Innere Dialoge an den Rändern

Unser Kolumnist Harry Bergmann ist zurück in seiner zweiten (oder ersten?) Heimat Wien und denkt nach über Karl und Kathi Nehammer, Außenminister aus aller Welt und eine Rede in Mauthausen


HARRY BERGMANN

06.05.2022

Diese Headline ist deshalb so gut, weil sie nicht von mir ist, sondern von Peter Handke. Es ist der Titel einer Neuerscheinung, der mir bei einem Rundgang durch eine Wiener Buchhandlung aufgefallen ist.

Ja, ich bin wieder in Wien. So schnell kann es gehen. Vor ein paar Tagen noch Auslandsösterreicher in Israel, heute schon Auslandsisraeli in Österreich. Wie Peter Handke habe auch ich meine inneren Dialoge. Sicher nicht so sprachgewaltig wie die von Peter Handke, aber der redet ja auch mit Peter Handke und ich rede nur mit mir.

Warum Handke seine Inneren Dialoge „Innere Dialoge an den Rändern“ nennt, weiß ich nicht. Vielleicht am Rand des Verständnisses? Einmal schreibt er: „Vorwurf an mich selber: Ich verstehe Dich nicht.“ So gesehen sind auch meine Dialoge an den Rändern.

Wenn ich meinen Lebensmittelpunkt gerade von der einen Heimat in die andere verlegt habe, rede ich am liebsten über das Vergleichbare und das Unvergleichbare, das Vereinbare und das Unvereinbare der beiden Länder mit mir.

„Diesmal war es in Israel wieder sehr terroristisch“ sage ich zu mir und warte auf eine geistreiche Replik. Da kann ich lange warten, aber nach einiger Zeit kommt zumindest: „Ostern ist gut. Pessach ist gut. Ramadan ist gut. Aber gleichzeitig Ostern, Pessach und Ramadan ist gar nicht gut. Schon gar nicht in Jerusalem.“

Gestern war übrigens Jom Hasikaron. Das ist der Gedenktag für die vielen gefallenen Soldaten und die Opfer der unzähligen Terroranschläge in Israel. Es passiert eben leider nicht nur zu Ostern, Pessach oder während des Ramadans. Es passiert seit Jahrzehnten.

Heute ist aber Jom Haatzmaut, der Unabhängigkeitstag. Zuerst also der Preis der Unabhängigkeit und dann das Feiern der Unabhängigkeit. Wenn das nicht etwas mit der Ukraine zu tun hat, weiß ich auch nicht.

Mein Ego redet über Israel weiter: „Bennett war bei Putin.“ Das Alter Ego zuckt mit den Achseln: „Na und? Nehammer auch.“

„Bennett hat nichts erreicht. Und Nehammer?“

„Hahahaha“ immer, wenn mir etwas peinlich ist, muss ich lachen, auch in Selbstgesprächen.

Kurz zur Erklärung der handelnden Personen: Naftali Bennett ist Premierminister von Israel und hätte sich lieber um seine Partei kümmern sollen, als nach Moskau zu fahren. Kaum war er nämlich dort, ist eine Abgeordnete seiner Partei abgesprungen und seine ohnehin knappe Mehrheit im Parlament ist jetzt pfutsch.

Karl Nehammer ist der Ehemann von Kathi Nehammer. Warum er nach Moskau gefahren ist, muss man sie fragen.

Weil ich mich gerade mit mir selbst über Bennett unterhalte, ergänze ich: „Bennett hat dieser Tage einen sehr persönlichen Brief erhalten. Persönlich, aber nicht sehr angenehm. Im Kuvert war eine Gewehrkugel. Der Arme, kommt immer mehr unter Druck.“

„Nehammer auch.“

„Wer macht Druck? Kurz?“

„Nein, Kathi.“

Ich weiß nicht, wem von mir beiden das gerade einfällt, und auch nicht warum, aber ich höre mich sagen: „Was hört sich eigentlich von Schallenberg?“

„In letzter Zeit wenig. In vorletzter Zeit wurde er wieder einmal missverstanden. Er wollte der Ukraine die Wartezeit auf eine EU-Mitgliedschaft ersparen und meinte, keine EU-Mitgliedschaft geht viel, viel schneller.“

„Das kann man ja nur missverstehen.“

„Sag ich doch!“

„Was hast Du immer mit diesem Schallenberg? Es gibt viel schlimmere Außenminister als ihn.“

Ich verstehe sofort, was ich meine: „Du meinst Lawrow und seinen ungeheuerlichen Spruch über das jüdische Blut von Selenskyj.“

„Das jüdische Blut von Hitler!“, korrigiere ich mich streng „Selenskyj ist nur ein kleiner, unbedeutender Blutsverwandter von Hitler.“

„Die Juden sind eben an allem schuld!“

„Die Juden und die Radfahrer.“

„Wieso die Radfahrer?“

„Wieso die Juden?“

„Ein älterer Witz fällt Dir wohl nicht ein? Vielleicht solltest Du lieber Handke lesen, da gibt es auch keine Witze, aber der Rest ist zumindest großartig.“

Ich versuche den dritten Außenminister bei mir ins Spiel zu bringen, Jair Lapid, den Außenminister von Israel, der in ein paar Monaten turnusmäßig Bennett als Premierminister ablösen soll, wenn nicht Netanjahu beide ablöst. „Hast Du gehört, was Lapid über Lawrow gesagt hat?“

„Ja. Putin hat es offensichtlich auch gehört. Er hat sich für den Nazi-Sager sogar entschuldigt.“

„Ich wollte Dich eigentlich an Mauthausen erinnern.“

„Du musst mich nicht an Mauthausen erinnern. Unser Vater war in Mauthausen.“

„Nein, ich meine die Rede von Lapid in Mauthausen: Die Rede über seinen Großvater Béla, der zwei Wochen vor Ende des Krieges in Mauthausen ermordet wurde. Ich muss immer wieder an das Ende der Rede
denken: „die Nazis glaubten, dass sie die Zukunft wären und dass man Juden nur mehr im Museum finden würde. Stattdessen ist der Jüdische Staat die Zukunft und Mauthausen eine Gedenkstätte. Ruhe in Frieden, Großvater, du hast gewonnen.“

Das kann ich so nicht gelten lassen: „Leider hat der Großvater nicht gewonnen, sonst gäbe es all die Lawrows dieser Welt nicht. Und ich frage mich, ob er jemals gewinnen wird.“

„Ich habe genug von den Nazis. Was gibt es in Wien Neues?“ fragt der Israeli in mir den Österreicher in mir.

„Den 1. Mai.“

„Den gibt es überall.“

„Ja, aber nicht mit Rendi-Wagner und Ludwig und Regen und Regenschirm und „nicht im Regen stehen lassen“ und „Hoch, den 1.Mai“ und Würschtln und Nelken und Jubel, als ob irgend etwas schon gewonnen wäre und roten Luftballons und marschierenden Sektionen, dort wo sonst nur Impfgegner marschieren und ohne Doskozil.“

„Ohne Doskozil gibt es in Israel auch.“

„Mit Dir kann man keinen vernünftigen inneren Dialog führen.“

Meint Ihr Harry Bergmann und Harry Bergmann


Dr. Harry Bergmann, Werbedilettant (gar nicht einmal so schlecht), Kolumnisten-Dilettant (na, ja…). Hat durch das Schreiben einige Freunde verloren, aber mehr gewonnen (glaubt er zumindest). Denkt seit einiger Zeit darüber nach, ob der Flug Wien – Tel Aviv ein Hinflug oder ein Rückflug ist.

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