Die Tante aller Schlachten

Die Wien-Wahl rückt näher und schon dreht sich alles um Dirndl-Koalitionen und Stuntman-Bauarbeiter


HARRY BERGMANN

14.08.2020

Das wird Ihnen jetzt echt seltsam vorkommen. Ich lese nämlich meine eigenen Kolumnen immer und immer wieder. Nicht etwa beim Schreiben und Korrigieren, nein, wenn sie schon längst online sind. Zu meiner Ehrenrettung muss ich sagen, dass ich das nicht mache, weil ich meine Texte so faszinierend finde, was sich hier leider wieder bestätigt, sondern wegen der Werbung. Ja, wegen der Werbung. Und zwar die Werbung, die mitten in meiner Kolumne aufpoppt, als wäre sie ein Teil von ihr.

Ich glaube, man nennt diese Form der Online-Werbung „Banner“. Die meisten sind unbewegt, manche sind bewegt, die wenigsten sind bewegend.
Ich halte ja den Begriff Banner ohnehin für irreführend. Ein Banner in der noch heilen, analogen Welt war eine Fahne oder ein Hoheitszeichen, das man stolz vor sich hertrug. Die Banner, die sich in meinen Kolumnen einnisten, würde ich, ehrlich gesagt, nicht stolz vor mir hertragen.

Und dann ist da noch was. Die kleinen Werbeflächen werden ständig ausgewechselt. Und das ist echt nervig. Ich muss nämlich deshalb unaufhörlich meine Kolumnen lesen, weil ich ja wissen will, wie sich die jeweilige Werbeaussage mit meinem Text verträgt.

Sagt sie vielleicht das genaue Gegenteil, von dem, was ich sage? Und wem wird dann der Leser mehr glauben? Oder bestätigt sie das, was ich sage. Wird mich dann der Leser mit anderen Augen sehen? Wird er gar vom zufälligen Leser zum Stammleser? Oder ist die Leserin oder der Leser meiner Kolumne nur deshalb die Leserin oder der Leser meiner Kolumne, weil sie oder er sich so auf den „Banner“ freut?

Vor ein paar Tagen war da Werbung für die Stadt Wien inmitten meiner feinziselierten Sätze zu finden. Ich weiß noch, wie ich mir dachte: „Der Auftrag kommt sicher von ganz, ganz oben.“ Das meinte ich nicht spirituell, von so weit oben kam der Auftrag sicher nicht, aber immerhin von der Spitze des Rathauses. Vom Rathausmann. Vom Herrn Bürgermeister.

Der Stadtvater hat in einer meiner vorangegangenen Kolumnen gelesen, dass er trotz Stress immer ruhig wirkt. Er hat das offensichtlich als Kompliment genommen und, anders kann es gar nicht gewesen sein, persönlich angeordnet, dass die Stadt Wien Werbung in meinem Artikel erscheinen muss. Daraus lernen wir dreierlei:

Erstens, dass der Bürgermeister ein phänomenales Gedächtnis hat. Ich habe ihn nur ein einziges Mal im Zusammenhang mit der „verkehrsberuhigten“ Innenstadt erwähnt.

Zweitens, dass er Lob genauso gut vertragen kann, wie Bruno Kreisky.

Und drittens, dass er jetzt ganz und gar nicht mehr so ruhig ist, weil nämlich die Tante aller Schlachten bevorsteht. Die nur etwas unbedeutendere Schwester der Mutter aller Schlachten, der Nationalratswahl. Die Wahl in Wien.

Eigentlich ist er eh ruhig, dass alles gut laufen wird, aber das darf er sich nicht anmerken lassen. Auf keinen Fall sollen die Leute glauben, dass es „a g’mahte Wiesn“ ist, wie es in den Flächenbezirken so schön heißt. Dann bleiben die, die ihn wählen würden vielleicht zuhause. Glaubt er halt.

Und so muss er Gründe finden, warum er vielleicht doch nicht gewählt wird. Da kam er auf eine wirklich schlaue Idee. Glaubt er halt.

Er mag Trachten und manchmal riskiert er, auch ein Amtsträger ist schließlich nicht nur Amt, einen verstohlenen Blick auf ein fesches Dirndl in einem feschen Dirndl.

„Das ist es!“, glaubte er halt, „Ich sage einfach, dass ich mich vor einer Dirndl-Koalition fürchte.“ Eine Dirndl-Koalition heißt Dirndl-Koalition, weil sie aus den Farben Schwarz, Grün und Pink gebildet wird. Warum es plötzlich Schwarz und nicht Türkis ist, hat wohl nur modische Gründe. Türkis und Grün „schlägt“ sich. Aha, deshalb……

Schwarz-Pink-Grün: Das ist die Dirndl-Koalition. Die Übriggebliebenen wären ausgeknockt. Foto: APA/dpa, Victoria Bonn-Meuser

Beate Meinl-Reisinger, der ein Dirndl sicher gut stehen würde, hat aber verkünden lassen, dass sie sich dieses Dirndl sicher nicht anziehen wird. Also sie müsste es sich eh nicht anziehen, sondern der Wiener Spitzenkandidat der Pinken. Der sah sich schon in einer Neuverfilmung von „Some Like It Hot“ und pflichtete seiner Chefin sofort bei.

