Neuwahlen ohne Neuwahlen

Alle paar Wochen gibt es einen Neuen und man fragt sich: Zahlt es sich wirklich aus, sich den Namen zu merken? Dabei ist das gar nicht das größte Problem der „neuen“ Regierung.


HARRY BERGMANN

03.12.2021

Der Wiener – die Wienerin natürlich auch – sagt gern: „Wer waaß, wofür’s guat is.“ Das passt eigentlich gar nicht zum Wiener. Denn man sagt diesen Satz nur, wenn etwas Negatives passiert ist, dem man etwas Positives abgewinnen will. Normalerweise sucht der Wiener ja das Negative im Positiven, das berühmte Haar in der Suppe. Und findet es auch zumeist.

Was, so frage ich mich, sagt der Wiener also zu dem, was in den letzten Tagen und Stunden so passiert ist? Ist es das Positive im Negativen oder das Negative im Positiven?

Passiert ist nämlich nicht weniger als ein Erdbeben der Stärke 9 auf der nach oben offenen Richterskala. Wobei sich der Wiener ja lieber an seinem defätistischen Gefühl als an der wissenschaftlichen Skala des Seismologen Charles Francis Richter orientiert. Daher kommt ja auch der Satz „Mir wern kann Richter brauchen“.

Das Epizentrum dieser durch Menschen verursachten Naturkatastrophe erstreckt sich mehr oder weniger über den gesamten ersten Wiener Gemeindebezirk, auch „Innere Stadt“ genannt, was ja wiederum – omenhaft – zu einem Beben passt, das aus dem tiefen Inneren der Erde kommt. Das Bundeskanzleramt, das Innenministerium, das Finanzministerium, das Bildungsministerium, das Außenministerium und die ÖVP-Parteizentrale sind betroffen. Ob und in welchem Grad sie beschädigt sind, kann man derzeit nicht sagen. Ehrlicherweise muss man sagen, dass die meisten groben Beschädigungen – manche sogar irreparabel – schon lange vor diesem 3.12.2021 verursacht worden sind.

Bleiben wir noch ein wenig beim Wiener. Er liebt schaurig schöne Ereignisse. Nicht wirklich als Betroffener, mehr als Voyeur in sicherer Entfernung. So wie er auch seine Grottenbahn im Prater liebt. Da ist er zwar noch nicht selbst gefahren, aber seine Kinder schickt er gern hinein.

„Jö, schau! Da fliagt er, der Blümel. Und sei Läptop fliagt glei hinter eam her. Tuat ma irgendwie scho lad. Ui, Jessas, jetzt hats den Langen a erwischt. Wie haaßt eigentlich der Neiche? Ah, is eh der Oide. Und der Neiche, der was jetzt der Oide is, wos mocht jetzt der? No jo, es trífft kan Unschuldigen net. Ois Gfraster.“

Es geht aber nicht um den Wiener, zumindest nicht um den Wiener allein. Es geht um uns alle. Wir alle haben plötzlich eine so gut wie neue Regierung. Keine Sorge, die tragenden Säulen, wie Köstinger, Schramböck und Raab sind natürlich immer noch da. Gott sei Dank ist die Regierungsbank nur an – wie soll ich es ausdrücken – „sekundären“ Positionen neu besetzt worden.

Da wäre einmal der verzichtbarste Sitz. Der des Bundeskanzlers. Da gibt es ja alle paar Wochen einen neuen, und man fragt sich, ob es sich wirklich auszahlt, sich den Namen zu merken. Aber egal: Nehammer heißt der neue. Karl Nehammer. Seine Spezialität ist das Abschieben von jungen Mädchen, das Im-Stich-Lassen von kleinen, durchnässten, frierenden Kindern auf einer griechischen Insel, das Übersehen von Informationen, die einen Terroranschlag in Wien hätten verhindern können. Das ist natürlich nur ein oberflächlicher, schnell hingeworfener, kleiner Auszug seiner Qualifikationen. Rein äußerlich gibt er schon was her. „Ein fescher Kampl“ würde die niederösterreichische Landeshauptfrau zart errötend sagen. Was die niederösterreichische Landeshauptfrau damit zu tun hat? Viel!

Dieser Karl Nehammer freut sich schon auf seine neue Aufgabe, sagt er. Und man glaubt es ihm. Ja man freut sich fast ein bisschen mit ihm, wie er so dasteht mit seinem ehrlichen Buben-Lächeln und sich ganz artig bei seinem Vorgänger – wie heißt der jetzt wieder? – bedankt. Der Vorgänger, den man fälschlicherweise Schattenkanzler nannte.

Fälschlicherweise, weil er ganz offensichtlich Angst vor seinem eigenen Schatten hatte, ganz zu schweigen vor dem großen Mannsbild-Schatten seines Nachfolgers Karl.

