Der Büffel büffelt und die Lämmer sollten schweigen

Unser Kolumnist findet Österreich im Jahre 2022 in dem Zustand wieder, in dem er es 2021 verlassen hat. Das ist beruhigend und beunruhigend zugleich.


HARRY BERGMANN

05.01.2022

Ein Büffel, der mehr Glück mit dem Schneefall hatte | Foto: Daniel Lloyd Blunk-Fernández/Unsplash

Ich sitze wieder einmal im Flugzeug. Diesmal von Brindisi nach Wien. Also genauer gesagt von Brindisi nach Zürich und dann nach Wien. Rückflug jedenfalls. Flugzeug knallvoll. Mindestabstand 0 cm. Nase auf Nase, oder Nase auf Nacken. Ich spüre quasi schon das Omikron in mir aufsteigen. Es steigt ja, laut Dr. Fauci, derzeit vertikal. Er hat zwar die USA und die Infektionszahlen dort gemeint, aber ich kann das jetzt durch meine persönliche Erfahrung bestätigen.

Ich fliege zu viel. In Zeiten der Pest viel zu viel sogar. Aber ich kann zumindest sagen, dass ich ein gar nicht so schlechter 7-Tage-Inzidenz-Hopper bin. Bis zum Ansteigen der Zahlen in Israel, dann kurz nach dem Lockdown ein paar Tage in Sicherheit in Wien und jetzt bei – vergleichsweise – niedrigen Zahlen in Apulien. Apulien! Was für ein Fleckchen Erde! Wenn Sie schon einmal dort waren, dann wissen Sie, wovon ich rede. Castel Del Monte. Trulli in Alberobello. Barock in Lecce. Und über allem thronend: Matera. Notfalls auch ohne den Aston Martin von James Bond.

Wenn Sie ganz anders gepolt sind als ich – dann würden Sie aber vermutlich meine Kolumne nicht lesen – und nichts dabei finden, dass der jetzige Innenminister das Andenken von Dollfuß hochhält, sollte ich vielleicht auch noch das von Mussolini in Auftrag gegebene Marine-Ehrenmal in Brindisi erwähnen.

Aber jetzt geht es zurück. In das Land der abgetauten Platter-Berge und der tiefen Schramböck-Täler. In das Land, wo die Omikron-Welle jetzt schon als Wand bezeichnet wird, in die wir dank unserer vorausschauenden Politiker mit Sicherheit hineinkrachen werden.

Und gleich zur Begrüßung höre ich, dass Herr Kickl den Holocaust verharmlost. Da fühlt man sich doch gleich wieder zu Hause. Ob die Anzeige der jüdischen Hochschüler etwas bringt, ist eine andere Frage. Zweifellos das richtige Zeichen, aber es wird sich irgendwo im Sand des nicht gebauten Lobautunnels verlaufen und die FPÖ kann sich dann als – von allen verkannter – philosemitischer Club aufpudeln. Immer das gleiche Spiel, obwohl es so etwas von keinem Spiel ist.

Und was machen meine anderen Freunde?

Von Hörl schon lange nichts gehört. Rechnet er gerade die 1000er Inzidenz von Kitzbühel nach und schiebt alles auf die Engländer und die Holländer – die Gfraster – die auf höchst mysteriöse Weise nach Tirol gekommen sind? Ein Glück noch, dass Schröcksnadel nicht mehr im Amt ohne Würden ist. Er würde nämlich jetzt schon garantieren, dass das Hahnenkamm-Rennen die Inzidenz senken wird.

Und erst meine spezielle Freundin Schramböck: sie ist zur glasklaren Erkenntnis gelangt, dass es „ohne Wissenschaft keinen Impfstoff gäbe.“ Hört, hört.

Auch Pamela bleibt bei ihrem Leisten, der Pandemie, und sagt: „Wir müssen alle Anstrengungen unternehmen, um weitere Lockdowns zu verhindern.“ Mit diesem nobelpreisverdächtigen Satz und ihrer kämpferischen Einstellung unterstreicht sie jedenfalls wirkungsvoll ihren Anspruch, die SPÖ in die nächste Wahl zu führen und dort hinunterzuführen.
Der Arbeitsminister Kocher kann inhaltlich zwar weder Schramböck noch Rendi-Wagner das Wasser reichen – Wasserkocher sozusagen – aber dafür redet er so schnell, dass man den Inhalt ohnedies nicht mitbekommt.

In dieser illustren Runde darf Sobotka, der Chuck Norris der österreichischen Innenpolitik, nicht fehlen. Er, dem sich mein Chef Armin Thurnher mit Versen an die Fersen geheftet hat, schweigt. Das wäre an sich eine wunderbare Fügung des Schicksals, aber was ist der Grund? Ich glaube, er bereitet sich sorgsam auf die völlig willkürliche Führung des ÖVP-Korruptions-Untersuchungsausschusses vor. Der Büffel büffelt.

