Die Pimperl-Troika oder Meine Sorgen möchte ich haben

Im ÖVP-Untersuchungsausschuss sollen jene drei Pferde den Karren aus dem Dreck ziehen, die ihn vorher selbst hineinmanövriert haben.


HARRY BERGMANN

17.02.2022

Jeder macht sich so seine Sorgen. Und es führt zu einem absoluten Garnichts, wenn die Größe einer Sorge von anderen, die diese Sorge nicht, dafür aber andere Sorgen haben, kleingeredet wird. Nehmen wir zum Beispiel mich. Ich mach mir Sorgen um den herannahenden Untersuchungsausschuss. Und schon geht es los: „Haben Sie den Verstand verloren? Russland steht mit über 100.000 Mann an der ukrainischen Grenze und Sie machen sich Sorgen wegen diesem Pimperl-Ausschuss, diesem absoluten Garnichts.“ Ich gebe zu, in diesem Vergleich komme ich im ersten Moment eher kleinkariert hinüber. Fast schon Pepita.

Aber so schnell gebe ich mich nicht geschlagen und deshalb kontere ich: „Welche Sorge hat mehr Gewicht, die kleine Sorge über etwas Kleines, das sicher eintritt oder die große Sorge über etwas Großes, das ziemlich sicher nicht eintritt?“

Putin wird nicht in die Ukraine einmarschieren und schon gar nicht heute, am groß angekündigten Mittwoch, an dem ich diese Kolumne schreibe. Er wird noch immer nicht einmarschiert sein, wenn Sie diese Kolumne lesen. Wenn Sie die Kolumne nicht lesen, wird er übrigens auch nicht einmarschiert sein.

Das sage nicht ich, sondern Yuval Harari. Ich gebe zu, er sagt das nicht so direkt, wie ich das hier behaupte, aber er bezweifelt die Profitabilität eines Eroberungskrieges an sich. Putin würde als Eroberer also weniger gewinnen, als es ihn kosten könnte. Putin ist aber ein kaltblütiger Stratege und nicht gerade bekannt für schlechte Geschäfte. Seine Drohgebärden dienen also „nur“ zur Durchsetzung seines geplanten Geschäfts, was immer es sei. Zugegeben, man könnte das weniger archaisch zum Ausdruck bringen.

Weniger klar sind mir da schon die Aktionen der versammelten europäischen Kriegs-Verhinderer. Ich dachte immer, dass Diplomatie etwas mit Psychologie zu tun hat. Die Rolle, in die Putin da gedrängt wird, verstehe ich nicht. Aber vielleicht geht es einfach nur darum, am gemütlichsten, weißen Verhandlungstisch der Welt Platz nehmen zu dürfen. Haben die eigentlich versteckte Mikrophone, wenn sie sich miteinander unterhalten?

Keine Frage, man muss sich natürlich über den Zustand der Welt und über die Diktatur in Russland Sorgen machen. Aber die vermeintliche Invasion lasse ich mir nicht gegen meinen tatsächlichen Untersuchungsausschuss aufrechnen. Pepita hin, Pepita her.

Meine Ausschuss-Sorge hat übrigens ein klein wenig mit Russland gemeinsam. Ich sage nur: „Troika“. Sie kennen doch das russische Wort Troika, oder? Natürlich kennen Sie es. Aber ich meine nicht die furchtbaren Schnellgerichte aus der Stalin-Zeit und auch nicht das infernale Dreigespann aus der Europäischen Zentralbank, der Europäischen Kommission und dem Internationalen Währungsfonds, das halbtote EU-Staaten anleitete, sich ganz zu Tode zu sparen. Nein, Troika ist eine russische Anspannungsweise für Fuhrwerke, in der drei Pferde nebeneinandergehen. Was nun meinen ÖVP-Korruptions-Untersuchungsausschuss betrifft, geht es um den Fall, in dem drei Pferde einen Karren aus dem Dreck ziehen sollen, den sie vorher – unter Mithilfe anderer Pferde – selbst in den Dreck manövriert haben.

Die besagten drei Pferde kommen aus dem gleichen Stall. Vielleicht sollte man besser sagen, aus dem gleichen Gestüt. Erraten, das Gestüt liegt in Niederösterreich. Und die Drei sind in wichtigen Funktionen eingespannt. Alle haben im Innenministerium herumgefuhrwerkt und jetzt ziehen sie die größten Kutschen des Staates, oder sollten sie zumindest ziehen: das größte Bundesland, das Parlament und den Staat selbst. Also eine Pimperl-Troika ist das wahrlich nicht.

