Die überdrüber Super-Demokratie

Österreich ist eine Super-Demokratie, denn hier gibt es von jeder Partei nicht nur eine, sondern gleich zwei Ausgaben: schwarz und türkis, bundes- und pannonisches rot, grün und ohne Rückgrat.


HARRY BERGMANN

05.07.2022

Gut, besser, Österreich – alles super hier! | Foto: Helmut Fohringer

Wieder in Griechenland. Auf Patmos, einer jener unbeschreiblich schönen, immer noch relativ einfach gebliebenen Inseln, auf denen man „irgendwann einmal dort bleibt“.

Kennen Sie das Spiel „Such Dir ein Land aus, in dem Du für immer leben willst. Du darfst es aber nie mehr verlassen“? Die einzige Regel: Das Land, in dem man ohnehin schon lebt, gilt nicht. In meinem Fall also weder Österreich noch Israel. Bis vor ein paar Jahren hätte ich keine zwei Sekunden für die Antwort gebraucht. „Italien!“ Jetzt, wo ich zum dritten Mal in Patmos bin, werde ich doch ein paar Sekunden zögern, bis ich „Italien“ sage.

Wieder in Griechenland. Die Menschen nennen es „die Wiege der Demokratie“. Wann werden all diese Menschen begreifen, dass Österreich „die Wiege der Super-Demokratie“ ist?

Österreich eine Super-Demokratie? Ich spüre Ihre Verwunderung. Lassen Sie mich also erklären: in allen Demokratien gibt es Parteien. Manchmal ist die Bezeichnung Partei nur ein Etikettenschwindel, aber dann ist es auch keine Demokratie, sondern eine Autokratie oder – wie man in jüngerer Zeit sagt – eine illiberale Demokratie. Bei uns in der Alpendemokratie, der überdrüber Super-Demokratie, gibt es aber von jeder Partei nicht nur eine, sondern zwei oder sogar mehrere Ausgaben.

Nehmen wir zum Beispiel die ÖVP. Da gibt es eine türkise und eine schwarze Ausgabe. Manche sagen auch, eine neue und eine alte Ausgabe, aber das ist eine Lüge, wie Vieles, das man in letzter Zeit – insbesondere von der neuen Ausgabe – zu hören bekommt. Türkis und Schwarz ist ein eineiiger Zwilling. Nun kommt es, dass dieser eineiige Partei-Zwilling seit Wochen vor einer Art parlamentarischen Gericht steht. Dieses Gericht ist kein echtes Gericht, es ist ein parlamentarischer Untersuchungs-Ausschuss, also sollte man korrekterweise sagen „man sitzt zu Gericht“. Das ist natürlich sehr spannend.

Eineiige Zwillinge sind ja bekanntlich kaum zu unterscheiden und so kann der eine immer sagen, er war es nicht, und alles auf den anderen schieben. Umgekehrt natürlich auch. Das Gericht, das eben kein echtes Gericht ist, hat es auch aus anderen Gründen nicht so leicht herauszufinden, was wirklich passiert ist, denn der selbstverherrlichende Richter, der genauso kein echter Richter ist, wie das Gericht kein echtes Gericht ist, dieser Richter hat ein gestörtes Verhältnis zum Wort „Transparenz“. Er hat auch ein gestörtes Verhältnis zum Wort „Überparteilichkeit“, aber weil er das auch im parlamentarischen Alltag hat, lassen wir das hier besser weg.

Jedenfalls lässt er fast keine Frage zu, auch wenn sie noch so berechtigt ist, oder präziser: Je berechtigter die Frage ist, desto weniger wird sie zugelassen. Und so muss sich dieses Gericht ständig fragen, was und wie es fragen soll. Der Richter, der so etwas von keinem echten Richter ist, ist außerdem gleichzeitig ein ganz hohes Tier – „hohes Tier“ ist gut – bei den Eineiigen und sollte eigentlich selbst befragt werden, und zwar mit Fragen, die er nie im Leben zulassen würde.

Manches ist super-mühsam in unserer Super-Demokratie.

Es gibt natürlich auch andere Parteien, die es in zweifacher Ausfertigung gibt. Wir können gleich auf der Regierungsbank bleiben und uns die Grünen zu Gemüte führen. Da gibt es ein Exemplar, das der Schreiber dieser Zeilen vor ein paar Jahren gewählt hat – mit gutem Grund gewählt hat, um nämlich die Blauen daran zu hindern, wieder auf der Regierungsbank Platz zu nehmen, von der sie gerade im hohen Ibiza-Bogen geflogen waren – und dann gibt es das Exemplar, das aus den Grünen geworden ist, seit sie mit den Eineiigen mitregieren dürfen.

Oh, was für ein Unterschied! Wie Tag und Nacht. Bei Entscheidungen, wo die Original-Grünen noch Schaum vor dem Mund gehabt hätten, gibt es jetzt nur mehr koalitionären Schleim. Realpolitik nennt man das in unserer so schönen und mit nichts vergleichbaren Super-Demokratie.

