Das Loch aller Löcher

Vergessen Sie "Land der Berge"; Österreich ist das Land der Löcher und dort verschwindet allerlei: Landeshauptleute, Anstand, Parteispenden


HARRY BERGMANN

13.06.2022

Das schwarze Loch der Galaxie M87 aufgenommen von: Event Horizon Telescope | CC-BY 4.0 | Wikicommons

„Das Loch im Rasen“ könnte der Titel eines zweitklassigen Kriminalromans sein. Ein erstklassiger Kriminalroman hätte wohl eher den Titel „Das Loch“. Das wäre geheimnisvoller, würde mehr offenlassen, würde den Leser nicht schon auf eine Spur bringen, bevor er überhaupt noch den Buchtitel umgeklappt hat.

Im zweitklassigen Kriminalroman aber, dem mit dem Titel „Das Loch im Rasen“, wäre dieses Loch im Rasen, wenn es tief genug wäre, vielleicht das Versteck der Tatwaffe oder das Zwischenlager des Millionenraubs, bevor er gerecht oder ungerecht unter den Räubern verteilt wird, oder der versteckte Eingang in ein Netzwerk von unterirdischen Wasserstraßen, die zur Machtzentrale jener Organisation führen, die die ganze Stadt in ihrer Gewalt hat. Quasi Wien Energie.

Letzteres wäre aber dann wohl schon ein drittklassiger Kriminalroman. Oder die Realität. Denn die Realität – und ich sage das nicht ohne diesen bitteren Beigeschmack über vieles, das rund um mich herum passiert – ist oft sogar viertklassig. Weil so absurd, oder auch weil so banal.

Apropos zweit- bis viertklassig: Die österreichische Fußball-Nationalmannschaft hat wieder einmal gespielt und 1:2 gegen Dänemark verloren. „Blöd verloren“ oder „durch unnötige Fehler verloren“, wie es im Nachhinein immer heißt. Jedenfalls fand diese Niederlage im Wiener Praterstadion statt. Und genau in diesem Stadion wurde nach Ende des Spiels ein tiefes Loch im Rasen entdeckt. Ziemlich mysteriös.

War das Loch schon vor dem Spiel da? Wenn ja, wieso fiel kein einziger Spieler hinein? Wer hat das Loch gegraben? Es kann sich ja nicht selbst gegraben haben. Was war die Absicht dessen, der das Loch gegraben hat? Ist er bösartig oder verzweifelt gewesen oder beides? Aus Verzweiflung bösartig. Das ist der Stoff, aus dem Kriminalromane gemacht sind.

Aber jetzt einmal im Ernst: Ist das alles ein Zufall? Natürlich nicht.

Dieses Loch ist ja nicht irgendwo. Dieses Loch ist mitten in Österreich. Ein Land voll von vielen unerklärlichen Löchern. Löcher, in denen Dinge verschwinden. Löcher, in denen man Dinge verschwinden lässt. Aber auch Löcher, aus denen etwas herauskriecht, das längst vergessen sein sollte.

Aber beginnen wir am Anfang. Beim schwarzen Loch. Wenn das überhaupt der Anfang von Allem war. Da gibt es viele, zum Teil widersprüchliche, wissenschaftliche Theorien dazu und – wenn Sie mir ein paar Sekunden Ihrer wertvollen Zeit schenken – möchte ich noch eine Theorie hinzufügen. Meine.

Zuerst müssen wir uns nur darauf verständigen, dass ein schwarzes Loch ein Objekt ist, dessen Masse auf ein extrem kleines Volumen konzentriert ist und infolge dieser Dichte in seiner unmittelbaren Umgebung eine so starke Schwerkraft erzeugt, dass nicht einmal Licht diesen Raum durchqueren kann. Wir können schwarze Löcher nicht sehen, weil sie auch Licht verschlucken, wir können sie nur am Effekt auf ihre Umgebung erkennen.

Also nix „Licht am Ende des Tunnels“. Meine bescheidene Theorie sagt nun, dass man nicht den Weltraum erforschen muss, um eine Erklärung für die Entstehung und Beschaffenheit dieser schwarzen Löcher zu finden, weil Österreich selbst ein schwarzes Loch ist. Natürlich nicht ganz Österreich, sondern nur Teile davon.

