Meistens bedeutet Ausschuss nichts Gutes

Ein Untersuchungsausschuss ist wie ein Ringelspiel. Es ziehen immer die gleichen Themen und Akteure an einem vorbei.


HARRY BERGMANN

03.02.2022

Etwas ansehnlicher als ein U-Ausschuss: Das Ringelspiel | Foto: Ran Berkovich/Unsplash

Jetzt habe ich das schon wieder. Vor Wochen hatte ich das schon einmal. Ich habe Ihnen davon berichtet. Ich habe das Lied „Schön ist so ein Ringelspiel“ von Hermann Leopoldi im Ohr und summe oder brumme oder singe es im Pianissimo unentwegt vor mich hin. Sinnigerweise nur die allerersten Takte und die erste Textzeile. Die zweite Textzeile „Das is a Hetz und kost net viel“ erspare ich mir oder bleibt mir erspart. Erstens ist es keine Hetz und zweitens kostet es mich meine Nerven. Da ich aber diesen Leopoldi-Tinnitus nicht so mir nichts, dir nichts los werde, habe ich beschlossen, ihn vorerst in mein Leben zu integrieren, um ihn dann – bei erster Gelegenheit- in das Land des Vergessens abzuschieben. Bekannt?

Dieser therapeutische Selbstversuch geht so: ich bringe den Ringelspiel-Tinnitus mit einem aktuellen Ereignis in Verbindung. Da eignet sich der bevorstehende parlamentarische Untersuchungsausschuss vorzüglich. Themen und Akteure kommen immer wieder und wieder, wie beim Ringelspiel die Pferderln. Jetzt kommt der etwas kniffligere Teil. Ich muss zu Ringelspiel und Untersuchungsausschuss einen dritten, zu beiden passenden Begriff assoziieren. Es fällt mir Schießbude ein. War nicht schwer, bei den vielen Schießbudenfiguren, die einem in den Wochen eines Ausschusses so begegnen. Kaum tritt Schießbude an die Stelle von Ringelspiel ist es um den Tinnitus auch schon geschehen, denn zu Schießbude fällt mir kein Lied ein.

Ab Anfang März geht es also los, da wird ausgeschossen. Wie heißt er denn eigentlich, der Ausschuss? Heißt er ÖVP-Korruptions-Untersuchungsausschuss, weil der Herr Sobotka von der ÖVP den Vorsitz hat oder heißt er nur Korruptions-Untersuchungsausschuss? Wenn er aber nur Korruptions-Untersuchungsausschuss heißt, wieso hat dann der Herr Sobotka den Vorsitz? Wieso hat Herr Sobotka überhaupt den Vorsitz?

„So a Ausschuss haaßt nix!“ meinte unlängst ein Freund eines Freundes. Einmal abgesehen davon, dass mein Freund – zumindest was die Sprache betrifft – etwas selektiver bei der Wahl seiner Freunde sein sollte, hat der Freund meines Freundes inhaltlich nicht unrecht.

Was ist denn schon groß herausgekommen bei den letzten Ausschüssen? Dass die, die immer lügen, hier auch lügen? Dass die, die immer etwas verschweigen, hier auch etwas verschweigen? Dass die, die verschlagen genug sind, sich ständig zu entschlagen, sich auch hier ständig entschlagen?

Was erwarten wir denn? Wir erwarten doch nicht im Ernst, dass jemand unter der Last der Fragen weinend zusammenbricht und schluchzt „Ja, ich bin korrupt. Ich schäme mich. Ich schäme mich vor meiner Familie. Ich schäme mich vor meinen Wählern. Ich schäme mich vor den anständigen Kollegen in meiner Partei. Ich ziehe die Konsequenzen und trete mit sofortiger Wirkung von allen meinen Ämtern, die mir übrigens zugeschanzt worden sind, zurück.“

Wir haben vergessen, was das Wort „Ausschuss“ bedeutet. Nichts Gutes jedenfalls. Ausschuss ist das, was nicht dem gewünschten Qualitätsstandard entspricht und auch für nichts anderes verwendet werden kann. So ein Ausschuss „haaßt nix“, wie wir gerade vorhin erfahren haben.

