Die Zeit ist aus den Fugen

Wie die Verhandlungen zwischen dem Gesundheitsministerium und Tirol wirklich gelaufen sind. Ein Blick durchs Schlüsselloch.


HARRY BERGMANN

10.02.2021

Screenshot: Hamlet (1948), Youtube

Wie stehen Sie zu Hamlet? Ich meine, tut er Ihnen leid oder verachten Sie ihn für sein Zögern und Zaudern, das auch andere ins Verderben treibt?

Hat man das einmal für sich beantwortet, weiß man, wie man sich Rudolf Anschober zu nähern hat. Dem Menschen Anschober und dem Politiker Anschober. Mir tut er, als Mensch, mittlerweile leid. Als Politiker kann er diese Empathie von mir, der ich noch immer nicht geimpft bin und es wohl auch in den nächsten Monaten nicht sein werde, nicht erwarten. Da tut er mir nur manchmal leid.

Sein Kampf gegen die Taschen-Andreas-Hofers aus dem Westen, also den Westentaschen-Andreas-Hofers, ist so ein „manchmal“. Da steht ein ohnehin schon Schwachmatiker, völlig alleingelassen, den mit allen Quellwassern gewaschenen Älplern gegenüber, die prinzipiell keine Gefangenen machen. Den Rücken hat er auch nicht frei, denn da steht sein türkiser Juniorchef und macht ihm grinsend mit zwei Fingern die Hasenohren.

Ich habe immer schon die Zweifler mehr gemocht, als die auf Autopilot geschalteten Macher. Vielleicht weil ich selbst so bin. Vielleicht weil ich daran glaube, dass nur Selbstreflexion zu einem guten Ende führen kann. Aber ich bin auch kein Politiker, wie Anschober. Und Anschober ist vielleicht gar kein sich ständig selbst hinterfragender Zweifler, sondern schlichtweg ein völlig überforderter Gesundheitsmanager.

Die Frage lautet also: Ist Anschober überhaupt Hamlet? Monologisiert er in stillen Momenten „Sein oder nicht sein; das ist hier die Frage: Obs edler im Gemüt, die Pfeil und Schleudern des wütenden Geschicks erdulden, oder sich waffnend gegen eine See von Plagen, durch Widerstand sie enden?“.

Fühlt er sich als Teil eines Föderalismus-Dramas, das die folgende Szene beinhalten könnte?

Die handelnden Personen:

Platter: Landesfürst (im Verlauf der Handlung immer röter werdendes Gesicht)

Geisler: Her-zog (zog gern über Frauen her, gesichtslos)

Walser: Präsident einer Tiroler Dating-Plattform (48-Stunden-kein-Auge-zugemacht-Gesicht mit 48-Stunden-Bart)

Tilg: Krankenpfleger (Gewinner des Wettbewerbs „Das Gesicht Tirols 2020“)

Hörl: Liftwart (ein Gesicht, wie eine runde 6er-Gondel)

Anschober: Hamlet-Darsteller (verliert ständig sein Gesicht)

Walser: „Wenn do nur irgendwas von Dir kimmt, dann wirscht mi kchennenlernen“

Anschober; „Ja, das kann man so sehen. Ich hätte es aber anders formuliert.“

Hörl: Mit Dir, Du Zwerglatschn, wer ma Schlitten fohrn. Da brauch ma koa Seilbahn und koa Seilschaft.“

Anschober: „Das geht zu weit. Da muss ich meine rechtlichen Möglichkeiten prüfen lassen.“

Tilg: „Do konnscht prifen, wias d‘ willscht, Du Krawattenheini. Wir wern Di sequenzieren, dos Dir grin vor die Augen wird.“

Hörl (hängt es endgültig die Gondeln aus): „Pipi, der Kurze, ischt auf inserer Seite, du Schneebrunzer.“

Anschober: „Ich reisewarne Sie zum ersten und zum letzten Mal.“

Geisler: „Du widerwärtiger Luderer.“

(Handgemenge)

Platter (tritt auf den am Boden liegenden Anschober): „Mir sein gor net glickklichch iber den Beggriff Reisewarnung.“

(Abgang Platter. Anschober bleibt ohne Fassung zurück. Seine Brille auch.)

Die unmittelbar darauffolgende und einprägendste Szene des Dramas: Anschober vor der Arminianischen Inquisition. Ausgelaugt, erschöpft, verstört, tunnelblickig, aus allen Wunden blutend und aus allen Poren schwitzend. Das war nicht nur der Moment, als der Vorhang fiel, sondern auch der Moment, als er mir leidtat.

So ein Drama kommt ja nicht von ungefähr. Das muss eine Quelle haben. Natürlich könnten wir jetzt bis Mantua im Jahre 1810 zurückgehen, oder bis Ischgl im Jahre 2020. Aber lassen wir das und gehen wir lieber nach Südafrika Golf spielen. Dort werden wir leider die Tiroler Hoteliers nicht mehr antreffen, die das Nützliche mit dem Angenehmen verbunden haben, nämlich die Umsatzvergütung zuhause mit dem Abschlag in der Ferne. Die sind nämlich schon längst wieder im Zillertal oder in irgendeinem anderen Zittertal und haben die Koffer voller B.1.351 ausgepackt. Die Tiroler haben nun mal einen Hang zum Après. Einmal Après-Ski, einmal Après-Golf, vor allem aber Après-Sintflut.

Etwas ist faul im Staate Österreich. Es ist zu viel Sand im Getriebe. Genau der Sand, der uns monatelang in die Augen gestreut wurde. Das Krisenmanagement funktioniert nicht. Das Impfmanagement funktioniert nicht. Das Miteinander funktioniert nicht. Die Menschlichkeit funktioniert nicht. Der Rechtsstaat funktioniert in, vorerst noch kleinen, Teilen nicht. Das könnte ich noch lange fortsetzen, aber ich würde wieder bei der Parteienlandschaft landen und dazu habe ich nach der Besteigung der Tiroler Berge und dem Blick in die Niederungen heute keine Kraft mehr.

Gibt es Hoffnung? Natürlich, denn erstens ist Anschober nicht Hamlet und daher wird es nicht so tragisch enden und zweitens sind Walser & Co. zwar Repräsentanten von Tirol, aber nicht unbedingt repräsentativ für alle Tiroler.

Der Rest ist Schweigen.

Ihr Harry Bergmann


Dr. Harry Bergmann, kein Studienabbrecher, aber in der Werbung dennoch Autodidakt. Seit 2 Jahren nicht mehr in der Werbung, aber schon wieder Autodidakt. Diesmal beim Schreiben. Lebt in Wien und in Israel, außer es ist gerade in einem der beiden Länder ein Lockdown.

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