Das Gegenüberchen und andere Verkleinerungen

Was uns im Herbst erwartet und warum wir lernen müssen, wie das Virus zu mutieren


HARRY BERGMANN

27.08.2020

Sie werden jetzt vielleicht verärgert sein, weil Sie Witze nicht mögen. Und schon gar nicht von Kolumnisten, die glauben, ihren Text dadurch erträglicher zu machen. Aber ich verspreche Ihnen, es geht ganz schnell.

Es sitzt ein intellektuelles Ehepaar am Abend vor dem Kamin. Beide in ihr Buch vertieft. Die Frau (schaut auf): „Wir sollten wiedermal ausgehen.“ Der Mann (schaut nicht auf): „Gern. Wovon?“

Das beschreibt sehr treffend unsere Situation gegen Ende des – ersten? – Corona-Sommers. Wovon können, sollen oder müssen wir für Herbst und Winter ausgehen?

Wird die Corona-Ampel jemals auf Grün stehen? Werden die Kroatien-Heimkehrer noch vor Allerheiligen wieder zuhause sein? Und wenn sie wieder zuhause sind, bleiben sie dann noch ein paar Monate im Home Office oder müssen sie sich einen neuen Job suchen? Werden wir endlich HC los oder verlieren mehr als 5% der Wiener den letzten Rest an Anstand und wählen ihn?

Stop and Go. Wie oft wird die Corona-Ampel im Herbst auf Grün schalten? Foto: Leandra Bischofberger | Unsplash

Wird die US-Wahl von den 400 Millionen (!) Handfeuerwaffen, die in den privaten Haushalten liegen entschieden oder von den jetzt schon unter Trumps Verdacht des Wahlbetrugs stehenden Briefträgern, diesen Halunken?

Werden die Anweisungen des Gesundheitsministers weiterhin wie die Befehlskette beim „Braven Soldaten Schwejk“ an die Grenze kommen oder wird jemand zufällig den richtigen Zettel finden?

Wird beim Untersuchungsausschuss irgendwas herauskommen können, wenn die andersfarbigen Abgeordneten mit zum größten Teil geschwärzten (!) Dokumenten arbeiten müssen und man ihnen sogar die Wurstsemmeln, die eigentlich Käsesemmeln sind, neidet?

Wird Herr Hofer endlich seinen Lieblingsgegner für die Präsidentschaftswahl finden und wird dieser auch wollen? Wird Herr Kogler zufällig mitten in einem seiner Schachtelsätze entdecken, wofür die Grünen einmal gestanden und eingestanden sind?

Wird sich Herr Blümel erinnern, warum er eigentlich an der Wien-Wahl teilnimmt oder wird er sich nicht einmal erinnern, ob ihm jemand diese Frage gestellt hat? Wird sich PRW jemals von den dutzenden völlig unmotivierten Unterbrechungen ihres, wie ich sie auf Twitter nannte, ORF-Gegenüberchens bei den Sommergesprächen erholen?

Apropos Sommergespräche: Ich wette, dass beim letzten Sommergespräch mit Herrn Kurz, das Gegenüberchen nicht unterbrechen, sondern, andächtig zuhörend, dauernicken wird. So werden wir auch live miterleben dürfen, wie der bisherige ORF-Generaldirektor zum zukünftigen ORF-Generaldirektor wird.

Vom Küniglberg zum Grazer Schloßberg. Wie sollen wir es überhaupt nennen, was da in den letzten Tagen passiert ist? Dilettantische Terrorattacke? Verwirrte Tat eines verirrten Syrers? Ausbruch eines seit hunderten Jahren existenten und nicht ausrottbaren, aber ausrottenden Gedankenguts? Herr Nehammer weiß schon, wie er es nennt: importierter, islamistischer Antisemitismus.

Sehr geehrter Herr Nehammer,

erlauben Sie mir als jemand, der ein schon ziemlich langes Leben mit Antisemitismus konfrontiert ist, ein paar Worte. Importiert wird immer etwas, von dem man im eigenen Land zu wenig hat. Sie werden mir hoffentlich zustimmen, dass Antisemitismus in Österreich niemals Mangelware gewesen ist.

Natürlich haben sie völlig recht, dass mit den Flüchtlingen auch noch zusätzlicher Judenhass die offenen Grenzen überschritten hat. Liege ich aber wirklich so falsch, dass sie das abgesägte Sesselbein jetzt schnell gegen innenpolitisches Kleingeld in Sachen Migration einwechseln wollen? Ich kann Ihnen keine Vorschläge machen, aber sollten Sie, als Innenminister, nicht ganz genau hinsehen, warum die Polizei in Graz tagelang untätig geblieben ist? („ Nix wie Schererein hamma mit die Juden.“)

Antisemitismus ist Antisemitismus, egal welchen Ursprungs. Das Thema ist viel zu groß, um durch Einäugigkeit oder einen Wettstreit von politischer Betroffenheit verkleinert zu werden.

Hochachtungsvoll,
Harry Bergmann

Ich komme zurück zu unserem intellektuellen Ehepaar und zur Frage, wovon wir für die unmittelbare und mittelbare Zukunft ausgehen müssen. Ich glaube, wir werden unser Leben verkleinern müssen.

Das betrifft die grenzenlose Mobilität, ebenso wie den unbesonnenen Konsum (tut mir leid Herr Mahrer, mit der Magnumflasche bleiben Sie ziemlich allein!), die übertriebene Geselligkeit, das Schneller, Höher, Weiter im Beruf, vor allem aber den Hochmut, dass wir Covid-19 noch im Jahre 20 beherrschen können. Wir müssen lernen zu mutieren, so wie es das Virus auch tut.

Was haben uns die Zukunftsdenker nicht alles prophezeit, wie verändert, geläutert, bewusster, solidarischer, verständnisvoller, entschleunigter, insgesamt an der Krise gewachsen wir aus dieser Zeit herauskommen werden. Ich fürchte, außer dass wir digital fitter geworden sind, stimmt wenig.

Man kann das alles natürlich auch optimistischer sehen. Ich versuch’s.

Das nächste Mal schreibe ich über etwas Aufhellenderes oder im Gegenteil über irgendwelche Dunkelziffern oder über mein Geburtsland Israel oder wie ich auf Twitter schon mehrmals nett aufgefordert wurde schleunigst dorthin zurückzukehren oder über etwas wirklich Interessantes.

Ihr Harry Bergmann


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