Survival of the Fittest oder das Scheitern an der Gasthaus-Evolution

FLORIAN HOLZER | 08.08.2016 | 2 Kommentare   

Kein schönes Gefühl, wenn plötzlich was nicht mehr da ist, was zuvor immer da war. Kein schönes Gefühl, wenn die Zunge plötzlich ins Leere stößt, wo zuvor Jahrzehnte lang ein Zahn war; kein schönes Gefühl, wenn man das Geschäft verlässt, das man 90 Sekunden zuvor betreten hat, und an der Stelle, wo man das Lieblings-Rad an die Wand lehnte, nur mehr Wand ist, aber kein Lieblingsrad mehr (den Dieb, der mir vor drei Monaten bei hellichtem Tag mein Dancelli Singlespeed klaute, verfluche ich hiermit übrigens offiziell: Der Blitz soll Dich beim Sch…. treffen!).

War auch kein schönes Gefühl, als wir gestern nach einer bezaubernden, kleinen Radtour entlang des Donaukanalradweges, über den Damm in Neu-Albern, durch den Alberner Hafen übers Blaue Wasser und entlang der Getreidespeicher zu dem Ort kamen, an dem früher immer das Gasthaus zum Friedhof der Namenlosen war. Das war nämlich nicht mehr da. Das war nicht einfach geschlossen oder hatte Ruhetag oder wurde renoviert oder sonstwas, das war einfach nicht mehr da. Nur eine ebene, sandige, planierte Fläche. Und so etwas kann einen ziemlich fertig machen, wenn man sich etwa 12 wunderschöne Kilometer lang auf eine Leberknödelsuppe und gebackene Champignons freut, und so etwas kann einen noch viel mehr fertig machen, wenn einem klar wird, dass das Verschwinden des Gasthauses Ettl, alias „Zum Friedhof der Namenlosen“, in nächster Zeit wohl kein Einzelfall bleiben wird.

Denn Wirtshäuser, die sich in suboptimalen Lagen befinden, deren Besitzer zu alt oder zu erschöpft oder zu arm sind, um Investitionen in Marketing, Modernisierung und Erfüllung der kontinuierlich steigenden behördlichen Anforderungen zu tätigen, werden sehr bald verschwinden. Die Registrierkassenregelung wird für sehr viele Betreiber von Ausflugsgasthäusern der letztendliche Anstoß sein, in Ruhestand zu gehen, und dass ihr Betrieb irgendwo am Waldesrand, am Teich, beim Fluss oder auf dem Hügel von jemandem übernommen wird, ist sehr, sehr unwahrscheinlich.

Wobei die Registrierkasse natürlich nicht der alleinige Grund ist, die (übrigens nur in Österreich mit Inbrunst administrierte) Allergen-Verordnung schon gar nicht. Lokale, denen unsere nostalgische Sympathie gehört – malerisch gelegen, familiär geführt, eigenhändig bekocht – haben einfach keine Chance mehr, sind nicht mehr wirtschaftlich zu führen. Die Gastronomie der sehr, sehr nahen Zukunft wird so aussehen wie das demnächst irgendwo auf der Mariahilfer Straße eröffnende „Le Burger“, groß, bunt, laut, systemgastronomisch und die wahnwitzig attraktive Möglichkeit bietend, sich seinen Burger nach eigenem Wunsch zusammen zu stellen. Geil! Gegen so etwas hat ein Gasthaus am Stadtrand, in dem man sich die Leberknödelsuppe und die gebackenen Champignons nicht individuell zusammen stellen kann und dessen Gastgarten außerdem mit dem Hoverboard nicht befahrbar ist, kein Leiberl. Weil wir nämlich kulinarisch verblöden, und zwar in atemberaubenden Tempo, es ist zum Schreien.

Wenn wer ein Lieblingsgasthaus irgendwo am Stadtrand oder im Wald hat, wäre das jetzt übrigens der richtige Zeitpunkt, um es zu besuchen. Es wird nicht mehr lange existieren.

Aktualisierung vom 10.8.2016: Laut Bezirksvertretung Simmering wurde das Gasthaus zum Friedhof der Namenlosen abgerissen, weil die Pächter in Pension gegangen waren und der Hafenleitung, auf deren Grund das Gasthaus stand, offenbar nichts Besseres einfiel, als es abzureißen. Bravo, Hafenleitung.