Die Entdeckung der grundlosen Hysterie

Wie Werner Kogler die Hysterie entdeckte und ihm kurz darauf der Hut brannte.


HARRY BERGMANN

03.06.2022

Rudert wegen brennenden Hutes zurück: Werner Kogler | Foto: APA/ Robert Jäger

Heute, sehr verehrte Leserinnen und Leser, wollen wir uns dem Phänomen der Hysterie zuwenden.

Wir wollen dabei nicht nur die psychische oder psychotherapeutische Seite beleuchten, sondern – angeregt durch aktuelle Ereignisse, auf die ich in späterer Folge kurz eingehen werde – auch eine etwaige Abhängigkeit von einem ganz anders gelagerten pathologischen Drang, der Pyromanie, untersuchen.

Der in psychiatrischen Fachkreisen mit viel Skepsis betrachtete Zusammenhang zwischen Hysterie und Pyromanie wurde erst unlängst von einem Österreicher, einem gewissen Werner Kogler, entdeckt, dessen angestammter Wirkungsbereich – so man überhaupt von einer Wirkung sprechen kann – die Politik und die Nationalökonomie ist.

Wir wollen den Spuren Koglers folgen und die einzelnen Stationen seiner Entdeckung für uns begreifbar machen. Seine eigene verbale Hinführung kann uns dabei leider kein Kompass sein, denn die Eigenheiten seiner Sprache – insbesondere seine überlangen Schachtelsätze, die sogar Thomas Mann einsilbig und kurz angebunden erscheinen lassen – erschweren dem Normalsterblichen das Verständnis.

Was also hat Kogler gefunden?

Es war ein Tag wie jeder andere, der plötzlich zu einem Tag, wie keiner zuvor wurde. Kogler ging einkaufen. Er geht gerne allein einkaufen, und genießt es, wenn ihn keiner erkennt. Es hat ihn ohnehin noch nie einer erkannt.

Alles war wie sonst, aber Kogler merkte plötzlich einen Unterschied. Zuerst fast unmerklich, wurde das Gefühl, dass da irgendetwas nicht stimmt, immer größer und größer. Es fiel ihm wie Schuppen aus dem vollen, ergrauten Haar: der Preis! Ja, es war der Preis! Der Preis für den Artikel, den er gerade in Händen hielt.

Der Preis hatte sich in einer Woche, gefühlt, verdoppelt. „So eine mordstrum Sauerei!“, entfuhr es Kogler. Er blickte sich um, ob jemand seinen Gefühlsausbruch mitbekommen hatte. Er will als besonnener Mensch gesehen werden, und Kraftausdrücke, wie „Sauerei!“ könnten die Differenz zwischen Eigenbild und Fremdbild ins Unberechenbare steigern. Vielleicht erkannte ihn ausnahmsweise ja doch jemand.

Das mit dem Erkennen ist so eine Sache. Kogler ist schließlich nicht irgendwer. Kogler ist das, was man einen Macher nennt. Er selbst würde sich eher als Machatschek bezeichnen. Seine immer schlampig aufgekrempelten Hemdsärmel unterstreichen diesen Eindruck. Man erzählt sich, dass er einmal eine politische Gruppe, die so gern wieder im Parlament gesessen wäre, wo sie vorher schon einmal gesessen ist, dorthin zurückgeführt haben soll. Eigenhändig. Machatschek eben.

Kogler ist wichtig. Kogler ist so wichtig, dass er durchaus selbst für die Preisexplosion, die er gerade am eigenen Leib erfahren hat, zuständig sein könnte. Oder er könnte dafür zuständig gemacht werden. Oder er glaubt, dass er dafür zuständig gemacht werden könnte. Oder er weiß, dass andere – nennen wir sie der Einfachheit halber seine „Partner“, die in Wirklichkeit aber nur seine Koalitionspartner sind, was bekanntlich das Gegenteil von Partner ist – dafür sorgen werden, dass er dafür zuständig gemacht wird.

Diese sogenannten Partner warten auf den Tag der Abrechnung. Nicht Abrechnung wie Strom- oder Gasabrechnung, sondern Abrechnung wie Rache. Kogler hatte einmal einen der ihren, es war der Führer der Partner, auf „die Seife steigen lassen“, wie er selbst in einer Runde von Freunden – richtige Freunde, nicht Koalitionsfreunde – stolz erzählte. Er sagte natürlich „auf’d Saf steign lossn“, schließlich wollte er ja, dass ihn seine Freunde verstehen und dafür auch gebührend bewundern.

Das alles ging ihm in Sekundenbruchteilen durch den Kopf, als er so dastand und diesen unverschämt hohen Preis für diesen unverschämt unnötigen Artikel las. Plötzlich war ihm alles klar. Er wusste, was er zu denken und was er zu sagen hatte. „Ich muss mich in Sicherheit bringen!“ Er meinte damit natürlich nicht seine physische Sicherheit, sondern seine politische. „Ich muss diese Teuerung anderen in die Schuhe schieben, bevor man sie mir in die Schuhe schiebt.“ Das war seine erste Idee, aber nur die zweitbeste. Die beste hatte er kurz darauf: „Es gibt gar keine Teuerung.“ Er lächelte.

Er hatte die Erklärung für dieses volkswirtschaftliche Phänomen, das in Lehrbüchern Inflation genannt wird. Es konnte gar nicht anders sein, es musste sich um Hysterie handeln, und irgendwer musste sie angezündet haben. Plötzlich standen die beiden Worte da. In großen Lettern auf seinem geistigen Teleprompter. HYSTERIE ANZÜNDEN. Die Verbindung zwischen einem „körperlichen Beschwerdebild ohne organische Grundlage“ und „dem unwiderstehlichen Drang, Feuer zu legen“ war entdeckt. Eine psychiatrische Sensation.

Von diesem Punkt weg war alles ganz einfach. Es musste schnell ein Schuldiger, also ein Pyromane, gefunden werden. Kogler war so im Adrenalinrausch seiner Entdeckung, dass er der Welt gleich zwei Schuldige präsentieren konnte: die Opposition und die Medien. Sie haben in böswilliger Absicht – und nur um ihn zu schaden – diese 8 Prozent Inflation in Umlauf gebracht. Und die arme Bevölkerung, die höchstwahrscheinlich gar nicht so arm ist, hat dann diese Fake News völlig unreflektiert übernommen.

Genauso schnell wie ihn das Hochgefühl übermannt hatte, setzte plötzlich die emotionale Talfahrt ein. Er bekam ein schlechtes Gewissen – eine Gefühlsregung, die er zum letzten Mal verspürt hatte, bevor er in die Politik gegangen war. „Was ist mit all denen, die sich das Leben nicht mehr leisten können, die nicht wissen, wie es weitergehen soll? Was werden die von mir denken?“ Und schon gesellte sich auch das Selbstmitleid dazu: „Werden sie mich wiederwählen? Werde ich das renovierte Parlament jemals von Innen sehen?“

Je länger er diesem Gedankenpfad folgte, desto hysterischer wurde er. Es war ihm völlig klar: sein Hut brannte. Er wusste nur nicht, wer ihn angezündet hatte.

So kann es einem gehen, meint
Ihr Harry Bergmann


Dr. Harry Bergmann, Werbedilettant (gar nicht einmal so schlecht), Kolumnisten-Dilettant (na, ja…). Hat durch das Schreiben einige Freunde verloren, aber mehr gewonnen (glaubt er zumindest). Denkt seit einiger Zeit darüber nach, ob der Flug Wien – Tel Aviv ein Hinflug oder ein Rückflug ist.

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