Corona und Demokratie: China in der Falle, unsere fatale Müdigkeit

Seuchenkolumne. Nachrichten aus der vervirten Welt 897


ARMIN THURNHER

30.11.2022

Das Drama in China hat viele Aspekte, erklärt Epidemiologe Robert Zangerle. Die Null-Covid-Strategie, zu lange betrieben, kann nicht ohne desaströse Folgen von einem Tag auf den anderen aufgegeben werden. Das Problem: das System schafft es zwar, Millionen Uiguren zu internieren, aber nicht, die über Achtzigjährigen impfen zu lassen. Auch bei uns ist die Sache noch nicht vorbei: Coronamüdigkeit und Demokratiemüdigkeit hängen auf fatale Weise zusammen.  A. T.

»China steckt in einer grausamen Sackgasse. Beendet es jetzt die „dynamische Zero Covid“ Politik, dann würde Sars-CoV-2 in China frei zirkulieren. Dann aber könnten Hundert­tausende Menschen sterben oder für immer vom Virus gezeichnet sein, was wiederum zu Lockdowns führen könnte. Wird die jetzige Politik fortgesetzt, wachsen Frust und Wut über das Leben in einem permanenten Ausnahme­zustand, und große Teile der Bevölkerung verlieren kontinuierlich an Vertrauen.

Seit einem Wohnhausbrand mit mindestens zehn Toten am 24. November abends in Urumqi kam es landesweit zu Protesten gegen die rigorose Corona-Politik der Regierung. Die Feuerwehr in der Provinzhauptstadt Urumqi brauchte nach eigenen An­gaben drei Stunden, um den Brand in ei­ner Wohnung im 15. Stock zu löschen. Spekulationen von Bewohnern, wonach die Rettungsarbeiten durch Absperrungen verzögert worden seien, die im Zusammenhang mit der Corona-Politik aufgestellt wurden, riefen wütende Reaktionen hervor. Belege gibt es dafür nicht. Beiträge zu diesem Wohnungsbrand wurden im größten chinesischen Mikroblogging-Netzwerk Weibo mehr als eine Milliarde Mal an­gesehen. In Staatsmedien wurde hervorgehoben, dass Bewohner des Hoch­hauses nicht durch Corona-Maßnahmen daran gehindert worden seien, ins Freie zu flüchten.

In Shanghai rufen Demonstranten offen zum Rücktritt Xi Jinpings und dem Niedergang der Kommunistischen Partei (KP) auf, in anderen Hochschulen fordern sie Meinungsfreiheit und Demokratie. Vor allem die Unruhe an den Hochschulen in Peking und Shanghai ist der Stoff, aus dem die Albträume der KP Chinas sind. Es scheint die größte Protestwelle seit 1989 zu sein. Der Mut ist dabei erstaunlich, Rufe nach dem Rücktritt des Parteichefs sind wirklich ein Novum. Wer den Abtritt Xi Jinpings fordert, setzt sich höchster Gefahr aus. Denn sobald die Studenten und die jungen Angestellten einmal auf der Straße sind und sich zu Demos zusammentun, gibt es keine „richtige“ Reaktion der Staatsmacht mehr: Lässt sie die Zusammenkünfte laufen, wird aller Ärger der vergangenen Jahre und Jahrzehnte auf der Straße laut. Die Partei wird die Proteste daher früh unterdrücken wollen. Damit wird sie jedoch unweigerlich ihr wahres autoritäres Gesicht zeigen.

