Kann man an zwei Orten gleichzeitig sein?

Message Control, das Aushöhlen der Justiz, Korruptionsvorwürfe: Das System Netanjahu steht vor dem Ende. Und erinnert dabei stark an einen anderen gefallenen Staatsmann.


HARRY BERGMANN

22.10.2021

Am 4. November 1995 wurde Jitzchak Rabin ermordet. Seit damals ist Israel anders. | Foto: Harry Bergmann

Ich habe auf meine letzte Kolumne „Ich will wählen“ viele Reaktionen erhalten. Zumeist negativ. Nicht feindselig-negativ. Einfach negativ. In der türkisen Chat-Sprache: ziemlich oasch.

Einige waren mit meiner Merkel-Laudatio nicht einverstanden. Das tut mir – für Merkel – leid. Ich dachte eigentlich, dass ihrem ehrenvollen Eintrag in die Geschichtsbücher nichts im Wege steht. Mit diesem frontalen österreichischen Gegenwind hat sie sicher nicht gerechnet, die Arme. Sie war nämlich in letzter Zeit gewohnt, dass österreichische Angriffe immer von hinten kommen.

Der Großteil der Kritiker aber gab mir zu verstehen, dass das Letzte, was ihnen jetzt in den Sinn käme, wäre, jetzt wählen zu gehen. Bei einigen wenigen löste ich sogar leichte Aggressionen aus, so in dem Sinne, gegen welchen Pfosten einer Wahlurne ich denn gelaufen wäre. Als ich kurz unsicher wurde, ob ich mich wieder einmal in irgendetwas verrannt hatte, fiel mir die Sendung „Im Zentrum“ ein und schon wusste ich, dass ich nicht ganz so schief liege.

Unsere Elli, gschneizt und kampelt, als ginge es zur Welser Landwirtschaftsmesse, legte sich für Sebastian als Opfergabe auf den Altar. So lieben können nur Frauen in den deutschen Heldensagen oder – vielleicht – Thomas Schmid. Ihr gegenüber der weiseste, weißeste Rauschebart der österreichischen Innen-, Europa- und Überhaupt-Politik, Franz Fischler. Und dann Matthias „mich sticht wieder der Hafer“ Strolz, der systematischte aller systemischen Coaches. Seine Hackln gegen das türkise System flogen so tief, dass sie die arme Elli immer wieder tief ins Mark trafen. „Schon komisch“, dachte ich „dass diese beiden eitlen Gockeln, insbesondere der Jüngere, all die Jahre mucksmäuschenstill waren.“

Ich war mir jedenfalls meiner Sache – Sie wissen schon, das mit der Wahl – wieder völlig sicher, denn ich will die nächsten Monate oder gar Jahre sicher nicht mucksmäuschenstill sein.

Dann sah ich auch noch Irmgard Griss in der ZIB2. Sie erinnert mich zwar an meine Mathematik- und Physikprofessorin und ich will nichts so nicht, wie an meine Mathematik- und Physikprofessorin erinnert werden, aber jedes ihrer Argumente sprach mir aus der Seele. Und ja, das alles hätte ich halt gern mit einem Kreuz in der Wahlkabine unterschrieben. Aber ok, ein Mann muss wissen, wenn er verloren hat. Ich lasse also von meiner Idee ab und überlasse Sie, die Sie mich kritisiert haben, dem Schicksal eines Treibholzes im ständig nach rechts abbiegenden Fluss der österreichischen Innenpolitik. Treiben Sie wohl!

Ich bin jetzt ohnehin in Israel und – keine Angst – trotz Doppelstaatsbürgerschaft hier nicht wahlberechtigt. Ich bin an dem Tag hier gelandet, an dem auch der Vorgänger des adeligen Sowas-Von-Nicht-Bundeskanzlers, gelandet wäre. Er wollte mit Premier Bennet wohl besprechen, wie man mit einer Koalition aus acht (!) Parteien regieren kann, wo er doch selbst drei Koalitionen mit jeweils nur einer Partei zerschlissen hat. Also die Letzte hat nicht er zerschlissen, sondern die hat ihn zerschlissen, aber Sie wissen schon, was ich meine.