Und selbst wenn wir von einem anderen Ausschuss ausgehen, nämlich von dem eines Tormanns, dann muss das auch nicht unbedingt gut sein. Ok, der Ball fliegt weit in die gegnerische Hälfte, aber wenn es ganz blöd hergeht, dann ist der Ball plötzlich wieder vor dem eigenen Tor und der Hut des Tormanns, der gerade ausgeschossen hat, brennt lichterloh. Vor allem, wenn der Schiedsrichter kein Schiedsrichter ist, sondern der wichtigste Verteidiger des anderen Teams. Sie verstehen schon, was ich meine, Herr Sobotka.

„Ein parlamentarischer Untersuchungsausschuss ist doch kein primitives Fußballspiel!“ werden Sie jetzt vielleicht entrüstet einwenden. „Ein parlamentarischer Untersuchungsausschuss ist dazu da, die Rechte der parlamentarischen Minderheiten zu wahren.“ Sie haben natürlich recht und ich entschuldige mich dafür. Obwohl ich gerne an die Wurstsemmel des Herrn Krainer erinnern möchte, der in der Seuchenkolumne 122 von Armin Thurnher mit dem Titel „Die Wurstsemmel als Herabwürdigung“ ein Denkmal gesetzt wurde. Na bitte, die Wurstsemmel ist doch näher am Fußballplatz, als am Parlament, oder?

Aber wenn wir schon beim Herrn Krainer sind: ich mache mir beim ÖVP-Untersuchungsausschuss mehr Sorgen um die SPÖ als um die ÖVP. Obwohl ja eigentlich mit den Sideletters und den gerade rechtzeitig aufgetauchten Chats des Herrn Kloibmüller nichts schiefgehen kann. Aber die SPÖ hat in letzter Zeit ein bemerkenswertes Talent entwickelt: wann immer es Zores beim politischen Mitbewerber gibt und dieser mehr und mehr in Bedrängnis gerät, stolpert die SPÖ über ihre eigenen Füße, fällt in eine selbst ausgeschaufelte Grube, zelebriert ihren eigenen Korruptions-Skandal oder läuft mit offenen Augen in einen Pfosten, von denen ja genug herumstehen. Das hat manchmal schon etwas geradezu Slapstickartiges.

Um die FPÖ mache ich mir prinzipiell keine Sorgen. Wenn, dann mache ich mir wegen der FPÖ Sorgen. Die FPÖ als Quasi-Ankläger in einem Korruptions-Ausschuss! Das muss man sich auf der Zunge zergehen lassen. Wenn das kein Eigentor wird, dann fresse ich – in Ermangelung eines Besens – die Wurstsemmel des Herrn Krainer.

Bleibt also die feine Frau Krisper, die es nicht wirklich verdient hat, mit dem O-Wort berühmt geworden zu sein. Andererseits: ist das O einmal passiert, untersucht es sich ganz ungeniert. Jedenfalls ist sie meine Hoffnung, dass Ausschuss auch einmal etwas Positives bedeuten kann.

Ihr Harry Bergmann

Ich hatte früher immer die Angewohnheit, anzukündigen, was ich in der nächsten Kolumne schreiben werde. Nachdem ich diese Ankündigungen nie eingehalten habe, bin ich dazu übergangen anzukündigen, was ich vielleicht in der nächsten Kolumne schreiben würde.

Schlussendlich habe ich Ihnen und mir jegliches Aviso erspart. Nun ist es aber so, dass die nächste Kolumne meine 120. ist. Das ist mir aus vielerlei Gründen wichtig und daher werde ich über etwas schreiben, was mir sehr nahe geht: den immer stärker werdenden Antisemitismus.


Dr. Harry Bergmann, Werbedilettant (gar nicht einmal so schlecht), Kolumnisten-Dilettant (na, ja…). Hat durch das Schreiben einige Freunde verloren, aber mehr gewonnen (glaubt er zumindest). Denkt seit einiger Zeit darüber nach, ob der Flug Wien – Tel Aviv ein Hinflug oder ein Rückflug ist.

Zuletzt erschienen:

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Nr. 129 Am anderen Ende des Seins (04.04.2022)
Nr. 128 Schuster, bleib bei deinen Leisten (29.03.2022)
Nr. 127 Die wachen Augen des Herrn R. (19.03.2022)
Nr. 126 Der Staat gegen mich (13.03.2022)
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