Mord aus sicherem Abstand

Der Babyelefant ist tot, titelt eine Österreichische Tageszeitung. Von Mord ist auszugehen, aber wer steckt dahinter?


HARRY BERGMANN

31.07.2020

Der Babyelefant ist tot! Illustration: Eva Meisl

„Jetzt ist schon wieder was passiert…“, so beginnen immer die großartigen Krimis von Wolf Haas. Sie wissen, die mit dem Kommissar Brenner, der dem Schauspieler Josef Hader zum Verwechseln ähnlich sieht. Das wäre was, tagträume ich so vor mich hin, während ich auf meine Melange warte, wenn mir auch mal der große Krimi-Wurf gelingen würde. Ich durfte ja mit Wolf Haas längere Zeit in einer Werbeagentur zusammenarbeiten und konnte mir was vom großen Meister abschauen. Zumindest bilde ich mir das ein.

Immer so schreiben, wie man redet! In meinem Fall wäre das zwar etwas erratisch, aber das hält den Leser wach und wachsam und macht das Geschriebene, gefühlt, schneller.

Immer so schreiben, wie man ist! Haas ist ein sehr ruhiger, bescheidener Mensch und das merkt man seiner Sprache an. Puh, ob ich das mit der Bescheidenheit hinkriege?

Haas fuhr immer in der Mittagspause – das ist bei Werbeagenturen weder ein genauer Zeitpunkt, noch ein genauer Zeitraum – ins Espresso des Meidlinger Bahnhofs und schrieb. Ich sitze immerhin in der Loge 17 vom Café Landtmann und meine Mittagspause geht von nach dem Frühstück bis vor dem Abendessen. Okay, das Milieu ist vielleicht nicht der ideale Nährboden für einen Unterwelt- Krimi, aber das mysteriöse Verschwinden einer Hofratswitwe ist noch allemal drin.

Ich würde meine Bücher mit einem Satz meiner Mutter beginnen lassen: „Mach Dich nicht so klein, so groß bist Du nicht.“ Das könnte zum Beispiel die Mutter des Kommissars jeden Morgen zum Kommissar sagen. Vorausgesetzt der Kommissar lebt noch bei seiner Mutter (vielleicht ein wenig zu autobiographisch, aber das muss ja keiner wissen). Mein Kommissar wäre nicht so ein gebrochener Typ, wie der Brenner, aber schon neurotisch – Philip Roth-mäßig halt – was man ja schon am Verhältnis zu seiner Mutter merkt oder umgekehrt…

„Die Melange, Herr Bergmann! Und ich hab‘ Ihnen gleich ein paar Zeitungen mitgenommen.“

Mein Blick fällt auf die Titelseite der obenauf liegenden, großformatigen Tageszeitung. Wenn man „großformatig“ und keine spezielle Papierfarbe dazu sagt, dann weiß der Leser schon ungefähr um welche Zeitung es sich handelt. Mir gefriert das Blut in meinen Adern:

BABYELEFANT TOT!

Mein Babyelefant! Mein von allen geliebter Babyelefant! Mein Babyelefant, der mich die Corona-Zeit sowohl physisch als auch psychisch gut überstehen ließ. Mein Babyelefant, ohne den ich noch immer keinen einzigen Follower auf Twitter hätte. Siehe Kolumne 3: Der Elefant und die rote Vespa.

Wann habe ich ihn zum letzten Mal gesehen? Hab‘ ich ein Alibi? Die Polizei wird mich fragen. Die gleiche Polizei, die mich vor Monaten gewaltsam von einer Parkbank gezerrt hat, auf der ich allein – übrigens einen Krimi lesend – gesessen bin. Angezeigt wegen Widerstands gegen die Amtsgewalt. Die Handschellen gingen nicht zu, weil ich versucht habe den Krimi, mit beiden Händen festzuhalten. Immerhin ein Wolf Haas–Krimi.

Meine Ahnung, dass der Babyelefant gewaltsam von uns gegangen ist, wird immer konkreter. Die Gedanken schwirren in meinem Kopf, wie ein Heuschreckenschwarm (solche Metapher muss ich mir für meinen Krimi merken. Die kommen immer gut.) Aber Moment mal: Ich brauche keinen Krimi mehr schreiben. Ich bin mitten in einem drinnen.

Mord? Er hatte in letzter Zeit immer mehr Feinde. Das beginnt bei diesen lauten Hedonisten mit ihrem wochenlangen, Lockdown-bedingten Bussi-Bussi-Entzug. Dann kommen schon die elenden Ellbogen-zu-Ellbogen-Gruß-Verhöhner mit ihrem dämlichen Grinsen, das sagen soll: „Wir wissen, dass es ein Schas ist“ – sorry, die reden so – „aber was soll man machen , wenn man unter all den Corona-Weicheiern, R0-Zahlenfreaks, Anschober-Aficionados leben muss?“ Die schrecken vor nichts zurück. Mord wächst Ihnen intellektuell über den Kopf, aber bei grob fahrlässiger Tötung sind die sofort dabei.

Na, und die Chefredakteure (okay, DER Chefredakteur), die in ihren Leitartikeln die simpelsten und selbstverständlichsten Corona-Regeln als autoritären Freiheitsraub anprangern: „Ich kann anstecken, wen ich will. Das ist die Freiheit, für die wir Jahrhunderte gekämpft haben. Das ist Demokratie!“

Diese Haltung geht schließlich bis ganz nach oben und ganz nach Westen. Alles Walser?

Jeder von uns kennt jemanden, die/der jemanden kennt, die/der es gewesen sein könnte.