Ja – und das muss man einfach verstehen – da wollen die Roten natürlich nicht zurückstehen. Genug von der 100-jährigen Einzigartigkeit, die ja eh schon längere Zeit nicht wirklich bestanden hat. Da gibt es nämlich den bundes-roten Teil und den pannonisch-roten Teil. Nicht nur, dass sie sich nicht mögen, die beiden, nein, wenn man genauer hinsieht sind es auch zwei unterschiedliche Rot. Das eine, das pannonische, geht so mehr ins blau-rote, ins Blaukraut-rote. „Blaukraut bleibt Blaukraut und Brautkleid bleibt Brautkleid.“

Sorry, ist mir nur gerade so eingefallen. Als ob zwei Rot nicht schon genügen würden, hatte einer die tolle Idee, noch ein drittes Rot bilden zu wollen. Neu-Rot sozusagen. Dieser eine war übrigens niemand Geringerer als ein alt-roter Oberwuzzi, kein Wunderwuzzi, wie sich herausgestellt hatte, aber doch ein Oberwuzzi. Wuzzi hin, Wuzzi her, er ist angeblich von seiner Neu-Rot-Idee wieder abgekommen.

Dass sich die verbliebenen zwei Rot jetzt endlich wieder zusammenreißen und sich mit einem halbwegs einheitlichen Rot auf die nächste Wahl konzentrieren können, wird der Schreiber dieser Zeilen wohl nicht mehr erleben. Ob das schade für die Super-Demokratie ist, weiß man nicht. Für die Roten ist es allemal schade, weil sie diese Wahl sogar gewinnen könnten, nicht weil sie so gut sind, sondern weil die Eineiigen unter den Nehammer gekommen sind und sich gerade pulverisieren.

Und das Blaukraut? Die blauen Krautköpfe? Auch da gibt es natürlich mehr als ein Exemplar. Die Rechten, die Ich-weiß-nicht-so-Rechten, die Rechts-Rechten und so weiter. Ein Exemplar schlimmer als das andere. Unsere Super-Demokratie wäre keine Super-Demokratie, wenn uns dieser Blues nicht jederzeit wieder blühen könnte. Aber keine Angst, liebe Super-Wähler, Pandemie, Teuerung, Klima, Korruption und Gasstopp schupfen diese blauen Super-Burschen mit links, so rechts können sie gar nicht sein.

Nur die armen Pinken sind noch immer eine Einheit, sie sind aber auch gerade erst 10 Jahre alt geworden. Gemach, gemach, was nicht ist, kann also noch werden.

So, meine lieben Super-Leserinnen und Super-Leser, ich gehe jetzt einmal zum Super-Strand und erfreue mich an der Wiege des Nichtstuns.

Ihr Harry Bergmann


Dr. Harry Bergmann, Werbedilettant (gar nicht einmal so schlecht), Kolumnisten-Dilettant (na, ja…). Hat durch das Schreiben einige Freunde verloren, aber mehr gewonnen (glaubt er zumindest). Denkt seit einiger Zeit darüber nach, ob der Flug Wien – Tel Aviv ein Hinflug oder ein Rückflug ist.

Zuletzt erschienen:

Nr. 151 Die Welt als Schießbude (26.09.2022)
Nr. 150 Was bleibt? (16.09.2022)
Nr. 149 Ich lese Hemingway! (02.09.2022)
Nr. 148 Ich, das Sommerloch (22.08.2022)
Nr. 147 Zwischen Humus und Hummus (09.08.2022)
Nr. 146 Die Spatzen, die Tauben und der grüne Kakadu (03.08.2022)
Nr. 145 Die Energie folgt der Aufmerksamkeit (25.07.2022)
Nr. 144 Send in the Clowns (12.07.2022)
Nr. 142 Krankenstand, der neue Rücktritt (27.06.2022)
Nr. 141 Das Loch aller Löcher (13.06.2022)
Nr. 140 Eine Kurzgeschichte über Kurz und Geschichte (07.06.2022)
Nr. 139 Die Entdeckung der grundlosen Hysterie (03.06.2022)
Nr. 138 Kommt Strauch von straucheln? (30.05.2022)
Nr. 137 Tod in Venedig (25.05.2022)
Nr. 136 Was ist schon 100%ig? (18.05.2022)
Nr. 135 Wenn einer eine Regierung umbilden tut (13.05.2022)
Nr. 134 Ein Brief über zwei Briefe (09.05.2022)
Nr. 133 Innere Dialoge an den Rändern (06.05.2022)
Nr. 132 Als x noch kein y war (18.04.2022)
Nr. 131 Schleimspur im Gegenwind oder Der Homo Politicus Zachiens (11.04.2022)