Ich bin einfach zu blöd

Ist die Rochade Kurz/Schallenberg ein Sieg für die Grünen oder doch ein türkiser Taschenspielertrick?


HARRY BERGMANN

11.10.2021

Puuh! Was für eine Woche.

Ich weiß gar nicht, wo ich mit dem Einordnen anfangen soll. Ich sag halt einmal „Einordnen“, weil seit Neuestem alle „Einordnen“ sagen. Politiker, Politikexperten, Kommentatoren, sie alle haben den geistigen Putzfimmel entdeckt und ordnen ein und ordnen ein. Außer der blassroten Pam, die noch immer überlegt „was es braucht“. Manchmal sogar etwas, das keiner von uns braucht, wie zum Beispiel den blauen Herbert.

Aber schön eines nach dem anderen.

Also der türkise Sebastian, der seit Tagen rotzfrech die ZIB1 crasht und bereits völlig übermüdete Journalisten immer wieder in das Bundeskanzleramt sprinten lässt, ist weg. Oder so gut wie weg. Oder weg, aber doch noch da. Oder da, aber halt anders. Ich kenn mich einigermaßen aus, was ist, aber nicht, was es bedeutet. Ich bin irgendwie zu blöd dazu.

Wenn man sich einer Sache nicht sicher ist, dann tendiert man oft dazu, sich der Meinung desjenigen anzuschließen, mit dem man zuletzt gesprochen, den man zuletzt gesehen und gehört, oder den man zuletzt gelesen hat. Mir geht es zumindest so. Und dann schleudert es mich zwischen Pro und Contra, zwischen Standing Ovation und Werfing Tomatoes, zwischen Bravo! und Buuuh! hin und her. Wie gesagt: zu blöd.

Ich erinnere mich an einen Politiker, den ich in Kommunikationsfragen beraten hätte sollen. Ich lehnte mit den Worten ab: „Der hört doch auf niemanden“. Die Antwort meines Gegenübers, der mich engagieren wollte: „Es ist viel schlimmer, er hört auf jeden.“

Stefan Kappacher, auf den ich gerne höre, schreibt in seinem Blog, dass der Rücktritt von Sebastian nicht nur eine schwere persönliche Niederlage für den Türkisen, sondern auch einen beachtenswerten Erfolg des grünen Werner darstellt. Ach so.

Dabei war ich Minuten, bevor ich seinen Blog gelesen hatte, noch der festen Meinung, dass der grüne Werner ein Tölpel ist, der nicht nur nicht zwei Züge vorausdenken kann, sondern nicht einmal einen. Dass die Rochade Sebastian/Alexander eine Farce, ein billiger Taschenspielertrick ist.

Vielleicht bin ich der Tölpel. Vielleicht ging es Werner einzig und allein darum, sich in diesem Sesselkleber-Rodeo nicht abwerfen zu lassen, und es war ihm völlig egal, wer da an die Stelle von Sebastian tritt. Er hätte jeden oder jede akzeptiert und – wenn es dem Überleben dient – auch einen Papagei als untadelig bezeichnet.

Aber ist das gut für das Land? Ist das gut für das Vertrauen in die Politik? Ist das gut für alles, was politisch vor uns liegt?

Mitten in meine Selbstzerknirschung über meine politische Naivität und den Mangel, mehrdimensional denken zu können, flimmerten dann aber wieder haufenweise Polit-Hochkaräter über meinen Fernsehschirm, die sich darüber echauffierten, dass das System Kurz erhalten bleibt. Also hatte ich ursprünglich doch recht: Sebastian ist Putin und Alexander ist Medwedew.

Dann hopste auch noch Elisabeth, Bastis Getreueste aller Getreuen, über den Ballhausplatz und frohlockte mit feurigen Wangen, dass Sebastian bald schon wieder auf seinem alten – von Alexander gut gewärmten – Sesserl sitzen wird. Er muss sich nur ein wenig ausruhen und natürlich auch ausweinen. Hat sie recht oder hat Sigi recht, die mit ebenfalls feurigen Wangen alle Eide schwor, dass der Basti seinen alten Sessel auf immer, immer, immer, immer vergessen kann.

Kaum war ich zum x-ten Mal davon überzeugt, dass das Gegenteil vom Gegenteil stimmt, las ich einen Kommentar vom klugen Matthias, dem Vorgänger der klugen Beate. Er sagte etwas, das mich wieder an das Gute in dieser Welt glauben ließ: der Rücktritt von Sebastian leitet einen kollektiven Heilungsprozess in unserem „schönen“ (Copyright: alle, die in den letzten Tagen vor einem Mikrofon gestanden sind) Land ein. Es wird dauern, aber wir werden am Ende eine resilientere Gesellschaft sein. Sagen Sie jetzt bitte nichts, es fällt mir ohnehin schwer genug, es zu glauben.

Und was sagt unsere blassrote Pam? Das Falsche. Sie sagt, es liegt alles in der Hand der Grünen. Nein, Pam. Wenn man eine andere Politik in diesem Land haben will, dann liegt es in der Hand der Sozialdemokraten. Dann muss man all jenen, die von Rot (viele via Grün) weggelaufen sind, ein attraktives Angebot machen, wieder zurückzukommen. Und dann haben wir vielleicht eines Tages eine Situation wie in Deutschland. Nämlich Mehrheiten unabhängig davon, was der blaue Herbert sagt und was nicht und wen er duldet und wen nicht. Ich bin mir fast sicher, dass das stimmt. Oder?

Ich flieg morgen nach Israel und schau mal, wofür ich dort zu blöd bin.

Auf bald,
Ihr Harry Bergmann

PS: Ich höre soeben, was unser neuer Herr Bundeskanzler sagt: Er hält die Vorwürfe gegen Sebastian für falsch. Habe ich also doch recht gehabt. Dabei hätte ich so gern unrecht gehabt.


Dr. Harry Bergmann, Werbedilettant (gar nicht einmal so schlecht), Kolumnisten-Dilettant (na, ja…). Hat durch das Schreiben einige Freunde verloren, aber mehr gewonnen (glaubt er zumindest). Denkt seit einiger Zeit darüber nach, ob der Flug Wien – Tel Aviv ein Hinflug oder ein Rückflug ist.

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