Dieser Nehammer-Vorgänger, der jetzt Nachfolger eines anderen Mannes – dessen Namen, man sich jetzt tatsächlich nicht mehr merken muss – wird, dessen Vorgänger er selbst war. Klingt kompliziert, ist es auch. Neben der nicht unerheblichen Tatsache, dass es auch charakterlos ist.

Das sind aber eigentlich alles vernachlässigbare Probleme der runderneuerten Regierung. Auch die Qualifikation würde ich nicht an die erste Stelle setzen, obwohl einem natürlich der legendäre Satz von Walter Meischberger sofort einfällt „Wo woar mei Leistung?“

Nein, das größte Problem der „neuen“ Regierung ist die Legitimation. Die fehlende Legitimation. Der Vorgänger des Vorgängers des neuen Bundeskanzlers hatte sie noch, diese Legitimation. Und wie. Eine triumphal gewonnene Wahl, ach was sage ich, zwei gewonnene Wahlen. Was er aus dieser Legitimation in der Folge gemacht hat, ist wieder eine andere Geschichte. Traurig und lang.

„Herr Nehammer, richtig? Wir kennen uns nicht und ich bin auch froh, dass ich nie mit der von Ihnen bisher befehligten Polizei Bekanntschaft gemacht habe. Aber, verzeihen Sie, wenn ich das so sage, ich glaube, Sie doch ein ganz klein wenig zu kennen. Ich sag einmal etwas und Sie können dann ja immer noch sagen, dass ich das völlig falsch sehe: Sie sind ein fescher, g‘standener Bursch, nicht so ein schnöseliger Blockflötenspieler wie ihr Vorgänger-Zwergerl. Sie stehen an der riesigen Pauke. Hauen Sie doch mal richtig rein, oder sagt man drauf? Sie wollen keine Neuwahlen, ohne Neuwahlen, oder? Sie wollen Ihren Gegnern, diesen Halawacheln, zeigen, wo der Nehammer hängt. Sie brauchen auch kein hinterlistiges Wahl-Marketing. Türkis? Schwarz? G‘streift? Neue Volkspartei, alte Volkspartei? Egal, Sie ziehen in den Krieg, äh, in die Wahl und sie werden keine Gefangenen machen. Die politischen Gegner, die eine historische Schlappe erleben werden, stellen sich jetzt schon an, um die ersten zu sein, wenn es darum gehen wird, um Gnade zu winseln. Koalition? Wer braucht eine Koalition, wenn man locker die Absolute schafft. Sie sind für Neuwahlen mit Neuwahlen und nicht für Neuwahlen ohne Neuwahlen. Sie stellen sich mit Begeisterung diesem Kampf und werden im Triumphzug in St. Pölten einreiten und das Herz der Landeshauptfrau im Most, äh Sturm, erobern. Stimmt doch, oder?“

Liebe Leserin, lieber Leser, sagen Sie bitte nicht, dass ich es Ihnen nicht gesagt hätte,
Ihr Harry Bergmann


Dr. Harry Bergmann, Werbedilettant (gar nicht einmal so schlecht), Kolumnisten-Dilettant (na, ja…). Hat durch das Schreiben einige Freunde verloren, aber mehr gewonnen (glaubt er zumindest). Denkt seit einiger Zeit darüber nach, ob der Flug Wien – Tel Aviv ein Hinflug oder ein Rückflug ist.

Zuletzt erschienen:

Nr. 142 Krankenstand, der neue Rücktritt (27.06.2022)
Nr. 141 Das Loch aller Löcher (13.06.2022)
Nr. 140 Eine Kurzgeschichte über Kurz und Geschichte (07.06.2022)
Nr. 139 Die Entdeckung der grundlosen Hysterie (03.06.2022)
Nr. 138 Kommt Strauch von straucheln? (30.05.2022)
Nr. 137 Tod in Venedig (25.05.2022)
Nr. 136 Was ist schon 100%ig? (18.05.2022)
Nr. 135 Wenn einer eine Regierung umbilden tut (13.05.2022)
Nr. 134 Ein Brief über zwei Briefe (09.05.2022)
Nr. 133 Innere Dialoge an den Rändern (06.05.2022)
Nr. 132 Als x noch kein y war (18.04.2022)
Nr. 131 Schleimspur im Gegenwind oder Der Homo Politicus Zachiens (11.04.2022)
Nr. 130 „... und dann sah ich plötzlich viel Blut.“ (10.04.2022)
Nr. 129 Am anderen Ende des Seins (04.04.2022)
Nr. 128 Schuster, bleib bei deinen Leisten (29.03.2022)
Nr. 127 Die wachen Augen des Herrn R. (19.03.2022)
Nr. 126 Der Staat gegen mich (13.03.2022)
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