Als x noch kein y war

Alles ist nicht so einfach und unser Kolumnist hält sich lieber an Leibowitz und arbeitet an seinem eigenen Ägypten.


HARRY BERGMANN

18.04.2022

Am ersten Abend von Pessach, dem Sederabend (nach dem hebräischen Wort seder, das Ordnung bedeutet) wird im Familienkreis die Geschichte über den Exodus der Juden aus der ägyptischen Sklaverei gelesen. Die Story wäre schnell erzählt:

„1. Sie wollten uns töten.“

„2. Wir haben gewonnen.“

„3. Lasst uns essen!“

So schnell geht es aber doch nicht, weil man den dramaturgischen Höhepunkten der Erzählung, wie die 10 Plagen oder das Teilen des Roten Meeres, schon ihren gebührenden Platz geben muss.

Das Judentum wäre nicht eine Religion der großen Schrift-Gelehrten, wenn die geschriebenen Worte nur das bedeuten würden, was ohnehin dasteht. Erst die Interpretationen und Kommentare machen die Jahr um Jahr wiederkehrende Geschichte interessant.

Die berühmte Bibelwissenschaftlerin Nechama Leibowitz hat die zeitlose Relevanz der Erzählung des Auszugs und der 40-jährigen Wanderschaft von Ägypten ins Gelobte Land so erklärt: „Der Exodus ist ein kontinuierlicher Prozess. In jeder Generation muss der Mensch versuchen, sich von seinem eigenen Ägypten zu befreien.“

Jeder von uns hat mehr als ein Ägypten. Wir versklaven uns selbst. Wir sind gefangen in unseren Vorurteilen, in unseren Ideologien, in Eitelkeiten, in Egoismen, in Nationalismen, in Traditionen, die wir nicht genug hinterfragen („Des wor imma so“), in dem Glauben, dass das ständige Schneller-Weiter-Höher ein Perpetuum Mobile sei, in der Unfähigkeit, Solidarität über den Eigennutz zu stellen, in all den großen und kleinen Verstrickungen, die verhindern, das Leben jedes einzelnen, vor allem aber das Zusammenleben als Gesellschaft erträglicher zu machen.

Leibowitz, die in Riga geboren wurde, als Riga noch Teil des russischen Kaiserreichs war, wäre wohl prädestiniert, Putin zu analysieren. Was immer Putins Ägypten auch sein mag, gekränkte Eitelkeit, Geringschätzung durch den Westen, Imperialismus, eine verquerte, zaristische Großrusslandsucht oder was sonst, auch Leibowitz käme zum Schluss, dass die Befreiung aus der eigenen inneren Sklaverei niemals in Mord und Versklavung anderer enden darf.

Der Weg dieser individuellen oder gesellschaftlichen Entfesselung (bitte nicht im Spindelegger’schen Sinn) – auch wenn es keine 40 Jahre dauern würde – führt nicht selten durch eine Wüste. Eine Wüste, in der man schon bald sein x und sein y verliert, sein gelerntes und durch Erfahrung gewohntes Koordinatensystem.

Sogar Moses hatte alle Hände voll zu tun, das jüdische Volk, das es ja, nach Generationen in der Sklaverei, eigentlich besser hätten wissen müssen, davon abzuhalten, ein goldenes Kalb anzubeten (was das „Goldene Kalb“ heute ist, überlassen ich Ihrer Phantasie) oder sogar nach Ägypten zurückkehren zu wollen (Stockholm-Syndrom lange, lange bevor es Stockholm gegeben hat).

Wir haben jedenfalls unser Koordinatensystem verloren. Die ganze Welt hat ihr Koordinatensystem verloren. Wir wissen nicht mehr, wo was einzuordnen ist. Es hat nicht mit der Pandemie begonnen. Die Pandemie hat es nur schonungslos offengelegt. Die, die uns durch die Pandemie hätten führen sollen, unsere gewählten Anführer, wissen nicht mehr, wo vorne und hinten, wo unten und oben ist. Denjenigen, die sie als Kompass hätten benutzen sollen, die Ärzte, die Virologen, die Epidemiologen, die Simulationsrechner, die Komplexizitätsforscher, haben sie, aber sie wollten ihnen nicht zuhören. Wenn die Anführer nicht wissen, wo es lang geht, dann dauert es nicht lang, bis sich Verquert-Denker finden, die ihr Goldenes Kalb anbeten und andere damit in die Irre führen. Bei jeder Sonntagsfrage kommt die MFG in den nächsten Nationalrat. Ich weiß schon, die nächste Wahl ist noch weit weg, aber wie gibt es sowas!? Eine Partei, wie die Neos – man kann sie mögen oder nicht, ich mag sie halt – hat nicht mehr als 3 oder 4 Prozent Vorsprung auf die MFG.

