Spaltungen und Schüttungen

FLORIAN HOLZER | 12. DEZEMBER 2016   

Weil die Gesellschaft jetzt ja angeblich gespalten ist, sollen wir jetzt Gräben zuschütten, heißt es allerorten. Und alle nicken, der Geist der Lagerstraße ist immerhin allgemein akzeptiertes Kulturgut wie die Mozartkugel, Konfliktvermeidung gilt als mindestens so hehre Tat wie der Erwerb eines heimischen Schi-Fabrikats.

Ich finde aber, man kann durchaus unterschiedlicher Meinung sein, unterschiedliche Meinung ist natürlich, da muss man sich weder die Haare spalten noch zuschütten deswegen. Werden einander Austria- und Rapid-Fans irgendwann einmal um den Hals fallen und Speichelflüssigkeit austauschen? Wahrscheinlich nicht, warum auch, es reicht, wenn sie sich nicht gegenseitig weh tun oder Dinge zerstören, da können sie ruhig unterschiedlich bleiben und müssen deshalb nicht gleich Fan von Red Bull Salzburg werden. Oder um im kulinarischen Bereich zu bleiben: Sehr viele Menschen wollen nun mal keine Rosinen. Da kann man machen, was man will, da kann man ihnen die Allergen-Liste als Beweis vorlegen, dass man von Rosinen nicht stirbt, da kann man den historischen Beweis antreten, dass die venezianischen sauren Sardinen den süßen Gegenpol brauchen und brauchten, kann ihnen stundenlang erklären, dass der Panettone nun mal nur mit den süßen, braunen Punkterln echter Panettone ist – sie werden’s einem nicht glauben, diese sturen Gestalten.

Oder Koriander! Diese herrliche Frische in Grün! Kann ganz Südost-Asien irren, kann die Thai-Küche – eine der allgemein höchst geschätzten Küchen der Welt – tatsächlich falsch liegen, oder was ist da los? Wieso kommt da vielen Menschen der Zuckaus, wo ich dieses herrlich saftige Grün doch in Büscheln fressen könnte? Wieso schütten die den Koriandergraben nicht zu?

Oder Marzipan: Seien wir ehrlich – es gibt nichts Besseres auf der ganzen Welt. Marzipan ist der Beweis einer himmlischen Macht, so herrlich, dass sie Niederschriften nicht benötigt. Das weiß jeder, der ein Stück dieser edlen Masse aus Lübeck oder Toledo in seinen Mund schob und sich dem Zauber der pürierten Mandel hingab. Und dennoch gibt es welche, die Marzipan nicht wollen. Ahnungslose! Sünder! Häretiker! Gräben zuschütten, nachdem sie drin liegen, diese Ungläubigen!

Okay, geht schon wieder. Was passiert, wenn alle einer Meinung sind, sieht man eh: Alle finden Trüffel super, also verstecken sich die scheuen Tiere unter der Erde und man findet sie nicht; oder alle lieben Steak vom japanischen Kobe-Rind. Und wo ist eines, wenn man es braucht? Na eben.

Also nicht Gräben zuschütten, sondern offen lassen, das sorgt für Drainage und somit fruchtbaren Boden.




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