Ein Sonntag namens Bratwurst

FLORIAN HOLZER | 22. DEZEMBER 2016   

Ja, es ist mehr als vier Wochen zu spät. Aber was sind schon vier Wochen, wenn so ein fundamentales Ereignis nur einmal pro Jahr stattfindet, und das nur in einem Gebiet von knapp 12.000 Quadratkilometern zwischen den Flüssen Inn und Enns, näher bekannt unter der Bezeichnung „Oberösterreich“.

Dort erfuhr ich im Spätherbst 2015 bei der Recherche für die „Unterwegs“-Reportage des Magazins Gusto, die mich unter anderem zu einer lokal recht bedeutsamen Fleischerei in Steyr namens Zellinger führte, von einem Faktor namens „Bratwürstelsonntag“. Außerhalb Oberösterreichs bewirkt der Begriff „Bratwürstelsonntag“ ja generell eher Ratlosigkeit, was einerseits mit der rätselhaften Bedeutung der Wortkombination zu tun hat, andererseits mit deren Aussprache. Die Betonung liegt da nämlich auf der ersten Silbe des Sonntag, also „BratwürstelSONNtag“. So, als ob es auch einen Bratwürstelsamstag, oder einen Bratwürstelmontag gäbe, die aber – zumindest bis heute mir nicht bekannt – nicht existieren.

Was aber ist dieser Bratwürstelsonntag? Es handelt sich hierbei um den Brauch, am ersten Adventsonntag Bratwürstel zu essen. Gut, das wär’s im Wesentlichen auch schon wieder, allerdings existiert da im Land Oberösterreich doch recht große Aufregung, wenn 1,4 Millionen Menschen an einem einzigen Tag zwischen 12 und 14 Uhr Bratwurst essen wollen/sollen/müssen. Das kann schon mal zu Engpässen und Stress führen, und wie das dann ist, am Bratwürstelsonntag ohne Bratwürstel dazustehen, kann man sich als Nicht-Oberösterreicher wahrscheinlich nur ganz schwer vorstellen.

Wie es zu dem Brauch kam, dafür gibt es zahlreiche Erklärungsmodelle. Der Oberösterreichische Brauchtumskalender etwa findet seine Erklärung darin, dass zu Winterbeginn geschlachtet wurde, um die Tiere nicht den Winter durchfüttern zu müssen, und es deshalb Würste gab. Okay, geht so. Die Oberösterreichischen Nachrichten liefern da schon Tieferschürfendes, etwa dass es den Bratwürstelsonntag (im weiteren nur mehr BWS genannt) seit fast 200 Jahren gibt und dass er – ähnlich dem Faschingsdienstag – die letzte Möglichkeit des Prassens vor der mindestens dreiwöchigen Advents-Fastenzeit war. Und angeblich stiege der Bratwürstel-Verbrauch zum BWS im östlichen Oberösterreich ums Zehnfache gegenüber dem Jahresdurchschnitt an. Franz Maier-Bruck, der das absolut großartige und unverzichtbare Buch „Vom Essen auf dem Lande“ (Verlag Kremayr & Scheriau, Wien 1981, 624 Seiten ) schrieb, behauptet außerdem, dass Linzer Fleischhauer bis zum ersten Weltkrieg zu Beginn der Adventszeit ihren Stammkunden Bratwürste schenkten, die sodann in einer Bratwürstelsuppe verzehrt wurden, gefolgt von gebratener Blunze mit Senf und Sauerkraut – ein sehr sympathischer Brauch.

Frau Zellinger, Fleischhauer-Meisterin in Münichholz bei Steyr, liefert da allerdings eine sehr viel pragmatischere Erklärung: Nachdem Bratwürstel in Oberösterreich auch Hauptbestandteil des Heiligabend-Essens sind, sei der BWS schlichtweg die Generalprobe für den dann noch größeren Andrang. Und damit für alle was dabei ist, hätten sie immerhin klassische, Nürnberger, Pfälzer, dicke Bauernbratwurst, Kalbsbratwurst, Salzburger und Chili-Bratwurst im Programm. Und wer jetzt nicht Lust auf Bratwurst bekommt, der muss schon ein komisches Kerlchen sein.




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