Die Rede zur Schieflage der Nation

Zwei Männer hielten Reden, die sogar zusammengenommen fast keine waren


HARRY BERGMANN

31.08.2020

Sie werden sich vielleicht erinnern. Das letzte Mal habe ich mit einem Witz begonnen. Ganz schlechte Idee übrigens. Die Wenigen, die auf meine Kolumne reagiert haben, waren eigentlich nur am Witz interessiert. Woher ich ihn habe, wie man ihn nur so schlecht erzählen kann, dass es ihn schon seit 2013 auf Twitter gibt (ja, und?), dass er grottenschlecht, aber immer noch besser als der folgende Text gewesen ist und andere aufmunternde Zurufe.

Also fange ich diesmal lieber mit einem Zitat an. Von Wittgenstein. Wenn ich jetzt vor Ihnen stünde und eine Rede hielte, würde ich an dieser Stelle eine schmerzlich lange Pause machen. Solange, dass sie Zeit genug hätten, um sich zu denken: „Nein, bitte nicht! Nicht schon wieder Wittgensteins Wovon-man-nicht-sprechen-kann, darüber-muss-man-schweigen.“

Und dann würde ich triumphierend sagen: „Alles, was überhaupt gedacht werden kann, kann klar gedacht werden. Alles, was sich aussprechen lässt, lässt sich klar aussprechen.“

Ob Ludwig Wittgenstein auch mal „Wer nichts zu sagen hat, soll die Goschn halten!“ gesagt hat, ist nicht überliefert. Aber vermutlich schon. Foto: Moritz Nähr | Austrian National Library

Natürlich hätte ich auch sagen können: „Wer nix zu sagen hat, soll die Goschn halten!“ Aber das wäre einer möglichen Karriere als Redner, wenn das mit den Kolumnen nichts wird, eher hinderlich gewesen.

Ob ich dafür einen Anlass habe? Natürlich habe ich einen Anlass!

Vor wenigen Tagen haben ein älterer Mann („Herr“ würde den Charakter des Mannes ganz und gar nicht treffen) und ein jüngerer Mann („Geselle“ wäre vielleicht besser, könnte aber als „Schurke“ verstanden werden und würde es dann natürlich auch nicht treffen) eine Rede gehalten. Also, es waren klarerweise zwei Reden, aber irgendwie könnte man sie auch zu einer Rede zusammenfassen. Noch leichter könnte man sie zu gar keiner Rede zusammenfassen.

Der eine, der Ältere, dessen Gesicht meist in ein oranges Licht getaucht ist, irrlichtert schon eine geraume Zeit, der andere, der Jüngere, der wie zur Matura adrett Gekleidete, sieht erst seit kurzem ein Licht am Ende des Tunnels.

Der Ältere hat demnächst Wahlen, der Jüngere und seine Jünger glauben immer Wahlen zu haben.

Der Ältere sieht A first, der Jüngere sieht auch A first (wobei das A aber auch für Anschober stehen könnte).

Der Ältere, der mit der Wahl im November, sagt, dass Corona „spätestens Ende des Jahres“ oder „vielleicht sogar noch früher“ besiegt sein wird. Der Jüngere, der erst in absehbarer Zeit Wahlen hat, sagt „dass wir in absehbarer Zeit, aber jedenfalls schneller als erwartet zur Normalität zurückkehren werden.“ Ob er die alte oder die neue Normalität meint, bleibt im Raum stehen und wird dort wohl noch einige Zeit stehen.

Der Ältere sagt klar, ich weiß natürlich nicht, ob es sich dabei um das Wittgenstein’sche „klar“ handelt, wenn er nicht Präsident bleibt, dann könne man sich das Corona-Ende in die Haare schmieren. Der Jüngere würde das auch gern sagen, aber irgendwie ist ihm das mit den Haaren peinlich. Dabei müsste es ja dem Älteren peinlich sein.

Apropos Haar: der plumpe Ältere lässt kein gutes Haar an seinem politischen Gegner. Der Jüngere keines am politischen Partner. Er macht das aber sehr schlau, indem er sich schützend vor diesen Partner stellt, als ob der diesen Schutz dringend brauchen würde.

Der sehr reiche Ältere hat schon die eine oder andere riesige Firma in Grund und Boden gewirtschaftet. Der Jüngere hatte dazu leider noch keine Gelegenheit und versucht es derzeit mit einem kleinen Staat.

Der Ältere schaut immer nach links oben, wenn er – wie soll ich sagen? – wenn er die Wahrheit spricht, aber eben nicht die wirkliche Wahrheit. Er schaut eigentlich permanent nach links oben. Vielleicht geheimnisse ich da aber zu viel hinein, und er sucht nur den Blickkontakt zu den beiden alten Muppets in der Loge. Der Jüngere faltet immer die Hände, wenn er wieder einmal haarscharf an der Wahrheit vorbeischrammt. So, als wolle er das gerade Gesagte gleich beichten.

Na ja, so hat halt jeder seine Eigenheiten.

Manchmal überschneiden sich diese Eigenheiten. Der Ältere und der Jüngere können eine wirklich gescheite Frau in Deutschland ganz und gar nicht leiden. Die beiden haben ja nicht wirklich was studiert, die Frau in Deutschland aber sehr wohl. Sie ist Wissenschaftlerin. Deshalb sagt sie auch was, wenn sie redet. Und sie sagt, dass wir noch länger mit Corona leben werden müssen und in unserer Vorsicht nicht nachlassen dürfen.

Diese Frau hat es natürlich leichter als der Ältere und der Jüngere. Nicht nur, weil sie gescheit ist, sondern weil sie keine Wahl mehr bestreiten muss. Sie war schon alles und will und muss nichts mehr werden. Alles, was sie will, ist das tun, woran sie glaubt und wofür sie gewählt wurde. „Macht“ soll ja ursprünglich von „Machen“ gekommen sein, oder?

Wenn wir die Fernbedienung unserer TV-Geräte nicht blitzschnell bei der Hand haben, werden wir in nächster Zukunft noch viele Reden hören und wir werden an Wittgenstein denken und uns fragen: „Muss wirklich alles ausgesprochen werden, was sich aussprechen lässt?“

Das nächste Mal schreibe ich dann über Wahlwerbung, davon verstehe ich auch nicht so viel, aber vielleicht stellenweise mehr, als die, die sie derzeit machen oder über das letzte Sommergespräch und entschuldige mich dann zerknirscht für alles, was ich darüber gesagt habe oder vielleicht endlich über etwas Interessantes.

Ihr Harry Bergmann


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Nr. 130 „... und dann sah ich plötzlich viel Blut.“ (10.04.2022)
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Nr. 128 Schuster, bleib bei deinen Leisten (29.03.2022)
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