Das ist natürlich gar nicht gut für den Bürgermeister. Er berät sich also mit seinen Beratern und die beraten ihn, alle Konkurrenten zu überrumpeln und als erster mit einer großen Werbekampagne zu beginnen. Und jetzt zeigt sich, was das für ein schlauer Fuchs ist.

Darf ich das noch schnell einfügen? Vor mehr als einem Jahr war er noch nicht so ein schlauer Fuchs. Denn da gab es Ludwig Plakate mit allerlei Vornamen, die wild durcheinandergemischt waren. Selbst ich, der ich ja eine Zeitlang in einer Werbeagentur mitarbeiten durfte, habe am Ende nicht mehr gewusst, wie der Herr Bürgermeister eigentlich heißt.

Aber 2020 ist er ausgefuchst und hat die Zeichen der Zeit erkannt: Der Bauarbeiter am Plakat schaut aus wie ein berühmter Hollywood-Stuntman, der früher einmal am Bau arbeiten musste. Und die SPÖ Wien ist zu einer Bewegung mutiert, deren Frontman Ludwig ist: ludwig2020.wien. Sei dabei!

Wow! Cool! Crowdfunding!

Bevor ich sie der grenzenlosen Bewunderung über den Wiener Meister aller Bürger überlasse, hätte ich noch eine Frage an Sie: Verstehen Sie, warum die Türkisen offensichtlich die Lust am Wiener Wahlkampf verloren haben, bevor er noch richtig angefangen hat?

Nehammer übt sich in nobler Zurückhaltung. Köstinger lässt die Bundesgärten offen. Und Blümel, der stressbedingt an einem manifesten Gedächtnisverlust leidet, hat sich wohl überlegt, dass es im Rathaus ohne Laptop nicht gehen wird.

Aber was ist der wahre Grund?

Ich leg mich einfach in der Loge 17 auf die Lauer und schau, ob die Antwort nicht eines Tages hereinspaziert.

Beim nächsten Mal schreibe ich dann Weitergehendes über die Wiener Wahl, oder nicht, oder über die Vizepräsidentschaftskandidatin von Joe Biden, oder nicht, oder über den Sputnik von Putin, der tatsächlich nicht von dieser Welt ist, oder über etwas wirklich Interessantes.

Ihr Harry Bergmann  


Harry Bergmann. Früher der Nachname von Demner, Merlicek & Bergmann. Jetzt einfach Bergmann. Weiß nach 4 Jahrzehnten ganz genau, was er alles über Werbung noch immer nicht weiß. Hobby-Schreiber. Da weiß er noch viel weniger und findet das gerade deshalb so spannend. Lebt in Wien und Herzlia/Israel.

Zuletzt erschienen:

Nr. 135 Wenn einer eine Regierung umbilden tut (13.05.2022)
Nr. 134 Ein Brief über zwei Briefe (09.05.2022)
Nr. 133 Innere Dialoge an den Rändern (06.05.2022)
Nr. 132 Als x noch kein y war (18.04.2022)
Nr. 131 Schleimspur im Gegenwind oder Der Homo Politicus Zachiens (11.04.2022)
Nr. 130 „... und dann sah ich plötzlich viel Blut.“ (10.04.2022)
Nr. 129 Am anderen Ende des Seins (04.04.2022)
Nr. 128 Schuster, bleib bei deinen Leisten (29.03.2022)
Nr. 127 Die wachen Augen des Herrn R. (19.03.2022)
Nr. 126 Der Staat gegen mich (13.03.2022)
Nr. 125 Die Bananen der Republik (07.03.2022)
Nr. 124 Kann Neutralität mutig sein? (04.03.2022)
Nr. 123 Noch zappenduster oder schon stockfinster? (26.02.2022)
Nr. 122 Es ist 5 vor 12 (23.02.2022)
Nr. 121 Die Pimperl-Troika oder Meine Sorgen möchte ich haben (17.02.2022)
Nr. 120 Es gibt kein Warum (10.02.2022)
Nr. 119 Meistens bedeutet Ausschuss nichts Gutes (03.02.2022)
Nr. 118 Die sauberen Hände (31.01.2022)
Nr. 117 Zeit der Antisemiten (25.01.2022)
Nr. 116 Was hat dieser Krugman gegen mich? (20.01.2022)
Nr. 115 Über das Impfpflichterl und den Hang zur Verkleinerung (18.01.2022)