Verstand ist keine Handelsware

Unser Kolumnist ist über seine eigene Flapsigkeit zerknirscht und gelobt Besserung


HARRY BERGMANN

13.01.2022

Premierminister Boris Johnson entschuldigt sich. Foto: BBC

Immer wenn ich etwas gesagt habe, das mein Vater – na sagen wir – nicht besonders intelligent gefunden hat, dann verdrehte er die Augen und meinte seufzend: „Verstand ist leider keine Handelsware.“ Er hat natürlich meinen Verstand – oder meinen mangelnden Verstand – gemeint, aber ich lenke jetzt geschickt von mir ab und münze es auf den politischen Verstand um, von dem hier die Rede sein soll.

Ich habe noch nie über Boris Johnson geschrieben. Das hat, neben einer Unzahl von anderen Gründen, vor allem den Grund, dass es profundere gibt, die über ihn schreiben sollen, denn die haben sicher etwas über ihn zu sagen. Andererseits gibt es für alle, über die ich jemals geschrieben habe, profundere. Viel profundere. Soll ich deshalb aufhören zu schreiben?

Niemals, obwohl ich ständig damit kokettiere. Ich glaube nämlich, dass Kolumnisten wie ich, also solche, die nicht mehr als ihre Leser und Leserinnen wissen, ebenfalls wichtig sind. Zumindest steht das in den meisten Mails, die ich bekomme. Es sind zugegebenermaßen nicht viele Mails, aber in den meisten dieser wenigen Mails steht: „Ich habe mir das gleiche gedacht wie Sie, nur war ich zu beschäftigt beziehungsweise zu faul, darüber zu schreiben. Danke.“ Ja, solche Mails bekomme ich und bin teilweise sogar gerührt, dass diese Menschen nicht zu beschäftigt oder zu faul sind, mir zu schreiben. Ich sehe es klar vor mir, wie er die Augen verdreht, mein Vater.

Also wenn ich nicht ohnehin aufhöre zu schreiben, kann ich genauso gut über Boris Johnson und seinen politischen Verstand schreiben.

Ich lese, dass er im Mai 2020 an einer Gartenparty in der Downing Street teilgenommen hat. Blöderweise war damals ein ganz strenger Lockdown, also nicht wie heute, wo die englische Regierung der Omikron-Variante ein Laissez-passer ausgestellt hat.

Hätte mein Vater das für gescheit gehalten? Ich meine nicht das Laissez-passer, sondern das soziale Laissez-faire des guten Boris. Ich glaube nicht.

Jetzt hat sich Johnson „von Herzen“ im Parlament dafür entschuldigt. Das mit dem Herzen hätte er sich ersparen können, denn das einzig herzhafte war das schallende Gelächter der Opposition. Der Vorsitzende der Labour Party meinte, Johnson hätte drei Möglichkeiten: entweder die Bevölkerung jagt ihn mit einem „nassen Fetzen“ aus dem Amt – also das sind natürlich nicht exakt die Worte des Oppositionsführers, denn dann hätte er so etwas ähnliches wie „wet rag“ gesagt und das hat er meines Wissens nicht gesagt – oder die Partei macht es. Oder er macht das einzig Anständige und tritt zurück.

Da sehen Sie wieder einmal, welch anständige Politiker wir haben. Drei Bundeskanzler in kürzester Zeit. Zwei davon zurückgetreten.

Angesichts dieser Zweidrittel-Anständigkeit möchte auch ich mich entschuldigen. Ich habe nämlich in meiner letzten Kolumne – wenn Sie sie noch nicht gelesen haben, dann ist es vielleicht besser so – festgestellt, dass Politik ein Beruf und keine Berufung ist. Natürlich habe ich – da möchte ich gar nicht so blöd herumreden wie Boris Johnson, der behauptet hat, gar nicht gewusst zu haben, dass die Party eine Party war – einen Rundumschlag zu landen versucht. Bei Chuck Norris heißt das Roundhouse Kick und geht immer gut aus. Für Chuck Norris. Bei mir leider nicht. Ich bekam zwar mehr Mails als sonst, aber alle negativ, oder sagen wir, korrigierend. „Ich kenne viele Politiker und Politikerinnen für die Politik eine Berufung ist. Zum Beispiel der und der oder die und die.“

Ich gestehe, ich bin über meine eigene Flapsigkeit zerknirscht und gelobe Besserung. Das würde übrigens unseren Politikern und Politikerinnen – ob berufen oder nicht – auch sehr gut anstehen. Das wäre doch etwas, wenn die Angelobung der Minister und Ministerinnen – das ist jene Veranstaltung in der Hofburg, die alle paar Wochen wiederholt wird – immer mit dieser Formel enden würde. „Ich gelobe Besserung.“ Ha, ha, ha, Innenminister Karner. „Ich gelobe Besserung.“ Wie würde die denn aussehen?