Ich könnte diesen Freundeskreis, auf den ich mich schon lange vor meiner Landung in Wien gefreut habe, ausweiten und ausweiten und ausweiten und ich müsste dabei nicht einmal auf meine engsten Freunde, Nehammer, Mückstein und Schallenberg zurückgreifen, aber ich möchte noch etwas zu unserem Herrn Bundespräsident sagen, dessen Neujahrsrede ich mir in Apulien nicht entgehen habe lassen.

Ich weiß, dass das sehr heikel ist und ich bin auch heilfroh, dass er uns vor dem Herrn Hofer bewahrt hat und ich will mir gar nicht ausmalen, wie es gewesen wäre, wenn ein Bundespräsident auf den Anti-Corona-Demos mitgegangen wäre, und ich will ihn in keiner Weise in die oben erwähnte Freundes-Liste einreihen, aber ich ärgere mich schon ein bisschen über ihn. Um Ihnen den Grund meines Ärgernisses zu erklären, muss ich ein wenig ausholen.

Mein Professor in „Darstellender Geometrie“ bedachte jeden Schüler, der auf der Tafel versagte, mit einschlägigen Berufs-Vorschlägen. Kanalräumer war sein Lieblings-Vorschlag. Ich – aus welchem Grund auch immer – fasste hingegen meistens „Zuckerlrundlutscher“ aus.

Die Vorstellung, die dieses Wort in mir auslöste, hatte eine gewisse Ähnlichkeit mit den Ansprachen des Herrn Bundespräsidenten.

Daher fasse ich jetzt allen Mut zusammen und sage: „Lieber, viel zu lieber Herr Bundespräsident, bitte hauen Sie doch einfach einmal auf den Tisch, wenn Ihnen danach zumute ist. Was soll den groß passieren? Sollten Sie sich dazu entschließen anzutreten, dann werden Sie doch ohnehin mit überwältigender Mehrheit gewählt. Von mir in jedem Fall.“

Ich finde Österreich jedenfalls im Jahre 2022 in dem Zustand wieder, in dem ich es 2021 verlassen habe. Die Büffel büffeln oder rüffeln und die Lämmer und Lämmerinnen reden genau dort, wo sie schweigen sollten und schweigen, wenn es darum geht endlich etwas zu sagen. Irgendwie beruhigend und beunruhigend zugleich.

Meint
Ihr Harry Bergmann


Während andere gute Vorsätze für 2022 fassen, ändert Harry Bergmann einfach seine Bio. 2022 wird sein Jahr. Er wird sich überreden lassen, weitere Kolumnen zu schreiben. Er wird endlich sein erstes und letztes Buch zu Ende schreiben und es wird ein Bestseller werden. Er wird wieder seine Marketing-Beratungstätigkeit aufnehmen und Agenturen und Kunden werden Schlange-Stehen. Und wenn das alles nicht passiert, dann wird eben 2023 sein Jahr.

Zuletzt erschienen:

Nr. 135 Wenn einer eine Regierung umbilden tut (13.05.2022)
Nr. 134 Ein Brief über zwei Briefe (09.05.2022)
Nr. 133 Innere Dialoge an den Rändern (06.05.2022)
Nr. 132 Als x noch kein y war (18.04.2022)
Nr. 131 Schleimspur im Gegenwind oder Der Homo Politicus Zachiens (11.04.2022)
Nr. 130 „... und dann sah ich plötzlich viel Blut.“ (10.04.2022)
Nr. 129 Am anderen Ende des Seins (04.04.2022)
Nr. 128 Schuster, bleib bei deinen Leisten (29.03.2022)
Nr. 127 Die wachen Augen des Herrn R. (19.03.2022)
Nr. 126 Der Staat gegen mich (13.03.2022)
Nr. 125 Die Bananen der Republik (07.03.2022)
Nr. 124 Kann Neutralität mutig sein? (04.03.2022)
Nr. 123 Noch zappenduster oder schon stockfinster? (26.02.2022)
Nr. 122 Es ist 5 vor 12 (23.02.2022)
Nr. 121 Die Pimperl-Troika oder Meine Sorgen möchte ich haben (17.02.2022)
Nr. 120 Es gibt kein Warum (10.02.2022)
Nr. 119 Meistens bedeutet Ausschuss nichts Gutes (03.02.2022)
Nr. 118 Die sauberen Hände (31.01.2022)
Nr. 117 Zeit der Antisemiten (25.01.2022)
Nr. 116 Was hat dieser Krugman gegen mich? (20.01.2022)
Nr. 115 Über das Impfpflichterl und den Hang zur Verkleinerung (18.01.2022)