das Schreiben einige Freunde verloren, aber mehr gewonnen (glaubt er zumindest). Denkt seit einiger Zeit darüber nach, ob der Flug Wien – Tel Aviv ein Hinflug oder ein Rückflug ist.

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