Ich habe auch noch nie über Nadja Bernhard geschrieben. Ich glaube, aus Schüchternheit, weil sie mir so gut gefällt. Mit oder ohne Brille. Mit langen oder kurzen Haaren. Ich bin ja kein Freund der ZIB1, weil sie mir viel zu „staatsfunkig“ ist. Vielleicht ändert sich das nach Kurz über kurz oder lang. Aber wenn Nadja spricht, dann glaube ich ihr. Na ja, das meiste halt. Vor ein paar Tagen war ich aber gar nicht einverstanden. Es ging um Omikron und Nadja wiederholte das Mantra der hohen Infektionszahlen, aber der milden Verläufe. Das hat sie sich natürlich nicht selbst ausgedacht. Das ist der vielzitierte Paradigmenwechsel des Herrn Mückstein. Dass er ausgerechnet das kompliziertere Wort „Paradigmenwechsel“ flüssig aussprechen kann, ohne dabei dreimal auf sein Blatt zu schauen, ist der wahre Paradigmenwechsel.

Die milderen Verläufe und die prozentuell geringere Belastung der Spitäler sind ein Faktum, keine Frage. Aber was hätte mein Vater zum politischen Verstand gesagt, auf der einen Seite um eine höhere Impfbeteiligung zu betteln und auf der anderen Seite mit dem Schlachtruf „Wir kriegen es alle, aber es passiert eh nix!“ durch die Lande und in die ZiB-Studios zu ziehen?

Er hätte mit Sicherheit nicht nur die Augen verdreht und geseufzt, sondern auch gesagt „Verstand ist keine Handelsware, das erkläre ich Dir doch schon die ganze Zeit.“

Erinnert sich,
Ihr Harry Bergmann

Ich weiß, ich nerve sie mit meiner Bio, aber ich versuche es noch einmal mit meiner Neujahrs-Bio. Ich hatte nämlich gerade Geburtstag und da fängt ja zumindest ein neues Lebensjahr an:


Während andere gute Vorsätze für 2022 fassen, ändert Harry Bergmann einfach seine Bio. 2022 wird sein Jahr. Er wird sich überreden lassen, weitere Kolumnen zu schreiben. Er wird endlich sein erstes und letztes Buch zu Ende schreiben und es wird ein Bestseller werden. Er wird wieder seine Marketing-Beratungstätigkeit aufnehmen und Agenturen und Kunden werden Schlange-Stehen. Und wenn das alles nicht passiert, dann wird eben 2023 sein Jahr.

Zuletzt erschienen:

Nr. 135 Wenn einer eine Regierung umbilden tut (13.05.2022)
Nr. 134 Ein Brief über zwei Briefe (09.05.2022)
Nr. 133 Innere Dialoge an den Rändern (06.05.2022)
Nr. 132 Als x noch kein y war (18.04.2022)
Nr. 131 Schleimspur im Gegenwind oder Der Homo Politicus Zachiens (11.04.2022)
Nr. 130 „... und dann sah ich plötzlich viel Blut.“ (10.04.2022)
Nr. 129 Am anderen Ende des Seins (04.04.2022)
Nr. 128 Schuster, bleib bei deinen Leisten (29.03.2022)
Nr. 127 Die wachen Augen des Herrn R. (19.03.2022)
Nr. 126 Der Staat gegen mich (13.03.2022)
Nr. 125 Die Bananen der Republik (07.03.2022)
Nr. 124 Kann Neutralität mutig sein? (04.03.2022)
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Nr. 122 Es ist 5 vor 12 (23.02.2022)
Nr. 121 Die Pimperl-Troika oder Meine Sorgen möchte ich haben (17.02.2022)
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Nr. 118 Die sauberen Hände (31.01.2022)
Nr. 117 Zeit der Antisemiten (25.01.2022)
Nr. 116 Was hat dieser Krugman gegen mich? (20.01.2022)
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