Chinas Machthaber scheinen elementare Fehler zu machen, die man Xi Jinping oder der Partei noch vor wenigen Jahren kaum zugetraut hätte: Sie haben zugelassen, dass die Unzufriedenheit mit der Regierung bis ins Unerträgliche steigt. Während andere Länder Asiens in den vergangenen Monaten den Weg aus der Pandemie gefunden haben, beharrte Chinas Führung auf der Zero Covid Politik, die immer wieder dystopische Ausmaße annahm. Noch sind die Informationen zu spärlich, als dass behauptet werden könnte, dass die chinesische Bevölkerung als Ganzes zum jetzigen Zeitpunkt Chinas Zero Covid Politik ablehnt. Die strengen Maßnahmen wurden 2020 und 2021 allgemein akzeptiert, zuletzt mehren sich aber die Stimmen in China, die die Bekämpfung der Pandemie durch politische Kontrollen anprangern, statt die zur Verfügung stehenden medizinischen Mittel zu nutzen.

Welche Möglichkeiten hat China?

Ein Grund, warum die COVID-Situation in China so besorgniserregend ist, liegt darin, dass sie in Miniaturformat voraussehbar war: Hongkong im März dieses Jahres. Offenbar haben viele vergessen, wie schlimm die Omikron-Welle in Hongkong war. Die Folgen für Hongkong waren desaströs: es wies die höchste Todesrate auf, die weltweit in der ganzen Pandemie je verzeichnet wurde. Das chinesische Festland steht jetzt aber vor einer ähnlichen misslichen Lage, wenn die aktuellen Ausbrüche nicht unter Kontrolle gebracht werden.

Ganz entscheidend in Bezug auf die gesundheitlichen Auswirkungen ist der Impfstatus der Bevölkerung. Während Neuseeland eine hohe Impfrate der älteren Bevölkerung aufweist und entsprechend wenig Todesfälle zu beklagen hat, war in Hongkong zu Beginn der Omikron-Welle nur ein Drittel der über 80-Jährigen geimpft. Aus Hongkong gibt es Studiendaten, warum ältere Personen sich nicht impfen lassen. Teilnehmer, die die COVID-19-Impfung verzögerten oder verweigerten, erhielten kaum Unterstützung durch Ärzte, Familie und die Verwaltung, um Einstellungen, wie eine negative Wahrnehmung des Alterns, Fatalismus gegenüber Risiken, geringe Gesundheitskompetenz („health literacy“), grundlegendes Misstrauen gegenüber der westlichen Medizin und ganz generell fehlende oder falsche Information zu Impfstoffen zu beeinflussen.

Chinas Gesamtimpfungsrate lag im April 2022 knapp unter 90 %. Dies wurde durch die Einführung eines digitalen Impfpasssystems erreicht – der Impfpass ist für den Zutritt zu vielen öffentlichen Gebäuden und Arbeitsplätzen erforderlich – und durch die Einführung eines farbcodierten „Gesundheitscodes“, der anzeigt, ob jemand ein Infektionsrisiko darstellt. Aber ältere Menschen besuchen Einrichtungen/Veranstaltungen, die einen Impfpass erfordern, in einem geringeren Ausmaß, sodass Viele ungeimpft blieben. Außerdem waren und sind die Impfprogramme stark auf Arbeitgeber (inkl. Armee!) und Schulen ausgerichtet, vernachlässigen also die ältere Bevölkerung. Auch könnte eine pure Zero-Covid-Politik die Dringlichkeit einer Impfung für „Vulnerable“ („Vulnerabilisierte“) untergraben, weil sie keinen Schwerpunkt auf Risikopopulationen legt (es gibt ja kein zirkulierendes SARS-CoV-2). Schließlich sei auch noch betont, dass, wie aus den untenstehenden Grafiken hervorgeht, der Prozentsatz an Menschen mit 3 Impfungen nur bei ca. 50% lag.

Eine Stammtischumfrage im April 2022 zu Shanghai (n = 1) bei meinem Schrunser Cousin, er lebte 10 Jahre in Shanghai und baute für eine große Vorarlberger Firma das China-Geschäft auf, schien die Ergebnisse der Studie aus Hongkong zu bestätigen. Die ältere Bevölkerung ist sehr von Misstrauen gegenüber bürokratischen Verwaltungen, aber nicht weniger gegenüber Errungenschaften moderner westlicher Medizin geprägt. Da braucht es besondere Anstrengungen, diese Bevölkerungsteile für moderne Impfungen zu motivieren. China hätte genug Zeit gehabt, scheint aber den Startvorteil, den die Zero-Covid Politik unzweifelhaft gebracht hat, verspielt zu haben:

Drei Impfungen haben in den Altersgruppen 60+ in Dänemark 97,6 %, in Italien 92,7 %, in Schweden 89,6 % und in Österreich 84,2 % erhalten (Stand 17.November 2022, ECDC).

