Der Stunk

Loge 17 ist die Kolumne von Harry Bergmann. Episode 2, Season 1 handelt vom "autofreien" 1. Bezirk, den Grünen, der türkisen Straßenwalze und die Verwunderung über das Lächeln des Herrn Bürgermeisters.


HARRY BERGMANN

25.06.2020

Die Grüne und der Türkise. Foto: APA/Georg Hochmuth

Wieder im Büro. Arbeiten und „Leute schau’n“.

PRW – Sie wissen schon – würde sagen „bei den Menschen sein und ihre Freuden“ – nein, Freuden würde sie nicht sagen – „und Nöte sehen und verstehen“.

Gleichzeitig arbeiten und beobachten ist aber gar nicht so einfach. Da „braucht es“ – das würde PRW mit Sicherheit sagen – eine ganz spezielle Augentechnik. Nennen wir sie der Einfachheit halber „Koordination der Asynchronität“. Ein Auge fokussiert den Laptop, das andere Auge versucht den großen Raum vor dem Büro zu scannen. In meinem Fall muss das RECHTE Auge observieren, weil das LINKE zu kurzsichtig ist. Da aber der zu beobachtende Raum eher LINKS von mir liegt – ich hoffe, Sie folgen mir noch -muss ich ziemlich stark schielen. Das wiederum führt dazu, dass sich die LINKS vorbeieilenden Ober von meinem auf sie gerichteten RECHTEN Auge so fixiert fühlen, dass sie mich andauernd fragen, ob ich noch etwas bestellen möchte. „Koste es, was es wolle“ bekommt eine völlig neue Bedeutung.

Vor einiger Zeit beobachtete mein rechtes Auge, wie ein stattlicher Herr das Café betrat. Am Verhalten der Ober erkannte ich sofort, es musste sich um eine höhergestellte Persönlichkeit handeln. Unter ihren Plexiglas-Masken strahlten sie um die Wette.

„Guten Morgen, Herr Bürgermeister … ah Verzeihung … Freundschaft, Herr Bürgermeister!“

Der Herr Bürgermeister lächelte. Dieses selbstbewusste Sieger-Lächeln, das nur Menschen in hohen Ämtern eigen ist. Da er der Meister aller Wiener Bürger ist, verteilt er dieses Lächeln natürlich gerecht auf alle Bezirke, nicht nur wenn er sich im Vorraum meines Büros aufhält.

Ich muss allerdings sagen, dass ich über das Lächeln des Herrn Bürgermeister doch ein wenig verwundert war.

Jeder weiß, dass ihn vieles belastet. Aber an diesem Tag gab es neben der üblichen Bürde des Amtes wirklich Stunk. Stunk wegen der Innenstadt, bei dem es um den Stunk in der Innenstadt ging.

Die Vize-Bürgermeisterin (eine Grüne) hatte gemeinsam mit dem Bezirksvorsteher (einem Türkisen) beschlossen, die Innenstadt autofrei zu machen. Also, „autofrei“ ist ein großes Wort für eine 30%ige Reduzierung, aber Politiker neigen vor Wahlen gerne zur Überhöhung.

Das wirklich Bemerkenswerte war aber, dass die Grüne und der Türkise unseren roten Bürgermeister einfach links liegen gelassen hatten. Er wurde nicht zu Rate gezogen (warum heißt es dann überhaupt Rathaus?), ja nicht einmal informiert.

Den Türkisen verstehe ich ja. Er ist der Großneffe von Bundeskanzler Leopold Figl und wollte seinem Namen alle Ehre machen.

„Wien ist frei!“ wollte er vom Balkon seines Amtssitzes einer begeisterten Menge zurufen.

Aber was hat sich die Grüne dabei gedacht? Wollte sie zeigen, dass die Wiener Grünen nicht solche Koalitionspantoffeln sind, wie ihre
Bundes-KollegInnen? Wollte sie die Möglichkeit einer türkis-grünen Koalition in den Wiener Raum stellen?

Was wollen die Grünen überhaupt?