Vor ein paar Wochen saß ich in der Loge 17, als ein jämmerlicher Haufen von Impf-Gegnern – in der Wüste fiel Manna vom Himmel, bei uns müsste es Hirn hageln – um den Ring zog. Die Impfpflicht war schon längst auf den Haufen des Vergessens geworfen, die Russen waren in der Ukraine eingefallen und diese 20 Hanseln mit 2 Trommlern, vorne gefühlt 50 Polizisten, hinten gefühlt 50 Polizisten, hatten nichts Besseres zu tun als ihre Definition von Freiheit einzufordern.

Ich lese, dass es von Rudi Anschober zu diesem Thema etwas Neues zu lesen gibt.
„Schluss mit klein-klein“, sagt er und meint wohl damit die österreichische Politik im Allgemeinen oder den Föderalismus, den kleinen Bruder des Nationalismus, im Besonderen. Wenn ich es gelesen haben werde, werde ich berichten.

Wenn unser Anführer nach Moskau fährt, um mit Putin zu reden, wissen wir auch nicht, wie wir es einordnen sollen. Ist er der größte Wappler in Europa und macht uns damit auch zu den größten Wapplern in Europa? Ist er innerhalb von Stunden, vom Cobragate-Geschädigten zum Staatsmann gereift? Ist sein neuer Berater die größte Erfindung seit der Erfindung der Pressekonferenz („Mann, ist der diek, Mann!“) oder das Bild eines Rohrkrepierers? Sprechen der Interviewer und der Interviewte in dem großen NBC-Interview die gleiche Sprache? Wo ist die x-Achse? Wo ist die y-Achse?

Was müssen wir boykottieren, was nicht? Wie ist das zum Beispiel mit der Malakoff-Torte, die nach der russischen Festung Fort Malakov auf der Krim benannt ist? Darf man die jetzt essen oder nicht? Ich glaube schon, weil die Festung eingenommen wurde, also faktisch krachende Niederlage der Russen. Nach einem Currentzis-Konzert darf man sie allerdings nicht essen. Wegen Currentzis, nicht wegen Malakoff.

Alles nicht so einfach. Ich halte mich lieber an Leibowitz und arbeite an meinem eigenen Ägypten.

Frohe Ostern (im Nachhinein) und Chag sameach (rechtzeitig)

Ihr Harry Bergmann

PS: Beim nächsten Mal gibt es wieder ein bisschen israelische Innenpolitik. Netanjahu und so. Wenn das aber nicht in Ihr Koordinatensystem passen sollte, dann überspringen Sie es einfach.


Dr. Harry Bergmann, Werbedilettant (gar nicht einmal so schlecht), Kolumnisten-Dilettant (na, ja…). Hat durch das Schreiben einige Freunde verloren, aber mehr gewonnen (glaubt er zumindest). Denkt seit einiger Zeit darüber nach, ob der Flug Wien – Tel Aviv ein Hinflug oder ein Rückflug ist.

Zuletzt erschienen:

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Nr. 141 Das Loch aller Löcher (13.06.2022)
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Nr. 138 Kommt Strauch von straucheln? (30.05.2022)
Nr. 137 Tod in Venedig (25.05.2022)
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Nr. 134 Ein Brief über zwei Briefe (09.05.2022)
Nr. 133 Innere Dialoge an den Rändern (06.05.2022)
Nr. 131 Schleimspur im Gegenwind oder Der Homo Politicus Zachiens (11.04.2022)
Nr. 130 „... und dann sah ich plötzlich viel Blut.“ (10.04.2022)
Nr. 129 Am anderen Ende des Seins (04.04.2022)
Nr. 128 Schuster, bleib bei deinen Leisten (29.03.2022)
Nr. 127 Die wachen Augen des Herrn R. (19.03.2022)
Nr. 126 Der Staat gegen mich (13.03.2022)
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