Ganz generell haben sich Länder mit einer Zero-Covid-Politik schwergetan, ihre „vulnerable“ Bevölkerung ausreichend zu schützen. Neuseeland hatte zwischenzeitlich mehreren Berufsgruppen eine Impfpflicht auferlegt gehabt, immer mit einer Exit-Strategie aus Zero-Covid im Auge. Auch Singapur musste große Hürden überwinden, um eine ansehnliche Impfrate der älteren Bevölkerung zu erreichen. Der enorme Aufwand gemeindenaher Kampagnen hat dort aber Früchte getragen. Das vermisst man bei China, obwohl es im Frühjahr 2022 hieß, dass China die Covid Impfung für Menschen ab 80 Jahren angesichts der Ausbreitung von Omikron forciert.

Déjàvu? Vor 7 Monaten stand hier: „Das Eindringen der hochgradig übertragbaren Omikron-Variante in das Land lässt die sozialen und wirtschaftlichen Kosten der Zero-COVID-Politik dermaßen steigen, dass sowohl die chinesische Führung, als auch chinesische Wissenschaftler Optionen für eine Koexistenz mit dem Virus diskutieren, wie es inzwischen der Rest der Welt, inklusive asiatischer Staaten wie Taiwan, Südkorea, Vietnam, Australien und Neuseeland praktiziert. Einige denken, dass dieser Wandel schon im Mai 2022 beginnen könnte oder dass die Bewältigung der Covid-Krise in Hongkong abgewartet wird, während andere, wie Xi Chen, ein Wissenschaftler an der Yale School of Public Health, sagt, dass China mehr Zeit – bis zu einem Jahr – braucht, um einerseits die Durchimpfung insbesondere bei älteren Menschen weiter zu erhöhen und andererseits Gesundheitsversorgungskapazitäten zu stärken, insbesondere auf dem Land. Andere Schritte könnten auch sein, dass die Dauer der Isolation von Infizierten und die Quarantäne von Exponierten verkürzt werden, oder dass China zunächst eine Stadt oder Region als Testfall öffnen könnte. Hat China das jetzt mit Shanghai bereits versucht? Impfstoffe sind nicht so entscheidend für die Aufrechterhaltung von Zero-COVID, aber wirklich entscheidend für den Ausstieg aus Zero-Covid.“

Tatsächlich hat China die Coronavirus-Quarantänevorschriften für enge Kontakte und internationale Reisende gelockert. Dies ist die erste geringfügige Lockerung von Xi Jinpings Zero-Covid-Strategie, seit diese Politik auf dem Parteitag der Kommunistischen Partei im vergangenen Monat bekräftigt wurde. Der Staatsrat, Chinas Kabinett, verkürzte die obligatorische Quarantäne für enge Kontaktpersonen positiver Covid-19-Fälle und für Reisende aus Übersee von sieben auf fünf Tage, während die Quarantäne zu Hause für drei weitere Tage beibehalten wird. Und die Isolationsdauer für Infizierte? Positive Fälle unterliegen den Anforderungen der örtlichen Behörden und können zu einer Verlegung in eine bestimmte medizinische Einrichtung oder Isolationseinrichtung führen.

Angesichts der wiederkehrenden Lockdowns fragt man sich, wieso in einem autoritären Staat wie China keine allgemeine Impfpflicht besteht. Da müsste so etwas doch leichter gehen, meint man. Die Unmöglichkeit, diese Frage schlüssig zu beantworten zeigt aber, wie wenig wir China verstehen.

