Karussell im Gegenwind

Roland Weißmann ist ein großartiger Pantomime, man kann es nicht anders sagen


HARRY BERGMANN

13.08.2021

Der neue ORF-Generaldirektor Roland Weißmann. Foto: APA/Schlager

Richtig. Ich meine, Sie haben es richtig erkannt: die Headline ergibt keinen Sinn. Wenn man auf einem Karussell sitzt und sich im Kreis drehen lässt, dann ist man nicht im Gegenwind. Zumindest nicht sehr lang, denn dann kommt schon der Seitenwind und dann der Rückenwind und schließlich der andere Seitenwind. Die Buben Wrabetz und Weißmann können das bestätigen. Sie haben sich in die beiden am weitesten voneinander entfernten Karussell-Schaukel-Schiffchen gesetzt oder wurden dort hineingesetzt. Ist ja gut zu verstehen. Sie mögen sich nicht sehr, und um juvenile Handgreiflichkeiten zu vermeiden, tat die Distanz sicher gut.

Ob das immer so war, kann ich nicht sagen, denn da wehte noch ein anderer Wind.

Wrabetz sitzt – nein besser: saß – in einem sehr bunten Schiffchen. Das war rot und grün und schwarz und blau bemalt und eine Zeitlang auch Türkis, aber eben nicht Türkis genug. So wie eben das Schaukel-Schiffchen von Weißmann. Und so kam es, wie es kommen musste: als Alex in den Gegenwind kam, spürte der kleine Roland den Wind genau dort, wo er ihn immer schon haben wollte, im Rücken. Das hat eigentlich niemanden überrascht. Außer Alex. Er motzte und schmollte und stampfte mit den Fussis (Rudi, kannst Du mir bitte sagen, wie man „kleine Füße“ schreibt) und wetzte hin und her. „Viel Spaß mit dem Neuen“, presste er unter Tränen heraus, schaute in die eine Richtung, ging aber in die andere Richtung ab. Ja, unser Alex hat es nie so genau genommen mit den Richtungen. Ganz anders natürlich der Roland. Er grinste, unterhalb seiner 3-Wetter-Taft-Frisur, wie ein frisch lackiertes Hutschpferd im Hutschboot. Und weil man so schwer gleichzeitig grinsen und reden kann, sagte er nichts, oder besser nichts, was seinen vielen Gegenüber und Gegenüberinnen als Gesagtes erschienen wäre. Außerdem wusste er, dass das, was alle als Ziellinie sahen, die er mit großem Vorsprung überquert hatte, gar nicht die Ziellinie war. Denn die wartete auf ihn um 22 Uhr in Gestalt von Armin Wolf.

Da ging der kleine Roland aber „all in“ und zeigte, was wirklich in ihm steckt: ein großer Pantomime. Marcel Marceau und Samy Molcho sind dagegen Paul Löwinger und Heinz Conrads. Er schaffte es, auf eine gar nicht einmal so überraschende Frage eine gefühlte Ewigkeit lang zu schweigen. Aber was für ein großartiges Schweigen!! Seine Gesichtszüge veränderten sich im Sekundentakt, während er es schaffte, seine Augen völlig starr auf einen Punkt zu richten. In der darstellenden Geometrie heißt dieser Punkt Fluchtpunkt. Der Punkt, wo alle Linien zusammenlaufen. Dort, wo der kleine Roland auch gern hingelaufen wäre. Aber hätte er es getan, dann wäre der Vorsitzende des Stiftungsrats, der – der Bedeutung des Tages entsprechend – ausnahmsweise seine geliebte Badehose ausgezogen hatte, ins Schwimmen geraten und hätte vielleicht die Wahl wiederholen lassen müssen. Vielleicht wäre auch der kleine Alex durch die Studiowand gesprungen und hätte sich auf den Sessel des Interviewten gesetzt, den ihm der Roland am hellichten Tag unter dem Hintern weggezogen hatte. Ja und dann wäre der Armin Wolf zum Pantomimen geworden. Er hätte höchstwahrscheinlich den Karpfen gemacht.

Das alles ist mir und einem Millionenpublikum aber erspart geblieben, denn plötzlich hatte Roland sein Sprachzentrum wiedergefunden und sagte etwas, was dazu führte, dass sich alle sein Schweigen zurückwünschten. Ein großer Pantomime eben.

Auch wenn Alex nicht mehr in seinem Hollywood-Schaukel-Schiffchen sitzt, dreht sich das ORF-Karussell weiter. Sogar noch schneller. Denn jetzt gibt es viele, viele Direktoren-Boote, in die man die Kinder – in voller Fahrt – hineinsetzen muss. „Mir gehören zwei Schlachtschiffchen“ tönt es aus der einen Ecke. „Wir haben immer schon dieses Dampferchen gehabt und das bleibt auch so!“ kommt das Echo zurück. „Noch ein blödes Wort und Ihr könnt Euch die Schiffe an die Wand malen. Ich bin ja nicht extra den weiten Weg aus Niederösterreich hierhergekommen, um mir Eure Kindereien anzuhören. Ich sag Euch jetzt genau, wie wir es machen. Und GIS!“

Apropos „Geht’s“: jetzt geht’s mir wie dem kleinen Alex. Ich habe die Richtung verloren. Ich wollte gar nicht in diesen Gegenwind geraten. Ganz im Gegenteil: ich wollte im Windschatten bleiben. Ich hatte mir überlegt, was ich im Windschatten von 50 Grad in Sizilien und schmelzenden Permafrostböden in Sibirien, von Durchbruchinfektionen, von Bitterstoffen gegen diese Durchbruchinfektionen, von weißrussischen Olympiateilnehmerinnen, die in Österreich nur humanitär zwischenlanden dürfen, von alljährlichen Gelsen-Angriffen bei den Sommergesprächen (warum wird diese Sendung nicht schon längst von Autan gesponsert?), von einer eigenen Sendung für Bundeskanzler Kurz, von Afghanistan, vom polnischen Rundfunkgesetz … kurz: was ich im Windschatten von all den Dingen, über die alle Gescheiten schon alles Gescheite geschrieben haben, schreiben könnte. Und mir fällt nichts anderes ein als Alex und Roland. Kein Wunder, dass ein guter Freund von mir aufgehört hat, diese Kolumne zu lesen, weil ihn meine Themen nicht interessieren und er nur ORF3 schaut und auch da nur die Bilanz der Saison mit Karl Farkas. Er hofft, dass Roland sie nicht wegintervenieren wird.

Genießen Sie den restlichen Sommer ohne Sonnen- und Waldbrand,
wünscht Ihnen Ihr Harry Bergmann


Dr. Harry Bergmann, Werbedilettant (gar nicht einmal so schlecht), Kolumnisten-Dilettant (na, ja…). Hat durch das Schreiben einige Freunde verloren, aber mehr gewonnen (glaubt er zumindest). Denkt seit einiger Zeit darüber nach, ob der Flug Wien – Tel Aviv ein Hinflug oder ein Rückflug ist.

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