Die Gespräche eines kurzen Sommers

Über kunstvolle Drohnenaufnahmen und domptierte Gelsen


HARRY BERGMANN

02.09.2020

Geht es Ihnen auch so? Mir ist irgendwo der Sommer abhanden gekommen. Da war die Zeit vor Corona, die gefühlt so weit zurückliegt, dass ich tief in meinem Langzeitgedächtnis kramen muss, dann der Lockdown und jetzt ist plötzlich September. Die Monate dazwischen sind auf leisen Flip-Flop Sohlen vorbeigehuscht.

Tatsächlich war es aber ein lauter Sommer. Von Wolkenbruch bis Verfassungsbruch, vom abstandlosen Walsertal bis zum gesperrten Neusiedlersee, vom „Oasch“-Ausschuss (versuchen Sie das 10 mal schnell hintereinander zu sagen) bis zum ersten Ausschuss der Champions League, vom Ministerium in Wien bis zur Kärntner Grenze, vom Waterloo Lunaceks bis zum Triumph der Salzburger Festspiele, von Platz 1 auf Platz 2 in der Beliebtheit des Herrn K., alles irgendwie weg, wie die Aber-Millionen der Commerzialbank und die Milliarden bei Wirecard.

Ist es das Virus, das mich monatelang konditioniert hat zu fürchten, was als Nächstes kommt? Sind es die pausenlosen Prognosen einer in Wirklichkeit unprognostizierbaren Zukunft? Ist es der ängstliche Blick nach vorne, der mir das Bewusstsein auf das jeweilige Jetzt geraubt hat?

Oder war es einfach das Scheiß-Wetter?

Die letzten Wochen haben, spät aber doch, dieses „In-the-Heat-of-the Night“-Gefühl in mir aufkeimen lassen. Dafür danke ich dem ORF. So ein öffentlich-rechtlicher Auftrag und die Verpflichtung zur Objektivität sind schon was Feines. Und ich stehe auch nicht an, andere
Errungenschaften des ORF zu erwähnen, die noch vor einiger Zeit unmöglich schienen. So kann man – um nur ein Beispiel zu nennen – Gebühren zahlen und dennoch den ganzen Tag Schwarz sehen und hören.

Die Fragende vergaß beim Anblick des Gelsen-Dompteurs phasenweise auf ihre Fragen. Foto: APA/ Roland Schlager

Jeden der letzten 4 Montage gab es pünktlich um 21:05 die ORF-Sommergespräche. Ein revolutionäres Fernsehformat. Es sitzen sich zwei Menschen gegenüber, die sich flüchtig von der Arbeit kennen und beide haben gleich viel Zeit, den oder die andere niederzureden. Es kommt in keinster Weise auf den Inhalt des Gesprochenen an, sondern ist eigentlich mehr so ein Lungenfunktionstest. Wer muss weniger oft Luft holen und kann daher länger seinen Phrasen-Dresch in Einem durchziehen. Ur cool.

Hinzu kommt ein wunderbares visuelles Konzept mit einem Blick auf Wien. Großartig orchestrierte Drohnen, die über offene Feuerstellen kreisen, vermitteln eine Art Lagerfeuer-Romantik, die uns an Sommer erinnert, an denen wir noch glücklich waren.

Nachdem andere Sommerevents abgesagt werden mussten, oder sich wie Grafenegg zur „hochnoblichen“ Pestgrube entwickelten, waren diese Frage-Antwort-Abende wahre Straßenfeger. MA 48 „quisi quasi“, wie der erst vor wenigen Tagen in den heiligen Stand der Ehe eingetretene Wolfgang Fellner zu sagen pflegt.