Die Schutzwirkung chinesischer Totimpfstoffe ist geringer als die der mRNA-Impfstoffe von Pfizer/BioNTech und Moderna, daran gibt es keinen Zweifel. Laut einer Beobachtungsstudie in Malaysia schwand der Schutz vor schwerer Erkrankung nach der Impfung mit der Vakzine von Sinovac deutlich rascher als mit dem Wirkstoff von BioNTech/Pfizer. Das Gesundheitsministerium von Singapur berichtete ebenfalls über eine geringere Wirkung des Impfstoffs von Sinovac (CoronaVac) verglichen mit Moderna und Pfizer/BioNTech.

In einer Studie der Universität Hongkong wurde erstmals die Wirksamkeit des chinesischen Sinovac-Impfstoffs (Tot Impfstoff) mit dem von BioNTech entwickelten mRNA-Impfstoff gegen die Omikron-Variante in einer weitgehend infektionsfreien Bevölkerung während der Omikron-Welle verglichen. Beide Impfstoffe sind wirksam: Bei dreimaliger Verabreichung bieten sie schätzungsweise über 90 % Schutz vor schweren Erkrankungen und Todesfällen in allen Altersgruppen. Ohne eine dritte Impfung zeigten sich jedoch erhebliche Unterschiede zwischen den beiden Impfstoffen. Mit nur zwei Dosen bot der BioNTech-Impfstoff in allen Altersgruppen einen Schutz von 75-96 %. Bei Sinovac hingegen lag die Spanne bei 44-94 %. Bei den 80-Jährigen und Älteren waren die Unterschiede noch deutlicher. Die besten Schätzungen lagen dann bei 85 % für den BioNTech-Impfstoff und 60 % für Sinovac.

Die chinesische Impfung ist nach dieser Studie auch weniger wirksam bei der Eindämmung von milden Infektionen: Nach 3 Impfungen lag die Wirksamkeit bei Personen unter 60 Jahren bei 51,0% (39,6–60,4) bei Sinovac gegenüber 73,5% (66,6–79,2) für den Impfstoff von BioNTech. Bei Personen 60 Jahre alt oder älter lagen die Schätzungen bei 32,4% (8,3–51,0) für Sinovac bzw. 70,2% (53,3–82,0) für den Impfstoff von BioNTech.

Die Autoren geben zu bedenken, dass die höhere Wirksamkeit der dritten Dosis zum Teil darauf zurückzuführen sein könnte, dass sie erst kürzlich verabreicht wurde. Studien wie diese deuten darauf hin, dass der Schutz möglicherweise nicht allzu lange auf einem hohen Niveau bleibt, insbesondere bei den Empfängern des Sinovac Impfstoffs . Ein weiterer Vorbehalt gegenüber den Schätzungen der Impfwirksamkeit ist die Tatsache, dass das Zögern bei der Impfung in Hongkong bei älteren Menschen mit Grunderkrankungen tendenziell größer ist, so dass unsere Schätzungen der Wirksamkeit des Impfstoffs angesichts dieses potenziellen Effekts bei „gesunden Impflingen“ leicht optimistisch sein könnten.

Wie auch immer, aus dem bisher Gesagten folgt: Die Folgen für China sind düster. Grausame Sackgasse. Der einzige Weg, Zero Covid, ohne schwerwiegende gesundheitlichen Folgen, zu verlassen, ist die Impfung der Älteren. Alle anderen Szenarien will man sich nicht vorstellen, z.B. wenn sie die Regierung der zu Recht verärgerten jüngeren Generation weniger Beschränkungen auferlegt, gleichzeitig aber die Älteren auffordert, mit fortwährenden Beschränkungen leben. Würde nicht funktionieren, „focused protection“ war immer nur ein vorgeschobenes Argument. Unglaublich, dass China Millionen von Menschen in Lager zwingen kann, aber offenbar nicht in der Lage ist, ältere Menschen zur Impfung zu motivieren. Schon eine sehr komplexe Situation.

