Von der Traufe in die Traufe

Dass wir nach der Ernennung von Gerhard Karner zum Innenminister darüber diskutieren, ob der Austrofaschismus wirklich Faschismus war, ist im schlechtesten Sinn des Wortes österreichisch.


HARRY BERGMANN

12.12.2021

Ich habe in den letzten Wochen immer nur „dagegen“ geschrieben.

Ich habe gegen Nehammer geschrieben. Und? Er ist Bundeskanzler geworden.

Ich habe gegen Schallenberg geschrieben. Und? Er ist schon vor Nehammer Bundeskanzler geworden. Und jetzt wieder Außenminister, obwohl schon ein anderer statt ihm Außenminister geworden ist.

Ich habe gegen Schramböck und ihre wirtschaftliche Unbeflecktheit geschrieben. Und? Sie ist Ministerin geblieben.

Ich habe gegen Köstinger geschrieben. Und? Ist es aus, Elli? Im Gegenteil.

Ich habe gegen Mückstein und seine einnehmende Rhetorik geschrieben. Und? Jetzt gibt er gar keine Antworten mehr oder immer die gleiche, egal was man ihn fragt.

Ich habe – wenn auch behutsamer – gegen Faßmann und seine manchmal erratischen Pläne geschrieben. Und? Ich habe so eine Ahnung, dass ich bald gegen den Neuen schreiben werde.

Ich habe nur einmal für jemanden geschrieben. Eigentlich an jemanden geschrieben. Bürgermeister Ludwig. Ich wollte ihn überreden, ins Bundeskanzleramt zu wechseln. Natürlich nicht einfach so, sondern erst nachdem er die Neuwahl gewonnen hat. Und?

Er ist dagegen. Er denkt nicht daran, die schützende Rüstung des Rathausmanns abzulegen. Er hat zwar zugesagt, hie und da zum Bundeskanzleramt hinüber zu spazieren – was angesichts der schweren Rüstung eine beachtliche Leistung ist – aber nur, um nachzusehen, wer gerade Kanzler ist.

Nach all diesen kolumnistischen Schlappen wollte ich diesmal einfach etwas Lustiges oder zumindest etwas Empathisches schreiben. Ich dachte, es ist schon so viel Streit und Bitterkeit und Hass da draußen, dass es höchst an der Zeit wäre, die vielen Wadln, in die man sich verbissen hat, auszulassen. Ohne ein Minimum an Zusammenhalt und Bereitschaft, auf den anderen einzugehen werden wir nämlich Omikron und die damit verbundene fünfte Welle nicht unbeschadet überstehen. Ja, fünfte Welle. Ich will keine Kassandra sein, aber hier in Israel spricht man schon seit Tagen über nichts anderes als die fünfte Welle und die vierte Impfung. Und wenn ich etwas in den letzten beiden Jahren gelernt habe, dann ist es, dass Israel pandemisch immer ein paar Monate vor Österreich liegt.

Aber es geht nicht. Ich meine, ich kann nichts Lustiges oder Versöhnliches schreiben. Nicht nachdem ich sie gesehen habe. Die Angelobung des niederösterreichischen „Museumdirektors“ – ich nenne ihn halt so, in der Hoffnung, dass er mir böse ist – zum neuen Innenminister.

Da habe ich mir doch glatt vor ein paar Wochen, in einer Art türkisen Allergieanfall, die Schwarzen zurückgewünscht. Und jetzt das.

Kommt einfach einer aus dem niederösterreichischen Texing, wo er Bürgermeister ist und wo es ein Dollfuß-Museum gibt, das er unterstützt, nach Wien, fährt in die Hofburg und lässt sich dort mir nichts, dir nichts zum Innenminister angeloben.

Ja, ja, wir reden von d-e-m Engelbert Dollfuß, von dem Faschisten und Antisemiten, der das Parlament und den Verfassungsgerichtshof ausgeschaltet und der die Parteien verboten hat. Und ja, wir reden von dem Gerhard Karner, der ja nicht zufällig gerade bei der Hofburg vorbeispaziert ist, als drinnen gerade angelobt wurde, sondern von den Schwarzen aus Niederösterreich dorthin geschickt wurde.

Und was haben wir jetzt in der schönen Alpenrepublik? Nicht etwa einen Aufschrei der Empörung, der den Herrn Karner genauso wieder aus dem Innenministerium hinausspült, wie ihn die Allmachtgelüste einer Landeshauptfrau hineingespült haben. Nein. Wir haben eine Diskussion, ob Austrofaschismus wirklich Faschismus ist.

Hört denn das nie auf?

