Ein Brief über zwei Briefe

Harry Bergmann fragt sich, welchen der derzeit kursierenden offenen Briefe zur Ukraine er unterschreiben könnte und weißt darauf hin, dass Friedensverhandlungen immer zwei Sieger brauchen


HARRY BERGMANN

09.05.2022

Links der "Emma-Brief", rechts der "Gegenbrief" zum Ukraine-Krieg

Lieber Freund,

ich schreibe Dir heute diesen Brief, in der Hoffnung, meine Gedanken so ordnen zu können, dass ich am Ende des Briefes gescheiter bin, als vorher. Solltest Du jetzt schmunzeln, schmunzle ich auch, denn ich weiß, was Du denkst: So lang kann kein Brief sein, an dessen Ende ich gescheiter geworden bin.

Schmunzeln beiseite, es geht um eine ernste Angelegenheit, den Ukraine-Krieg. Ich will darüber eine Kolumne schreiben, bin aber in einem Punkt noch „trittunsicher“. Das Wort gibt es im Duden nicht, aber Du weißt schon, was ich meine. Es geht um diese beiden offenen Briefe über die Lieferung beziehungsweise Nicht-Lieferung weiterer schwerer Waffen in die Ukraine durch die deutsche Bundesregierung. Ich weiß, ehrlich gesagt, gar nicht, warum ich so auf diese Briefe fixiert bin, denn der Umfang der Waffenlieferung wird so oder so in keiner Weise kriegs- und schon gar nicht friedensentscheidend sein – wenn man überhaupt noch wüsste, was in dieser Katastrophe entscheidend sein kann. Vielleicht macht mich einfach jede Form einer Kriegsbeteiligung der Deutschen nervös.

An sich mag ich ja offene Briefe nicht, denn es geht dabei immer auch um die publikumswirksame Positionierung und Inszenierung der Unterzeichnenden. Manchmal sogar mehr darum als um den Inhalt. Jemand, ich weiß nicht mehr wer es war, hat das „Verstecken hinter einem Berg von Promi-Unterschriften“ genannt.

Diese beiden Briefe sind allerdings von bekannten, integren und nachdenklichen Persönlichkeiten unterschrieben. Diese Menschen eint – das unterstelle ich einmal – neben der „Abscheu vor dem russischen Angriffskrieg“ (Giovanni di Lorenzo) die Hoffnung, dass Frieden einkehren und dass das sinnlose Töten, Vergewaltigen, Zerstören endlich ein Ende finden möge. Den Weg zu diesem Frieden kann man sich allerdings nicht unterschiedlicher vorstellen, als diese beiden Lager.

Ich habe beide Briefe mehrmals gelesen, konzentriert gelesen, denn ich wollte lernen. Ich wollte von gescheiten Leuten lernen, welchen der beiden Briefe ich unterschreiben könnte. Nicht, dass man sie mir zur Unterschrift vorgelegt hätte oder jemals vorlegen würde, aber ich wollte einfach meine Trittunsicherheit loswerden. Immerhin geht es um Deutschland, um Krieg, um die Rolle Deutschlands in diesem Krieg und in einem möglicherweise noch viel größerem Krieg. Da ist es wohl nicht zu viel verlangt, zwei Briefe mehrmals zu lesen.

Gleichzeitig – ich gebe es ja zu, lieber Freund – wollte ich eine Bestätigung, dass die versammelte Intelligenz auch nicht alles weiß, nicht wissen kann, denn wer kennt sich in diesem Krieg schon wirklich aus. Umso mehr bin ich immer wieder verwundert, wie viele – in ihrer „Selbstgewissheit“ (wieder Giovanni die Lorenzo) – glauben, ein unumstößliches Urteil abgeben zu können. Es ist kein mathematisches Problem, das man rational lösen kann. Es ist vielmehr eine Gleichung mit vielen, vor allem aber einer, irrationalen Unbekannten.

Da gibt es einmal den Brief, der in der Zeitschrift „Emma“ erschienen ist, den ich einfach „Emma-Brief“ nenne. Der Name „Emma“ wurde in den letzten Tagen so oft in den Medien erwähnt, dass es dazu einen naheliegenden Marketing-Gedanken gibt. Aber ich halte lieber den Mund, sonst schaut es so aus, wie es wirklich ist, dass ich nämlich eifersüchtig bin, weil niemand, außer dem Falter (dankeschön, vielen Dank, danke, danke, danke, Küss die Hand), meine „Loge 17“ zitiert.

