Eine Kurzgeschichte über Kurz und Geschichte

Ex-Kanzler Sebastian Kurz sorgte mit seinen Aussagen über den Ukraine-Krieg für Empörung. Zu Recht?


HARRY BERGMANN

07.06.2022

Ich mag Kurzgeschichten nicht. Ich kann Ihnen nicht einmal genau sagen, warum ich sie nicht mag. Es gibt großartige Geschichten von großartigen Autoren, wie Ernest Hemingway, Edgar Allan Poe oder William Faulkner. Auch in der deutschsprachigen Literatur wimmelt es von Superstars, die sich dieses komprimierten literarischen Formats angenommen haben.

Aber ich mag es halt nicht. Komisch, wo ich doch in den ersten Jahren in der Werbung im nicht erlernten – weil nicht erlernbaren – Beruf eines Texters kurze, knackige Sprüche klopfen musste. Also ich musste nicht, aber ich tat es. Je doppeldeutiger, oder doppeldoppeldeutiger, desto besser. Vielleicht mag ich deshalb heute die Dichtung mehr als die Verdichtung.

Ich glaube es liegt daran, dass man in eine Kurzgeschichte nicht so richtig eintauchen kann. Kaum ist man drinnen, identifiziert sich mit einer Figur, lernt zwischen den Zeilen zu lesen, fängt an mitzulieben oder mitzuhassen, schon ist es aus. Da sitzt man dann da – zum Im-Stehen-Lesen sind die kurzen Geschichten dann doch zu lang – und hat dann diesen schalen Nachgeschmack der vielen unbeantworteten Fragen und des nicht ausgelebten Gefühls.

Warum erzähle ich Ihnen das? Nun, erstens weiß ich das, wie so oft, nicht genau – ich schreib halt so vor mich hin – und zweitens kann es vielleicht etwas mit einer Geschichte zu tun haben, die ich über Kurz und Geschichte gelesen habe. Klingt kompliziert, ist es aber nicht.

Sebastian Kurz hat mit Journalisten des Schweizer Boulevard-Mediums „Blick“ ein Gespräch geführt. Und wie das halt so ist, spricht man bei einem Gespräch über Dies und Das. Und wenn man dieser Tage über Dies und Das spricht, dann ist es nicht sehr weit zum Krieg in der Ukraine. Und wenn man über den Krieg in der Ukraine spricht, dann macht man sich halt so seine Gedanken.

Man sollte sich übrigens immer Gedanken machen, wenn man so spricht. Und welche Gedanken sollte man sich über Krieg machen, wenn nicht die, wie dieser Krieg zu Ende gehen könnte? Und hier beginnt die Kurzgeschichte, oder die Geschichte mit Kurz, oder die Geschichte über Kurz und die Geschichte. Kurz sagte nämlich in diesem Gespräch, dass dieser Krieg so zu Ende gehen würde, wie alle Kriege zu Ende gehen, nämlich mit Verhandlungen.

Kaum hatte dieser Satz seine mehrfach geschwungenen Lippen – die wir schon lange nicht mehr gesehen haben, aber die den wenigsten von uns abgehen, außer dem Gustl Wöginger vielleicht, aber der hat sich auch schon an die mehrfach geschwungene, lippenlose Zeit gewöhnt und riskiert manchmal selbst schon eine dicke Lippe – verlassen, schon brach der Sturm los.

Der Sturm der Entrüstung und Empörung über so wenig Geschichtskenntnis. Meine liebe Freundin Julya Rabinowich, die Jeanne d’Arc einer Feder, schärfer als das Schwert – ob Kurz schon mal was von Jeanne d’Arc gehört hat? – stürmte wieder einmal allen voran: „Mit Hitler wurde ja vorzüglich verhandelt.“ Recht hat sie.

Ginge es nur um Kurz, so wäre es ein Sturm im Wasserglas, denn das ist in etwa die Dimension, auf die Kurz in den letzten Monaten zurückgekürzt worden ist. Wer heute noch Tiefsinniges oder gar Geschichtsträchtiges von ihm erwartet, hat sicher auch alles geglaubt, was er in den unzähligen Pressekonferenzen von sich gegeben hat. Hat geglaubt, dass er eigenhändig die Pandemie in die Knie gezwungen hat. Hat geglaubt, dass er prinzipiell immer alles wusste, nur von dem, was bei der Staatsanwaltschaft anhängig war, gar nichts wusste.

Nein, es geht nicht um Kurz oder andere Politiker, die nicht verstehen, dass sich die Geschichte immer wiederholt, weil sie nicht gelernt haben, was sich da wiederholt. Es geht nicht einmal um die Politiker, die ganz genau wissen, was sich da wiederholt, weil sie nämlich wollen, dass es sich wiederholt. Es geht um einen großen Teil unserer Gesellschaft, der geschichtslos durch die Gegend läuft. Es geht um die Jugend. Es geht um die Schulen. Es geht um die Lehrerinnen und Lehrer.

Bruno Kreisky meinte die Erste Republik, als er einen Journalisten vor laufender Kamera belehrte: „Lernen’S ein bissl Geschichte und dann werden Sie sehen, Herr Reporter, wie das in Österreich sich damals im Parlament entwickelt hat.“ Das war Anfang der achtziger Jahre. Vierzig Jahre später hätte er – unter der Regierung Kurz – ein ähnliches Interview geben können: „Lernen’s ein bissl Geschichte, es fängt immer mit der Missachtung des Parlaments an.“

Warum tut sich jede Gesellschaft mit ihrer eigenen Geschichte so schwer? Wenn wir schon bei Bruno Kreisky sind, kann Willy Brandt nicht weit sein: „Aus der Geschichte lernen? So ein Volk es tut, geht es ohne Schmerz nicht ab.“

Ich mag noch immer keine Kurzgeschichten und Geschichten über Kurz schon gar nicht.

„Eine schöne Woche“, wünscht Ihnen
Ihr Harry Bergmann

Ah, weil ich gerade so schön beim Zitieren bin: ich habe noch etwas sehr Gescheites von Ingeborg Bachmann gefunden: „Die Geschichte lehrt andauernd. Sie findet nur keine Schüler.“


Dr. Harry Bergmann, Werbedilettant (gar nicht einmal so schlecht), Kolumnisten-Dilettant (na, ja…). Hat durch das Schreiben einige Freunde verloren, aber mehr gewonnen (glaubt er zumindest). Denkt seit einiger Zeit darüber nach, ob der Flug Wien – Tel Aviv ein Hinflug oder ein Rückflug ist.

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