Selbstmord? Er war seit Monaten frustriert und deprimiert. Er wollte nur Gutes und wurde von denen, denen er Gutes wollte, eigentlich nie ernstgenommen. Er hatte eine Mission: Abstand ist eine Form von Anstand. Er warnte, wo er konnte. Eine Cassandra mit Rüssel. Und er sollte leider recht behalten. Gut, dass er nicht mehr sehen muss, wie in anderen Vorzeigeländern die täglichen Infektionszahlen klettern und klettern. Und zu schlechter Letzt, der Verfassungsgerichtshof, der ihm praktisch die Existenzberechtigung entzogen hat. Früher war er nur der Feind des Porzellanladens, jetzt der Feind von allen. Selbst ein Dickhäuter bekommt irgendwann mal eine dünne Haut.

Ich glaub, es war eine Mischung aus Mord und Selbstmord. Ich würde sagen, in den Freitod getrieben. Zuerst medial gehyped und dann fallengelassen. Wie Marilyn Monroe.

Er war das menschliche Antlitz einer tierischen Bürokratie. Vom Staat erfunden, von der sogenannten Eigenverantwortung der Bürger erlegt.

Jetzt will es keiner gewesen sein. Aber wie sagte schon Papst Franziskus: Wenn keiner schuld ist, dann sind alle schuld.

Erste Erinnerungen kommen hoch. Wie wir an langen Abenden darüber gesprochen haben, wie man Kurven absteigend und Solidarität aufsteigend macht. Ich bin froh, dass ich ihm nicht mehr erklären muss, dass jetzt angeblich eine PR-Agentur gemeinsam mit einem Kammer- Häuptling (der mit der Magnum Flasche) bestimmen, in welchem Labor Coronatests für die Gastronomie gemacht werden. Papst Franziskus würde sicher wollen, dass diese unheilige Allianz dazu führt, dass man St.Wolfgang das „St.“ entzieht.

Das nächste mal schreibe ich dann, ob das Ibiza-Video einen der begehrten Emmy-Awards (die Fußnägel haben in der Kategorie Hair and Make-up wirklich gute Chancen ) erhalten hat oder ob HC wirklich ins Meldeamt eingebrochen ist, um seinen Meldezettel zu stehlen und ob es ihm gelingen wird, alles auf Philippa zu schieben oder über etwas wirklich Interessantes.

Ihr Harry Bergmann  


Harry Bergmann. Früher der Nachname von Demner, Merlicek & Bergmann. Jetzt einfach Bergmann. Weiß nach 4 Jahrzehnten ganz genau, was er alles über Werbung noch immer nicht weiß. Hobby-Schreiber. Da weiß er noch viel weniger und findet das gerade deshalb so spannend. Lebt in Wien und Herzlia/Israel.

Bisher erschienen:

1 Der Zauberer, das Kaninchen und der falsche Hut
2 Danach und Tanach
3 Wessen Sorgen will man schon haben?
4 Bei uns in der Zukunft
5 Hinflug oder Rückflug?
6 Die Gelassenen und die Alleingelassenen
7 Ich schreibe mich aus
8 Die Knappen und die Nackten
9 Das Spiel dauert 90 Minuten und der Ball ist rund und überhaupt
10 Die Sterne und der Samurai
11 Die Iden des März
12 Traum und Wirklichkeit
13 Was fängt da an? Bitte keine schnellen Antworten!
14 Ein Land mutiert
15 Der Whistleblower, der sich „nichts pfeift“
16 Schreib mal wieder
17 Blümel anders
18 Die Zeit ist aus den Fugen
19 Der falsche Film
20 Aufgeschoben ist nicht aufgehoben. Aber abgeschoben ist abgeschoben.
21 Einfach nur so
22 „Noch einen Verlängerten, bitte!“
23 Die Zentrifugalkräfte eines Fehlers
24 Wer ist „wir“?
25 Eine Vorschau wie ein Rückblick
26 Das offene Geimpfte
27 Das große Vergessen
28 Die Ratten
29 Wasser auf die Gebetsmühlen
30 Schwedische Gardinen
31 Damokles und die Lemminge. Der Versuch einer Annäherung
32 Hasta ka Pista, Baby
33 Die Unverstandenen und die Uneinverstandenen
34 Auf lauten Sohlen
35 Die Zauberlehrlinge
36 Die ewige Frage: Meer oder Berge?
37 Erneuerbare Energie
38 Das Spiel
39 Der Einzeltäter
40 Meine erste Verschwörungstheorie
41 Was weiß man schon?
42 Wir müssen die Menschen respektieren, wie sie sind. Andere gibt es nicht.
43 Die 11er Frage
44 Die Schublade oder ein Versuch die Gesellschaft zu verstehen
45 Ich wollt, ich wär ein Huhn, ich hätt nicht viel zu tun
46 Aus meiner Nähe betrachtet
47 Über Ausnahmekönner und Ausnahmen
48 Das Spitalswesen und wie man selbst zu einem wird
49 Die blubbernde Bubble
50 Der Sommerschlaf und andere Gründe wach zu bleiben.
51 Die Hälfte der Wahrheit
52 Der Himmel über den Kelten
53 Ich ist der Andere
54 Leben in Zeiten des Konjunktivs
55 Die Gespräche eines kurzen Sommers
56 Die Rede zur Schieflage der Nation
57 Das Gegenüberchen und andere Verkleinerungen
58 Der lange Schatten von Sparta
59 Die Dreisten und die Aberdreisten
60 Die Tante aller Schlachten
61 Die Selbstgespräche des Herrn D. aus E.
62 Casino Royale
64 Der junge Mann, die junge Frau und ihr Eigentum
65 Das Rätsel der Träume
66 Der Himmel blau, das Meer türkis
67 Der mit den Wölfen tanzt
68 Der Elefant und die rote Vespa
69 Der Stunk
70 Loge 17