Ich muss sagen, ich mag die Grünen. Nein, ich mochte sie. Nein, ich mochte die Idee, dass sie – nach den Blauen – für Augenmaß, Ausgleich und menschliche Wärme in der Regierung sorgen würden.

Ich kritisierte sogar die Kritiker („Werdet ihr erst wieder Ruhe geben, bis die Blauen wieder in der Regierung sind?“), die schon unmittelbar nach der Angelobung über die Grünen herzogen. Sie hätten sich über den Tisch ziehen lassen, sie hätten ihre Gesinnung in der Koalitionsgarderobe abgegeben usw. usw.

Meine hohen Erwartungen sanken aber von Woche zu Woche. Jedesmal, wenn sie sich freiwillig unter die türkise Straßenwalze legten, dachte ich mir: Was hat man von der Macht, wenn sie nur eine Ohnmacht ist?

Dabei hätten sie doch einen viel größeren Hebel, als sie glauben. Was soll denn passieren, wenn sie einmal ordentlich auf den Tisch hauen?
Sollen die Türkisen die dritte (!) Koalition den Bach hinuntergehen lassen? Sollen sie bei einer halben Million Arbeitslosen und hunderten Unternehmern, die vor dem Aus stehen, Neuwahlen vom Zaun brechen? Also.

Als sie dann sogar begannen, die eigenen Leute unter die Räder des Koalitionspartners zu werfen (ja, ich finde, daß Lunacek mehr Loyalität verdient hätte) war ich mir sicher, dass die Farbe Grün in Zukunft nicht mehr für Hoffnung stehen wird, zumindest nicht für mich.

Zurück zum Stunk: unser Herr Bürgermeister hat den beiden Aufständischen die Wadln vireg’richt und kann – verkehrsberuhigt – weiterlächeln. Aber nur bis zur Wahl, dann könnte plötzlich Schluss mit lustig sein. Darüber plaudern wir ein andermal.

Haben Sie noch eine halbe Minute Zeit? Ich wollte Ihnen nur schnell erzählen, dass ich – auf die erste Kolumne – ein Mail vom Autor und Verleger Lojze Wieser bekam, der vor 20 Jahren in der Loge 17 sein Verlagsbüro aufgeschlagen hatte. „Wer weiß, mit wie vielen anderen wir diese Loge noch teilen?“ endet sein Schreiben.

Ich habe jetzt auch noch eine historische Verantwortung. Rede ich mir zumindest ein.

Das nächste Mal schreibe ich dann entweder über die geopolitische Bedeutung der Loge 17 oder warum Trump mich gerne im Büro besuchen würde, sich aber nicht wirklich traut oder vielleicht sogar über etwas wirklich Interessantes.

Ihr Harry Bergmann

***

Harry Bergmann. Früher der Nachname von Demner, Merlicek & Bergmann. Jetzt einfach Bergmann. Weiß nach 4 Jahrzehnten ganz genau, was er alles über Werbung noch immer nicht weiß. Hobby-Schreiber. Da weiß er noch viel weniger und findet das gerade deshalb so spannend. Lebt in Wien und Herzlia/Israel.

Bisher erschienen:

1 Loge 17
3 Der Elefant und die rote Vespa
4 Der mit den Wölfen tanzt
5 Der Himmel blau, das Meer türkis
6 Das Rätsel der Träume
7 Der junge Mann, die junge Frau und ihr Eigentum
8 Mord aus sicherem Abstand
9 Casino Royale
10 Die Selbstgespräche des Herrn D. aus E.
11 Die Tante aller Schlachten
12 Die Dreisten und die Aberdreisten
13 Der lange Schatten von Sparta
14 Das Gegenüberchen und andere Verkleinerungen
15 Die Rede zur Schieflage der Nation
16 Die Gespräche eines kurzen Sommers
17 Leben in Zeiten des Konjunktivs
18 Ich ist der Andere
19 Der Himmel über den Kelten
20 Die Hälfte der Wahrheit
21 Der Sommerschlaf und andere Gründe wach zu bleiben.