Zwischen Humus und Hummus

Harry Bergmann über das Leben zwischen zwei Welten und das traurige Element, das beide miteinander verbindet


HARRY BERGMANN

09.08.2022

Hum(m)us – Ein Symbol für das Leben zwischen Österreich und Israel

Unlängst schrieb mir ein Freund, dass er zwar meinen Schreibstil mag, aber ich solle doch endlich mein Talent („Talent“ hat er nicht gesagt, es war sogar etwas mehr, aber das wäre mir hier und jetzt und vor Ihnen oberpeinlich) dafür verwenden, etwas zu schreiben, das die Menschen wirklich interessiert.

Gut, dass er mein Freund ist, immer mein Freund sein wird, egal was er mir schreibt, sogar wenn er mir gar nicht mehr schreibt. Denn bei einem Freund, weiß man, wie das, was er schreibt, wirklich gemeint ist. Am besten ich zitiere ihn: „Nehammer, Schmähammer, Kurz, Pfurz, ist mir völlig schnurz.“ Ob das jetzt als ernstzunehmende Lyrik anerkannt werden kann, überlasse ich Ihrem gestrengen Urteil, aber zumindest wissen wir jetzt alle, was er meint: ich soll endlich etwas schreiben, das IHN interessiert.

Er hat recht und auch nicht.

Er hat recht, weil ich mich in den letzten Jahren wirklich schon genug dilettantisch abgearbeitet habe an den Kurz, den Nehammers, den Sobotkas, den Doskozils, den Schramböcks, den Schallenbergs, den Mahrers, den Köstingers, den Mücksteins, den Rauchs, den Karners, den Koglers, den Pilnaceks, den Straches, den Tanners, den Grassers, den Sachslehners (ich gebe zu, das ging wirklich etwas zu weit), den Kickls, und wie sie alle heißen, die die österreichische Innenpolitik zu dem gemacht haben, was sie heute ist, einem ziemlich zerzausten Irgendwas. Muss man das gendern? Zu einer ziemlich zerzausten Irgendwas?

Ich bin auch kein Thurnher, kein Rauscher, kein Pándi, keine Linsinger, kein Kappacher, kein Wolf, kein Nusser, keine Tóth, kein Votzi, keine Stuiber, kein Lackner, keine Konzett, kein Traxler – wenn ich jemanden ausgelassen habe, und es ist nicht mit voller Absicht geschehen, dann entschuldige ich mich in aller gebotenen Form  – die oder der genau wissen, wovon sie oder er redet und schreiben. Und die, ehrlich gesagt, auch nix ändern. Sonst wäre es ja nicht so zerzaust.

Er hat nicht recht, weil ich ja eigentlich nur schreibe, wie es mir geht und wie das, was rund um mich passiert, darauf Einfluss hat, wie es mir geht. „Rund um mich“ ist entweder Österreich oder Israel. Ich lebe sozusagen zwischen gutem Humus und gutem Hummus. Da ich nun einmal den größeren Teil des Jahres in Österreich lebe, kann ich nicht leugnen, dass das, was die oben erwähnten Polit-Herrschaften denken oder nicht denken, wissen oder nicht wissen, diskutieren oder nicht diskutieren, planen oder nicht planen, beschließen oder nicht beschließen und schlussendlich tun oder nicht tun, nicht ganz spurlos an mir und meinem Wohlergehen oder Schlechtergehen vorbeigeht.

Nun ist es aber so, dass ich sicher nicht der Einzige bin, der so denkt und fühlt. Ich glaube sogar, dass ich ein Teil einer ziemlich großen Gruppe bin, sagen wir so zwischen Mitte-links und Mitte. Theoretisch könnte ich rot, grün oder pink wählen. Und da soll es ja, außer mir, noch ein paar Hoffnungslose geben. Es gibt Zahlenspiele, in denen kommt Rot, Grün und Pink sogar auf eine knappe Mehrheit. Also schreibe ich, was eine knappe Mehrheit der Gesellschaft – oder sagen wir vorsichtshalber eine gute Hälfte der Gesellschaft – denkt und fühlt. Denken und fühlen könnte. So uninteressant, wie das mein Freund hinstellt, ist das also auch wieder nicht.

Natürlich gibt es Dinge, die näher an mich herankommen, als andere. Meist kommen sie von rechts. Zugegeben, sie könnten auch von ganz, ganz links kommen. Es gibt da ein „Ding“, das genau im Schnittpunkt zwischen Humus und Hummus liegt. Hass. Hass auf Juden, der in Österreich leider immer schon einen guten Humus gefunden hat und Hass auf Israel, der in letzter Konsequenz oft auch nichts anderes als Hass auf Juden ist.

