Schuster, bleib bei deinen Leisten

Während Krisenherde in aller Welt das Zeitgeschehen erschüttern, dreht die "Eh-schon-alles-Wurscht-Innenpolitik" Österreichs weiter am Rad


HARRY BERGMANN

29.03.2022

Illustration: Johann Christian Schoeller - Wiener Theatralische Bildergalerie | Gemeinfrei

Durch Nestroy wissen wir vieles, was wir ohne Nestroy nicht gewusst hätten. So wissen wir, dass die Welt – „d‘ Wöd“ – auf keinen Fall mehr lang steht und wir wissen auch warum: „weil der Komet kommt.“

Das sagt uns zweierlei: erstens, dass der Weltuntergang eine zutiefst österreichische Angelegenheit ist – das kann man, muss man aber nicht tiefenpsychologisch verstehen – und zweitens, dass – wenn der Komet ohnehin kommt – eigentlich eh alles wurscht ist. Und wenn eh alles wurscht ist, dann ist das erst recht eine zutiefst österreichische Angelegenheit. Unter Umständen sagt es uns auch noch, dass mit der doppelten Menge Alkohol alles halb so schlimm wird.

Haben wir das gesagt, landen wir direkt in der Eh-schon-alles-Wurscht-Innenpolitik Österreichs, obwohl der echte Weltuntergang derzeit in der Ukraine Station macht. Aber zur Ukraine will ich nichts sagen. Kann ich nichts sagen. Da wiegt jedes Wort Tonnen. Daher sollen auch nur die schwergewichtigen Denker denken, die schwergewichtigen Schreiber schreiben, die schwergewichtigen Rufer etwas zurufen, die schwergewichtigen Mahner einmahnen und die schwergewichtigen Historiker von der Vergangenheit auf die Zukunft schließen. All jene eben, die die Last dieses Themas stemmen können.

Ich kann das nicht.

Ich kann nicht sagen, dass den Westen keine Schuld trifft, weil alle Schuld nur Putin zu treffen hat.

Ich kann das nicht.

Ich kann den Unterschied von „Nachbar in Not“ zu „Menschen in Not“ nicht einmal mir selbst erklären. Wie soll ich dann irgendjemandem das unterschiedliche Mitgefühl für elend krepierende Jemeniten gegenüber um ihr Leben rennende Ukrainer erklären.

Ich kann das nicht.

Ich kann nicht beurteilen, ob die Politik von Angela Merkel den Blutdurst des Vladimir Putin erst geweckt hat, wie es viele Kommentatoren jetzt kommentieren. Im Gegenteil, ich finde es ungeheuerlich, dieser Frau das umzuhängen, nur weil ihren Nachfolgern die Ukraine-Nummer viel zu groß geworden ist und ein militärisch erstarktes Deutschland wieder freudig rote Bäckchen erregt.

Ich kann das nicht.

Ich kann nicht sagen, welcher Typus Panzerfaust oder Rakete oder Abwehrrakete oder Abwehr-Abwehrrakete das Momentum dieses Krieges verändert, auch wenn es mir Herr Wehrschütz – wie in der Anleitung für ein Video Game – Abend für Abend zu erklären versucht.

Ich kann das nicht.

Ich kann nicht sagen, wie das alles weitergeht, wenn auf der einen Seite ein Dämon mit dem Rücken zur Wand steht und auf der anderen Seite ein tattrig vor sich hinplappernder „Führer der freien Welt“ sich in der freien Rede übt.

Ich kann das nicht.

Nehmen wir nur den Philosophen Richard David Precht. Er philosophiert, dass dieser Krieg ein Verbrechen ist. Na gut, das hätte ich vielleicht auch noch zusammengebracht. Er denkt aber weiter. Er denkt auch über die europäische Friedensordnung der Zukunft nach, die nicht gegen Russland gerichtet sein darf, weil sonst die Zeitbombe einfach weitertickt und nicht im ewigen Frieden, sondern im ewigsten Frieden, dem Atomkrieg, enden wird.

Ich kann das nicht.

Da bleib ich lieber bei den 7 Zwergen hinter den 7 Bergen, die sich Sorgen machen, was Neutralität noch alles bedeuten könnte, obwohl sie doch nichts anderes bedeutet als Neutralität eben. Bei den 7 Zwergen hinter den 7 Bergen, die sich darüber erhitzen, ob Präsident Selenskyj im österreichischen Parlament sprechen darf. An diesem geweihten Ort, wo sonst nur Hohepriester der Demokratie wie ein Wöginger Gustl, ein Hanger Andi, oder ein Hörl Franzi zu den anderen Hohepriestern sprechen. Bei den Zwergen, wo eine böse, böse Ehemals-Ministerin ins finstere Verlies gesperrt wird, obwohl noch viel bösere, bösere Männer frei herumlaufen, wo dem Dumbledore aller Schulen nicht nur der Friseur, sondern auch der politische Hausverstand vergeblich nachläuft, wo die Ministerin für Selbstverteidigung in einer Kanari-Camouflage ihr Unwesen treibt und wo die Pest ungebremst übers Land zieht und eine Spur der administrativen Verwüstung hinter sich herzieht. Dort, wo das kranke Gesundheitsministerium unter Politikern und Beamten leidet, die genauso gut von einer fremden Macht als Saboteure angeheuert worden sein könnten.