Die naheliegende parteipolitische Interpretation dieser Theorie, ist zwar nicht von der Hand zu weisen, greift aber trotz Kurz zu kurz. Denn erstens gibt es keine „neuen schwarzen Löcher“ und zweitens lassen sich schwarze Löcher auch nicht umfärben. Wo kein Licht, da keine Farbe.

Rainer Pariasek, der Albert Einstein der österreichischen Sportmoderatoren, glaubte dieses berühmte schwarze Loch eben in der Nähe der Mittelauflage des Stadions entdeckt zu haben. Zumindest versuchte er Roman Mählich und Schneckerl Prohaska, die zufällig neben ihm standen, davon zu überzeugen. Er bestätigte also gewissermaßen meine Theorie, dass Österreich die Heimat der Schwarzen Löcher ist. Aber sagen wir es einmal so: Ich möchte mit Rainer Pariasek in keiner Frage, also auch nicht in dieser, einer Meinung sein.

Meine Schwarze-Loch-Theorie hat ja auch nichts mit Physik oder Astrophysik zu tun, sondern konzentriert sich einzig und allein darauf, wo und wie hierzulande Dinge und Menschen im Nichts auf Nimmerwiedersehen verschwinden. Das kann alles Mögliche sein: Geld (Inflationsloch), Anstand (Korruptionsloch), Antworten auf brennende Fragen (Untersuchungsausschussloch, kurz: U-Loch), Landeshauptmann Platter (Kitzloch), Parteispenden (Inseratenloch). Die Liste ließe sich so weit fortführen, wie das Universum groß ist. Aber das interessiert mich nur am Rande.

Mich interessiert zum Beispiel: Kann man aus einem Loch, das man sich selber gegraben hat und in das man tief eingesunken ist, regieren? Und wenn ja, wie lange noch? Und wenn nein, wann unternimmt dann endlich jemand etwas dagegen?

Wir wollen aber auch jene tiefen Löcher nicht vergessen, aus denen immer wieder etwas herauskriecht, von dem man völlig vergeblich gehofft hatte, dass es dort vergraben bleiben möge. Nationalismus, Rassismus, Fremdenhass, Judenhass. Die Beispiele sind unzählig. Das aktuellste: Da wird doch tatsächlich Christian Ortner geklagt, der gewagt hatte den Inhalt einer News-Coverstory als antisemitisch zu bezeichnen. Dort wird Selenskyj als Lügner und Blender bezeichnet und die Triebfeder dazu wird seinen jüdischen Vorfahren zugeschrieben. Wenn das kein schwarzes Loch ist, dann weiß ich nicht.

Meint,
Ihr Harry Bergmann

Nachdem Österreich 1:2 gegen Dänemark verloren hatte, aber 1:1 gegen Frankreich spielte und keiner in das oder ein anderes Loch gefallen war, passierte etwas Bemerkenswertes. Der hochverehrte Schwarzes-Loch-Experte Rainer Pariasek sprach mit einem Mann, den sie „Professor“ nennen, mit dem neuen Teamchef Ralf Rangnick. Er gratulierte Rangnick zu dem achtbaren Unentschieden gegen den Weltmeister. Dem Professor platzte der Kragen. Wie man einem Teamchef zu einem 1:1 gratulieren kann, wenn das Team dieses Chefs bis zur 83. Minute 1:0 geführt hatte? Er hat völlig recht, der Herr Professor, nur hat man solches noch nie in Österreich gehört. Mit dieser Einstellung kommt der österreichische Fußball vielleicht doch aus seinem langjährigen tiefen Loch heraus. Pariasek eher nicht.


Dr. Harry Bergmann, Werbedilettant (gar nicht einmal so schlecht), Kolumnisten-Dilettant (na, ja…). Hat durch das Schreiben einige Freunde verloren, aber mehr gewonnen (glaubt er zumindest). Denkt seit einiger Zeit darüber nach, ob der Flug Wien – Tel Aviv ein Hinflug oder ein Rückflug ist.

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