Ich darf nach Hause berichten – ich nehme an, dass der zweifache Altbundeskanzler jetzt viel zu Hause ist –, dass Bennet ziemlich entspannt ist. Also er ist natürlich aufgrund der geopolitischen Situation Israels ganz und gar nicht entspannt, aber die Innenpolitik läuft – Überraschung, Überraschung – ruhig. Natürlich poltert und pöbelt Netanjahu, was das Zeug hält und lässt dabei keine Gelegenheit aus. Auch nicht die Unpassendste.

Wie zum Beispiel die Gedenkfeier anlässlich der Ermordung von Jitzhak Rabin in Jerusalem, zu der ich die Ehre hatte, eingeladen zu sein. Der prominenteste Anwesende war der abwesende Netanjahu. Warum war er nicht gekommen? Was will er damit sagen? Hat ihm die Familie Rabin ausgeladen?

Ich darf wiederum – höchst subjektiv – nach Hause berichten, wie ich das sehe: Der Spuk Netanjahu scheint langsam aber sicher vorbei zu sein. Er wird, zumindest in meiner Einschätzung, nie mehr Premierminister werden. Nicht weil er keine Wahl mehr gewinnen könnte – im Gegenteil – sondern weil niemand mehr mit ihm in eine Koalition gehen würde. Das System Netanjahu, die Message Control, das systematische Ausspielen und Hintergehen von parteiinternen Gegnern, das Verleumden jeder anderen Partei, das Aushöhlen der Justiz, die Spaltung der Gesellschaft, das untragbare Naheverhältnis zu gewissen Mediengruppen, die Korruptionsvorwürfe, gegen die er sich vor Gericht zu verteidigen hat, der ständige Wechsel in die Opferrolle, wenn es eng wird, all das ist – wenn nicht schon am Ende – so doch kurz vor dem Ende.

Wenn sich die Likud-Partei, die Netanjahu wie seinen Privat-Besitz betrachtet, nicht so schnell wie möglich von ihrem absolutistischen Herrscher emanzipiert, dann wird sie in kleine Splitterparteien zerbröseln. Zuerst unmerklich, aber wenn es dann nicht mehr zum Übersehen ist, wird es zu spät und irreversibel sein.

Kommt uns das nicht – Wort für Wort – bekannt vor? Mir ist, als ob ich mich gleichzeitig an zwei Orten befinde.

Die 8-Parteien-Koaltion, die natürlich absolut null ideologischen Zusammenhang hat, funktioniert. Der Grund ist einfach: Jedes einzelne Ministerium funktioniert. Und an den Spitzen der Ministerien sitzen Frauen und Männer, die es können. Es ist eine Art politische Expertenregierung. Es wird gearbeitet. Und der Premierminister Bennet, der aus dem ganz rechten Eck kommt, hat verstanden, dass sein neuer Job ein überparteilicher ist.

Das kommt uns leider ganz und gar nicht bekannt vor. Bei uns ist nicht einmal der Nationalratspräsident überparteilich.

In Israel, einem Land, das in etwa so groß wie Niederösterreich ist, findet Weltpolitik statt. Das klingt bedeutend, ist aber in Wahrheit eine tonnenschwere Bürde. Denn das Gesetz des Handelns wird oft genug von globalen Machtinteressen bestimmt und eben nicht nur von der Frage, was der israelischen Regierung richtig und wichtig erscheint.

In Österreich, einem Land, in dem Frieden der Normalzustand ist, wird es doch – verdammt nochmal – möglich sein können, für die Menschen eine selbstbestimmte Politik zu machen, die soziale Gerechtigkeit, Zukunftssicherheit, Prosperität, Bildung und Gesundheit sicherstellt – ohne das Wort Ethik täglich mit Füßen zu treten.

Denkt sich zumindest,
Ihr Harry Bergmann


Dr. Harry Bergmann, Werbedilettant (gar nicht einmal so schlecht), Kolumnisten-Dilettant (na, ja…). Hat durch das Schreiben einige Freunde verloren, aber mehr gewonnen (glaubt er zumindest). Denkt seit einiger Zeit darüber nach, ob der Flug Wien – Tel Aviv ein Hinflug oder ein Rückflug ist.

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