Aber schön der Reihe nach:

Den Beginn machte Beate Meinl-Reisinger. Aber um die ging es gar nicht. Das ist ja das Sensationelle an diesem Format. Es geht um die Fragende und ihre Fragen. Wie wird sie es anlegen? Frontal oder meuchlings? Aus der Hüfte oder vom Blatt? Wie wird sie schauen? High Noon oder Vom Winde verweht (was an sich von der Location her besser geeignet wäre)? Schafft sie den neuen Rekord an hintereinander gestellten Fragen? Und wenn ja, muss sie beim dritten oder vierten Wort der Antwort unterbrechen?

Die Format-Entwickler sind ja ganz Abgebrühte. Sie wissen, dass die Antworten immer die gleichen sind. Die Frage bringt die Quote. Und außerdem gibt Professor Filzmaier ja ohnehin nach der Sendung in 90 Sekunden die Antworten auf alle Fragen. Diesmal haben sich die ORFler aber selbst überboten. Statt Katzenfotos zeigte man Fotos von Beate Meinl-Reisinger als Katze. LOL.

Vizekanzler Kogler war der Nächste. Ein „zacher Hund“, wie sich die ORF-Verantwortlichen schon Wochen vor der Sendung im Klaren waren. Seine dreimal in sich verschachtelten Schachtelsätze können auch die beste Fragende in den Wahnsinn treiben. Die Viert- oder Fünftbeste erst recht. Wo soll man unterbrechen, wenn sich Kogler ständig selbst unterbricht? Der Kameramann fand die Lösung. Er verharrte lange auf den Feuerspendern und konnte so die zentrale Aussage non-verbal herüberbringen: alles Schall und Rauch.

Dann kam der Pilot. Er ist es gewohnt so weit über Wien zu sein. Daher grinste er, völlig entspannt, in einem fort. Kann natürlich auch an dem Tranquilizer liegen, den er seit seinem „Sie werden sich noch wundern“-Sager vor jedem TV-Auftritt einnimmt.

Zum ersten Mal passierte etwas wirklich Außergewöhnliches. Welch ein Regie-Einfall! Die Windmaschinen wurden eingesetzt und mit der an sich schon steifen Brise, die hoch über Wien ihr Unwesen trieb, wurden die schriftlichen Unterlagen von Hofer durcheinandergewirbelt. In diesem Moment wusste er, dass er gegen Kickl keine Chance hat. Und wir alle konnten es sehen. Ein großer, großer Fernsehmoment.

Die leidgeprüfte Pam war an der Reihe. Sie, die so gern „draußen bei den Menschen“ ist, war natürlich nicht glücklich. Draußen ja, aber keine Menschen. Nur die wildentschlossene Fragende. Dressed to kill. Pam war tapfer. Sie hatte wohl Doskozil als Sparring-Partner und wusste jeden Nackenschlag mit Grandezza wegzustecken. Sie ging über die volle Distanz, aber Punktesieg wurde es leider wieder nicht. Da braucht es mehr.

Und dann kam ER. Gerade erst 34 geworden. Leicht gebräunt. Ein fescher Kampel. Der Lieblings-Schwiegersohn aller österreichischen Mütter, der zufällig auch Bundeskanzler ist. Ersteres ist klar, zweiteres weniger. Sein Charisma hat einen gasförmigen Aggregatzustand. Es breitet sich in Millisekunden im ganzen Raum aus. Die Fragende vergaß zu fragen und bewunderte ihn, wie er sich lächelnd nach vorne beugte, um sich dann gleich wieder in den coolen Abstand zurückzulehnen. Er weiß, wie man Herzen erobert.

Und dann, ja dann kam die große Nummer. Er ließ eine domptierte Gelse auf seinem Gesicht landen und als die Fragende erschrocken aufschrie, sagte er ganz ruhig und ein entschlossenes Lächeln huschte über sein Gesicht: „Einen Stich werde ich überleben.“

So macht man aus einer Mücke einen Elefanten. An diesem Montag und an allen Montagen, die noch folgen.

Das nächste Mal schreibe ich …. ja worüber soll ich denn schon wieder schreiben? Einen alten Witz hätte ich anzubieten oder ein Zitat oder was wirklich Interessantes.

Ihr Harry Bergmann


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