Es wird seit dem tragischen Tod von Frau Dr. Kellermayr sehr viel über Hass gesprochen. Damit es nicht gleich zu einem unkontrollierbaren Flächenbrand, zu einem gesamtgesellschaftlichen Problem ausartet, beeilen sich viele, einschränkend, „Hass im Netz“ hinzuzufügen. Es ist aber viel trivialer, viel archaischer: es ist einfach Hass. Er hat sich nur medial weiterentwickelt.

Früher schmierte man „Saujud“ auf Wände und Schaufenster, dann bekam das ganze eine textile Note und den Saujuden wurde erlaubt, sich selbst den gelben Stern auf die Jacken und Mäntel zu heften, um als wandelnde Litfaßsäulen bespuckt, durch die Straßen zu gehen, deren Trottoirs sie vielleicht auch noch putzen durften.

Es ist aber noch genug Spucke übriggeblieben, mit der man sich heute bei Ärztinnen und Ärzten, bei Pflegerinnen und Pflegern für ihre aufopfernde Arbeit bedanken kann.

Es ist aber noch genug Hass übriggeblieben, der sich mit großer Vorliebe gegen die Wehrlosen richtet.

Es ist aber noch genug Feigheit übriggeblieben, das alles in Gruppen und im Anonymen zu tun.

Es ist aber noch genug Ohnmacht der Gesellschaft übriggeblieben, die zwar ehrlich (über sich selbst?) erschrickt, aber dann weitermuss, weil es ja irgendwie immer weiter gehen muss.

Es ist aber noch genug Wegschauen jener Institutionen übriggeblieben, die eingerichtet wurden, um genau dorthin zu schauen.

Es ist aber noch genug Zaudern der Führerinnen und Führer übriggeblieben, weil sie sich mit diesem menschlichen Abgrund nicht die eigenen Finger verbrennen wollen.

Es ist aber genug RIP übriggeblieben, mit dem man nicht immer nur die Opfer, sondern auch das Problem selbst meint.

Und wenn das irgendwann alles vorbei sein sollte, wird übrigens immer noch genug Hass gegen die Juden übriggeblieben sein.

Also das alles interessiert meinen Freund nicht. Er ist trotzdem mein Freund und deshalb verrate ich Ihnen nicht, was ihn interessiert. Wenn er auch zufällig Ihr Freund ist, dann wissen Sie es ja eh.

Ich schreib halt meinen Stiefel weiter, grummelt zu sich selbst

Ihr Harry Bergmann    


Dr. Harry Bergmann, Werbedilettant (gar nicht einmal so schlecht), Kolumnisten-Dilettant (na, ja…). Hat durch das Schreiben einige Freunde verloren, aber mehr gewonnen (glaubt er zumindest). Denkt seit einiger Zeit darüber nach, ob der Flug Wien – Tel Aviv ein Hinflug oder ein Rückflug ist.

Zuletzt erschienen:

Nr. 151 Die Welt als Schießbude (26.09.2022)
Nr. 150 Was bleibt? (16.09.2022)
Nr. 149 Ich lese Hemingway! (02.09.2022)
Nr. 148 Ich, das Sommerloch (22.08.2022)
Nr. 146 Die Spatzen, die Tauben und der grüne Kakadu (03.08.2022)
Nr. 145 Die Energie folgt der Aufmerksamkeit (25.07.2022)
Nr. 144 Send in the Clowns (12.07.2022)
Nr. 143 Die überdrüber Super-Demokratie (05.07.2022)
Nr. 142 Krankenstand, der neue Rücktritt (27.06.2022)
Nr. 141 Das Loch aller Löcher (13.06.2022)
Nr. 140 Eine Kurzgeschichte über Kurz und Geschichte (07.06.2022)
Nr. 139 Die Entdeckung der grundlosen Hysterie (03.06.2022)
Nr. 138 Kommt Strauch von straucheln? (30.05.2022)
Nr. 137 Tod in Venedig (25.05.2022)
Nr. 136 Was ist schon 100%ig? (18.05.2022)
Nr. 135 Wenn einer eine Regierung umbilden tut (13.05.2022)
Nr. 134 Ein Brief über zwei Briefe (09.05.2022)
Nr. 133 Innere Dialoge an den Rändern (06.05.2022)
Nr. 132 Als x noch kein y war (18.04.2022)
Nr. 131 Schleimspur im Gegenwind oder Der Homo Politicus Zachiens (11.04.2022)