Da stehen sie nun, die Landeshauptfrau, der Nationalratspräsident und der Bundeskanzler und machen sich Sorgen. Zurecht. Sorgen um die Partei, Sorgen um die Koalition, vor allem aber Sorgen um sich selbst. Was wird noch alles auftauchen? Als ob das, was schon aufgetaucht ist, nicht für zehn Ausschüsse reichen würde.

Aus diesem Dreigestirn sticht einer besonders hervor. Der Angeklagte, der auf dem Richterstuhl sitzt: der gute Herr Sobotka.

Wenn ich einmal kurz den gerade wiedergewählten deutschen Bundespräsidenten Steinmeier, der sagte „Präsident Putin, lösen Sie die Schlinge um den Hals der Ukraine!“ schamlos falsch zitieren darf: „Nationalratspräsident Sobotka, lösen Sie die Schlinge um Ihren eigenen Hals!“ Und wenn ich noch ergänzen darf: „Treten Sie gerade deshalb von dem Vorsitz des Ausschusses zurück!“

Aber warum mache ich mir eigentlich Sorgen? Ich mache mir Sorgen, dass dieser Ausschuss so ausgeht, wie alle anderen Ausschüsse davor. Es tauchen Videos oder Chats auf, über deren Inhalt weniger gesprochen wird, als über ihr rechtmäßiges oder unrechtmäßiges Zustandekommen. Es wird eine Unzahl an Zeugen vorgeladen, die eigentlich auf der Anklagebank sitzen sollten. Es wird eine Epidemie an Gedächtnisverlust ausbrechen. Es werden solange Nebelgranaten geworfen, bis niemand mehr irgendetwas klar erkennen kann. Und so weiter, und so weiter.

Vielleicht sage ich es am besten so: es gibt den Film „Too big to fail“ (Zu groß zum Scheitern) und genau das wird wohl auf die große Österreichische Volkspartei zutreffen.

Bevor Sie sich jetzt hinsetzen, um der Falter Redaktion, die nun wirklich nichts dafür kann, ein wütendes Mail zu schreiben, wie man ein „unguided missile“ wie mich eine Kolumne schreiben lassen kann: Ich kann Sie beruhigen, ich bin über die Situation an der Russisch-Ukrainischen Grenze sehr beunruhigt.

Ihr Harry Bergmann

Ich hätte heute aus aktuellem Anlass über das Fallen aller Corona Einschränkungen schreiben sollen. Aber das habe ich ohnehin getan. Denn ohne den dräuenden Untersuchungsausschuss gäbe es all die vorschnellen Corona-Lockerungen durch die Bundesregierung nicht.


Dr. Harry Bergmann, Werbedilettant (gar nicht einmal so schlecht), Kolumnisten-Dilettant (na, ja…). Hat durch das Schreiben einige Freunde verloren, aber mehr gewonnen (glaubt er zumindest). Denkt seit einiger Zeit darüber nach, ob der Flug Wien – Tel Aviv ein Hinflug oder ein Rückflug ist.

Zuletzt erschienen:

Nr. 142 Krankenstand, der neue Rücktritt (27.06.2022)
Nr. 141 Das Loch aller Löcher (13.06.2022)
Nr. 140 Eine Kurzgeschichte über Kurz und Geschichte (07.06.2022)
Nr. 139 Die Entdeckung der grundlosen Hysterie (03.06.2022)
Nr. 138 Kommt Strauch von straucheln? (30.05.2022)
Nr. 137 Tod in Venedig (25.05.2022)
Nr. 136 Was ist schon 100%ig? (18.05.2022)
Nr. 135 Wenn einer eine Regierung umbilden tut (13.05.2022)
Nr. 134 Ein Brief über zwei Briefe (09.05.2022)
Nr. 133 Innere Dialoge an den Rändern (06.05.2022)
Nr. 132 Als x noch kein y war (18.04.2022)
Nr. 131 Schleimspur im Gegenwind oder Der Homo Politicus Zachiens (11.04.2022)
Nr. 130 „... und dann sah ich plötzlich viel Blut.“ (10.04.2022)
Nr. 129 Am anderen Ende des Seins (04.04.2022)
Nr. 128 Schuster, bleib bei deinen Leisten (29.03.2022)
Nr. 127 Die wachen Augen des Herrn R. (19.03.2022)
Nr. 126 Der Staat gegen mich (13.03.2022)
Nr. 125 Die Bananen der Republik (07.03.2022)
Nr. 124 Kann Neutralität mutig sein? (04.03.2022)
Nr. 123 Noch zappenduster oder schon stockfinster? (26.02.2022)
Nr. 122 Es ist 5 vor 12 (23.02.2022)