Die Bananen der Republik

Harry Bergmann über Scheinheiligkeit in Zeiten des Krieges und einige der prächtigsten Bananen der Republik


HARRY BERGMANN

07.03.2022

Nicht sonderlich prächtig: Diese Banane | Foto: Nastassia Ustyan

Ich hoffe, dass das, was jetzt gleich folgt, nicht allzu übergriffig ist. Mein Laptop sagt – also er sagt ja nur das, was der Duden ihm gesagt hat– dass das Wort „übergriffig“ unter anderem soviel bedeutet wie „grenzüberschreitend“. Das, was nämlich jetzt folgt ist, eine Hommage auf die Seuchenkolumne Nr. 669 („Oligarchenjagd, humanitärer Rassismus und die Mutter aller Krisen“)

Warum übergriffig?

Nun ja, schließlich ist Herr T. gewissermaßen mein „Chef“ und vielleicht ist es ihm gar nicht recht, dass ich in meiner Kolumne eine Huldigung – so jedenfalls hat der Duden meinem Laptop das Wort „Hommage“ erklärt – auf seine Kolumne darbringe („darbringen“ kommt auch vom Duden, sorry).

Ist mir jetzt aber egal. Ich war begeistert und wenn Sie die wortgewaltige Nr. 669 auch gelesen haben, was Sie sicher haben, dann werden Sie mich verstehen. Herr T. hält sich nämlich so ganz und gar nicht an das, was in Zeiten des Krieges angeblich gesagt und geschrieben werden darf. Er sieht nämlich auch dort hin, wo die Guten nicht nur gut und die Bösen nicht nur böse sind.

Es gibt diesen Satz, den wir in den letzten Tagen ständig zu hören bekommen: „Im Krieg stirbt die Wahrheit zuerst“. Jetzt mal abgesehen davon, dass man sich vergewissern muss, von wessen Wahrheit da überhaupt die Rede ist, findet man eine Reihe von immer noch lebenden Wahrheiten unter dem Teppich, wo sie hingekehrt worden sind. In der Ukraine unter den Bombenteppich und in der österreichischen Politik – „Sag einmal, andere Sorgen hast Du jetzt nicht?“ – unter die Teppiche diverser Hinterzimmer oder Ausschuss-Sitzungssäle.

Entsprechend dem von mir marginal veränderten Wittgenstein-Satz „Worüber man nicht reden soll, soll man erst recht reden“, erlaube ich mir die Nr. 669 noch um ein paar meiner Wahrheiten zu ergänzen.

Bleiben wir vorerst einmal dort, wo die Wahrheit nicht nur eine Tochter der Zeit, sondern auch eine Tochter des Fernsehkanals ist. In der Ukraine.

Darf man angesichts der vielen dunklen Tage, die noch vor der Ukraine liegen, sagen, dass Putin den Krieg schon verloren hat, obwohl er voraussichtlich alle Schlachten gewinnen wird? Es ist etwas früh, aber man darf es sagen, weil man wortwörtlich das sagt, was Yuval Harari gesagt und es damit begründet hat, dass es täglich unwahrscheinlicher wird, dass Putin die Ukraine dauerhaft besetzen kann.

Darf man sagen, dass es in Lemberg (darf man überhaupt Lemberg sagen?) immer noch ein riesiges Monument für den Immer-Noch-Nationalhelden Stepan Bandera gibt, der ein Holocaust-Ungeheuer, ein Kriegsverbrecher, ein Kollaborateur der Nazis war, verantwortlich oder mitverantwortlich für den Mord an tausenden Juden, Polen und Russen? Ja, man sollte es sagen dürfen, auch wenn man sich damit keine Freunde macht und sofort in das Eck der Putin-Versteher gestellt wird.

Darf man sagen, dass es vielleicht von den Amerikanern nicht ganz so schlau war, als selbsternannte Sieger des Kalten Kriegs Russland die Epauletten einer Supermacht herunterzureißen und westlich-arrogant die Nato-Erweiterung voranzutreiben? Vor dem Blutbad hätte man das sicher sagen dürfen, jetzt sollte man es sich tunlichst schenken.

Diese Fragerei könnte endlos weitergehen, ich bin aber heute mehr an unserer hiesig-diesigen (Copyright Herr T.) Republik und ihren Bananen interessiert. Darf man das überhaupt sein, während Bomben auf die Ukraine prasseln? Man darf nicht nur, man muss. Sonst wäre ja Putins Angriff tatsächlich das, als was er ursprünglich getarnt war, ein Manöver, ein riesiges Ablenkungsmanöver von der Ösi-Korruption, vom versemmelten Corona-Management und den verkommenen, alpenländischen Polit-Sitten.