Da kenn ich mich aus, da ist mein Leisten, bei dem ich bleibe. Da ist es, wo ich bei 1450 anrufe, um zu fragen, wie ich zu einem Bescheid komme, der meine Genesung bestätigt und nach 10 Minuten erfahre, dass ich hier falsch bin und bei der AGES anrufen soll, wo ich nach weiteren 10 Minuten erfahre, dass ich mich in dieser delikaten Angelegenheit an 1450 wenden soll, und nachdem ich meine post-Corona-geschwächte Contenance ein wenig verliere, erstens zur Ordnung und zweitens zu einer weiteren Instanz gerufen werde und erst dort nicht wieder alles von vorne erzählen muss, weil nämlich gar niemand abhebt.

Hier, wo es eine Regierungskoalition gibt, die gemeinsam auf entweder 30 Prozent oder 40 Prozent kommt und zwar nicht abhängig davon, wer gefragt wird, sondern wer fragt. Hier, wo es eine Oppositions-Partei gibt, die an die Spitze der Charts stürmt, weil sie das Mikado-Spiel wiederentdeckt hat. Das ist das Spiel, wo der verliert, der (genau genommen: dessen Stäbchen) sich zuerst bewegt. Eine Partei, deren Parteivorsitzende fünf ehemalige Parteivorsitzende einlädt, um vom Podium herab diesen in Ehren ergrauten Herrn ständig zu applaudieren, obwohl eigentlich alle auf eine Rede gewartet haben. Die diese Rede dann sogar hält und nur allein dafür – also unabhängig vom Inhalt – stürmisch gefeiert wird.

Hier, wo sich alles wiederholt und schon bald wieder die Große Koalition Einzug halten wird, von der eigentlich keiner mehr ganz genau weiß, warum sie „große Koalition“ genannt wird, außer vielleicht, weil der Teppich wieder größer wird, unter den alles gekehrt werden kann.

Hier, wo die österreichische Fußball-Nationalmannschaft keinen Trainer mehr hat und das überhaupt keinen Unterschied macht, weil ohnehin der Komet kummt.

Liebe Zwergen-Grüße,
Ihr Harry Bergmann


Dr. Harry Bergmann, Werbedilettant (gar nicht einmal so schlecht), Kolumnisten-Dilettant (na, ja…). Hat durch das Schreiben einige Freunde verloren, aber mehr gewonnen (glaubt er zumindest). Denkt seit einiger Zeit darüber nach, ob der Flug Wien – Tel Aviv ein Hinflug oder ein Rückflug ist.

Zuletzt erschienen:

Nr. 142 Krankenstand, der neue Rücktritt (27.06.2022)
Nr. 141 Das Loch aller Löcher (13.06.2022)
Nr. 140 Eine Kurzgeschichte über Kurz und Geschichte (07.06.2022)
Nr. 139 Die Entdeckung der grundlosen Hysterie (03.06.2022)
Nr. 138 Kommt Strauch von straucheln? (30.05.2022)
Nr. 137 Tod in Venedig (25.05.2022)
Nr. 136 Was ist schon 100%ig? (18.05.2022)
Nr. 135 Wenn einer eine Regierung umbilden tut (13.05.2022)
Nr. 134 Ein Brief über zwei Briefe (09.05.2022)
Nr. 133 Innere Dialoge an den Rändern (06.05.2022)
Nr. 132 Als x noch kein y war (18.04.2022)
Nr. 131 Schleimspur im Gegenwind oder Der Homo Politicus Zachiens (11.04.2022)
Nr. 130 „... und dann sah ich plötzlich viel Blut.“ (10.04.2022)
Nr. 129 Am anderen Ende des Seins (04.04.2022)
Nr. 127 Die wachen Augen des Herrn R. (19.03.2022)
Nr. 126 Der Staat gegen mich (13.03.2022)
Nr. 125 Die Bananen der Republik (07.03.2022)
Nr. 124 Kann Neutralität mutig sein? (04.03.2022)
Nr. 123 Noch zappenduster oder schon stockfinster? (26.02.2022)
Nr. 122 Es ist 5 vor 12 (23.02.2022)