Das folgende habe nicht ich geschrieben, sondern die „Jüdische Hochschülerschaft“, ich würde es aber tausendmal unterschreiben:

„Österreichs Geschichte ist gezeichnet von Antisemitismus, Diktatur und Nationalsozialismus. Von Lueger, der Hitler als Idol diente, zu Dollfuß, der ihm den Weg ebnete, bis hin zu Waldheim, der seine SA-Vergangenheit verschwieg. Wir hatten gehofft, dass die Kontinuität antisemitischer Politik in den gemäßigten österreichischen Parteien ein Ende genommen hat.

Gerade vor dem Hintergrund des begrüßenswerten „Nationalen Aktionsplan gegen Antisemitismus“ sind wir erschüttert und besorgt über die Ernennung Gerhard Karners zum Innnenminister, der sich in seinem Landtagswahlkampf antisemitischer Rhetorik bediente und sich davon nicht distanzieren will.

Wir sind der Überzeugung, dass diese Person für das Amt des Innenministers vollkommen ungeeignet ist und fordern die Bundesregierung dazu auf, unsere Sicherheit in die Hände gemäßigter Politik zu legen.“

Ein kluger Kopf hat einmal gesagt, dass Vergessen entweder Gnade oder Gefahr bedeutet. Die kollektive Geschichtsvergessenheit ist mit Bestimmtheit das Zweite. Aber gerade um die geht es in Österreich. Kein Wunder, dass wir immer wieder dort landen, wo wir schon einmal waren. Von der Traufe in die Traufe.

Ich will nicht schon wieder von den Corona-Demos anfangen, aber eben nur diese Geschichtsvergessenheit – oder noch schlimmer, Geschichtsunwissenheit – macht es möglich, dass „normale Familien“ mit Nazis mitmarschieren oder es akzeptieren, dass die Nazis mit ihnen mitmarschieren.

Ich erinnere mich noch sehr genau, wie der jüngste Alt-Alt-Bundeskanzler nicht von DEM Silberstein (Wahlkampf-Berater des gescheiterten Alt-Alt-Alt-Bundeskanzlers Kern) gesprochen hat, sondern von DEN Silbersteins.
Aber ich gestehe: Dollfuß ist noch einmal eine andere Liga.

Ich höre es jetzt schon: „Es is ja nix dabei und die sollen endlich a Rua gebn. Die glauben echt, dass Ihnen hinter jeder Eckn a Nazi auflauert.“ Nein, das glauben wir nicht, denn sie verstecken sich nicht mehr hinter den Ecken. Das brauchen sie auch gar nicht, wenn politische Parteien es zulassen, dass sie salonfähig, ja sogar ministrabel, werden.

Aber vielleicht kommen die Schwarzen ja zur Besinnung oder werden von der öffentlichen oder veröffentlichen Meinung zur Besinnung gebracht, und wir feiern das Weihnachtswunder, dass wir zumindest von der Traufe in den Regen gekommen sind.

Besinnliche Feiertage wünscht
Ihr Harry Bergmann

PS: Hat eigentlich jemand die Grünen gesehen?


Dr. Harry Bergmann, Werbedilettant (gar nicht einmal so schlecht), Kolumnisten-Dilettant (na, ja…). Hat durch das Schreiben einige Freunde verloren, aber mehr gewonnen (glaubt er zumindest). Denkt seit einiger Zeit darüber nach, ob der Flug Wien – Tel Aviv ein Hinflug oder ein Rückflug ist.

Zuletzt erschienen:

Nr. 135 Wenn einer eine Regierung umbilden tut (13.05.2022)
Nr. 134 Ein Brief über zwei Briefe (09.05.2022)
Nr. 133 Innere Dialoge an den Rändern (06.05.2022)
Nr. 132 Als x noch kein y war (18.04.2022)
Nr. 131 Schleimspur im Gegenwind oder Der Homo Politicus Zachiens (11.04.2022)
Nr. 130 „... und dann sah ich plötzlich viel Blut.“ (10.04.2022)
Nr. 129 Am anderen Ende des Seins (04.04.2022)
Nr. 128 Schuster, bleib bei deinen Leisten (29.03.2022)
Nr. 127 Die wachen Augen des Herrn R. (19.03.2022)
Nr. 126 Der Staat gegen mich (13.03.2022)
Nr. 125 Die Bananen der Republik (07.03.2022)
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Nr. 121 Die Pimperl-Troika oder Meine Sorgen möchte ich haben (17.02.2022)
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Nr. 118 Die sauberen Hände (31.01.2022)
Nr. 117 Zeit der Antisemiten (25.01.2022)
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