Dieser Brief wurde von Alice Schwarzer und 27 anderen unterschrieben. Sie warnen Olaf Scholz vor einem dritten Weltkrieg und sprechen sich deshalb gegen die Lieferung von schweren Waffen an die Ukraine aus. Denn das könnte Putin als Vorwand nehmen, um NATO-Staaten in den Krieg hineinzuziehen. Sie versuchen Scholz in seiner ohnehin vorsichtigen, zögernden Haltung zu bestärken.

Was ich sofort unterschreiben kann ist der Hinweis auf die „historische Verantwortung“ Deutschlands und „das Risiko einer Ausweitung bis hin zu einem 3. Weltkrieg oder sogar einem atomaren Konflikt“. Letzteres hängt aber wirklich und ausschließlich vom Verhalten des Angreifers ab, liebe 28 Unterzeichnende.

Dann gibt es aber auch diese unerträgliche Stelle über die Verantwortung der Eskalation, die „nicht allein den ursprünglichen Aggressor angehe und nicht auch diejenigen, die ihm sehenden Auges ein Motiv zu einem gegebenenfalls verbrecherischen Handeln liefern.“ Meinen damit ausgerechnet Sie, geschätzte Frau Schwarzer, den zu kurzen Rock der Vergewaltigten? Ich weiß, mein Freund, Du hast mich vor diesem Vergleich gewarnt, ich habe aber keinen besseren.

Dass die NATO oder sogar die Ukraine selbst keine Unschuldslämmer sind, greift nicht einmal zu kurz, es greift gar nicht, weil nichts das Massakrieren und Vergewaltigen von Zivilisten noch die Flucht von Abermillionen rechtfertigen kann.

Also nix ist mit Unterschreiben!

Und dann ist da der andere Brief, der von Leuten wie Daniel Kehlmann, Igor Levit, Herta Müller und Eva Menasse unterschrieben ist. Sie rufen zur kontinuierlichen Lieferung von Waffen und Munition auf. Sie haben eine ganz einfache Moral und Logik: „Wer Kriegsverbrechen begeht, darf nicht als Sieger vom Feld gehen.“

Apropos Sieger: Ist eigentlich allen klar, dass am Friedens-Verhandlungstisch zwei Sieger sitzen müssen, auch wenn sie sich nur selbst zum Sieger ausrufen? Einen Verhandlungstisch mit Sieger und Besiegtem wird es nicht geben, denn entweder wird es dann die Ukraine nicht mehr geben, oder man verhandelt, was mit dem Rest der Welt geschehen soll – nach der Atombombe. Wie wär’s, wenn sich alle klugen, politischen Köpfe darauf konzentrieren?

Bevor ich diesen Brief unterschreiben kann, muss ich aber noch kurz etwas mit mir selbst klären. Was bedeutet das „Nie wieder!“ in dieser Situation. „Nie wieder!“ ein bis auf die Zähne bewaffnetes und andere aufrüstendes Deutschland, das sich – wie auch immer – an einem Krieg beteiligt oder „Nie wieder!“ Deportationen, Massaker, systematische Vergewaltigungen und ja, Völkermord.

Ich habe nun mal meine Biographie, und auch, wenn ich nicht einmal für den Ukraine-Krieg bereit bin, die Einzigartigkeit des Holocausts aufzugeben, so denke ich doch daran, wieviele Juden hätten gerettet werden können, wären die Amerikaner wesentlich früher in den Krieg gezogen.

Lieber Freund, ich habe nicht vergessen, was den Juden in der Ukraine passiert ist, ich habe nicht vergessen, dass die Wehrmacht und die SS bei den Massenhinrichtungen große Unterstützung von der ukrainischen Bevölkerung bekommen haben und ja, ich habe nicht vergessen, dass meine Eltern in Auschwitz von den Russen befreit wurden. Aber ich unterschreibe, nicht zuletzt, weil ich an Deine Worte denke: „Im Zweifel für den Angegriffenen“,

dein Harry.

PS: Dass ausgerechnet heute Köstinger und Schramböck zurückgetreten sind und es jetzt so aussieht, als würde ich keine Nachrichten hören, gehört zu den vielen Zynismen eines Kolumnisten-Daseins.


Dr. Harry Bergmann, Werbedilettant (gar nicht einmal so schlecht), Kolumnisten-Dilettant (na, ja…). Hat durch das Schreiben einige Freunde verloren, aber mehr gewonnen (glaubt er zumindest). Denkt seit einiger Zeit darüber nach, ob der Flug Wien – Tel Aviv ein Hinflug oder ein Rückflug ist.

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