Darf man also zum Beispiel schreiben, dass es eine Drei-Klassen-Gesellschaft für Flüchtlinge gibt? Erste Klasse Ukrainer, zweite Klasse Syrer, dritte Klasse Afghanen. Ja, kann man schreiben, man wird aber die Antwort ernten, dass nachbarschaftliches Blut eben dicker ist, als jenes aus dem fernen Morgenland. Darf man die neuerdings flüchtlingsfreundliche Regierung daran erinnern, dass einem all das Flehen und Betteln nicht geholfen hat, um unschuldige Kinder aus Moria herauszubringen und nach Österreich zu holen? Ja, unbedingt.

Mir bleiben nur mehr wenige Zeilen, also lassen Sie mich bitte noch kurz einige der prächtigsten Republik-Bananen betrachten, die uns in diesen finsteren Tagen Nahrung für Leib und Seele bieten. Jede davon wert, ausführlicher beschrieben zu werden, hätte man nur mehr Zeit und Lust dazu.

Ein Bundeskanzler, unser treuherziger Karli, der seine Neuerfindung noch nicht ganz abgeschlossen hat und deshalb immer wieder in alte Muster fällt. Er, der als Generalsekretär genau dort gesessen ist, wo man alles weiß, aber im Untersuchungsausschuss versichert, gar nichts zu wissen. Er, den jedes Telefonat mit Selenski „nachdenklich zurücklässt“. Er, der nicht wie diese beiden Wappler Macron und Bennett extra zu Putin fahren muss, um zu erkennen, dass es keine atomare Gefahr gibt.

Ein Außenminister, eine Banane, die ständig auf ihrer eigenen Schale ausrutscht. Er, der sagt, dass Österreich 1938 am eigenen Leib erlebt hat, wie es ist, wenn man von der Welt allein gelassen wird.

Ein musischer Nationalratspräsident, der hämisch-grinsend den Ausschuss zu einer Farce verkommen lassen will. Er, der viel geeigneter als Tontechniker wäre denn als Tonangebender einer parlamentarischen Institution. Er, der wie Putin nicht sieht, dass er den Krieg schon verloren hat.

Eine ehemalige Familienministerin, die sitzt.

Eine Wirtschaftsministerin, die stolz ist bis 17 Prozent zählen zu können, weil ihr deutscher Amtskollege angeblich nicht einmal so weit kommt.

Ein Innenminister und eine EU-Ministerin, die unbeholfen und ungelenk versuchen, sich nicht anmerken zu lassen, dass jeder Flüchtling einer zu viel ist. Ein Gesundheitsminister, der das größte Problem im Alleingang erledigt hat. Sich selbst.

Und weil auch die Bananen der Republik eine Opposition brauchen, lassen Sie mich bitte zur SPÖ sagen, dass man sie gar nicht mehr vermisst, weil man schon so lange ohne sie lebt. Da ich zur FPÖ prinzipiell nichts sage, bleiben die Neos.

Apropos bleiben: bleiben Sie mir trotz allem gewogen und lesen Sie Nr. 669,
Ihr Harry Bergmann


Dr. Harry Bergmann, Werbedilettant (gar nicht einmal so schlecht), Kolumnisten-Dilettant (na, ja…). Hat durch das Schreiben einige Freunde verloren, aber mehr gewonnen (glaubt er zumindest). Denkt seit einiger Zeit darüber nach, ob der Flug Wien – Tel Aviv ein Hinflug oder ein Rückflug ist.

Zuletzt erschienen:

Nr. 142 Krankenstand, der neue Rücktritt (27.06.2022)
Nr. 141 Das Loch aller Löcher (13.06.2022)
Nr. 140 Eine Kurzgeschichte über Kurz und Geschichte (07.06.2022)
Nr. 139 Die Entdeckung der grundlosen Hysterie (03.06.2022)
Nr. 138 Kommt Strauch von straucheln? (30.05.2022)
Nr. 137 Tod in Venedig (25.05.2022)
Nr. 136 Was ist schon 100%ig? (18.05.2022)
Nr. 135 Wenn einer eine Regierung umbilden tut (13.05.2022)
Nr. 134 Ein Brief über zwei Briefe (09.05.2022)
Nr. 133 Innere Dialoge an den Rändern (06.05.2022)
Nr. 132 Als x noch kein y war (18.04.2022)
Nr. 131 Schleimspur im Gegenwind oder Der Homo Politicus Zachiens (11.04.2022)
Nr. 130 „... und dann sah ich plötzlich viel Blut.“ (10.04.2022)
Nr. 129 Am anderen Ende des Seins (04.04.2022)
Nr. 128 Schuster, bleib bei deinen Leisten (29.03.2022)
Nr. 127 Die wachen Augen des Herrn R. (19.03.2022)
Nr. 126 Der Staat gegen mich (13.03.2022)
Nr. 124 Kann Neutralität mutig sein? (04.03.2022)
Nr. 123 Noch zappenduster oder schon stockfinster? (26.02.2022)
Nr. 122 Es ist 5 vor 12 (23.02.2022)