Gänzlich unverständlich bleibt, wieso China nicht endlich den mRNA-Impfstoff von BioNTech/Fosun zulässt? BioNTech schloss bereits Mitte März 2020 zwei bahnbrechende Deals ab, die sicherstellen sollten, dass der ganze Planet mit dem neuen mRNA-Impfstoff des Mainzer Forschungsunternehmens versorgt werden könnte: mit dem amerikanischen Pharmariesen Pfizer und mit dem Shanghaier Biotech-Konzern Fosun; letzterer sollte die chinesische Bevölkerung versorgen. Dass die Europäische Arzneimittelagentur (EMA) auf einer vollständigen, unabhängigen wissenschaftlichen Überprüfung des chinesischen Sinovac Impfstoffs bestehen würde, sorgte in Peking für Irritationen. Damit ein Impfstoff eine EU-Zulassung erhalten kann, müssen die Produktionsstätten überprüft werden (ein Unterschied zur FDA; war schon ein Problem beim Impfstoff Sputnik von Gamaleya). EMA-Inspektoren hätten bereitgestanden, ein Sinovac-Werk in China zu zertifizieren. Doch die Behörden beharrten offenbar darauf, dass die Inspektoren sich nach ihrer Einreise für 21 Tage in Quarantäne begeben. Die EMA habe abgelehnt – auf Spezialisten für Impfstoffherstellung könne mitten in einer Pandemie nicht mehrere Wochen lang verzichtet werden. Im Gegenzug wurde in Peking die Zulassung vom Impfstoff von BioNTech/Fosun auf Eis gelegt, die für Juni 2021 erwartet wurde.

Aber es gilt noch was gänzlich anderes zu beachten: Wenn SARS-CoV-2 in einer Bevölkerung von 1,4 Milliarden stark zirkuliert, dann bestehen besonders reichlich Gelegenheiten, dass sich neue Varianten entwickeln. So gesehen ist die Zero-Covid-Politik Chinas keine reine nationale Angelegenheit, sondern ein globales Problem. Müssen Europa und Nordamerika also darauf hoffen, dass China seine Zero Covid Politik fortführt? Ist das so paradox wie es klingt? Christian Drosten meinte kürzlich in einem sehr ausführlichen Interview, dass eine wirklich neue Variante von ganz unten aus dem Stammbaum des Virus kommen müsste. Seine Sorge gilt deshalb China: „Weltweit ist die Immunität recht homogen verteilt, in Industrieländern durch Infektion auf dem Boden der Impfung, in ärmeren Ländern durch mehrfache Infektion der Bevölkerung. In China jedoch ist das nicht der Fall. Ich würde nicht ausschließen, dass dort in puncto Evolution noch einmal ein Sprung passiert. Ich erwarte es aber nicht in nächster Zeit “. Auch Marion Koopmans, Virologin aus den Niederlanden, teilt diese Befürchtung.

Cornelius Roemer, ein Mitarbeiter im Team von Richard Neher aus Basel, das in der SARS-CoV-2 Evolution Bahnbrechendes geleistet, hat sich ein wenig sehr weit aus dem Fenster gelehnt und meint, dass eine große Welle auf dem chinesischen Festland keine größeren Auswirkungen außerhalb Chinas  haben würde. Aufgrund der geringen Infektionsimmunität in China wären Varianten, die sich in einer großen chinesischen Welle entwickeln, in Ländern, die bereits über eine hohe Infektionsimmunität verfügen, möglicherweise nicht erfolgreich. Recht charakteristisch für die Informationspolitik der jetzigen Situation: es ist nicht öffentlich bekannt, welche Linien auf dem chinesischen Festland vorherrschend sind (letzte zugängliche Daten vom Juli!).

Die Weltgesundheitsorganisation WHO befürchtet, dass „Pandemie-Müdigkeit“ zur Missachtung von Gesundheitsratschlägen führt. Gerade hat ein dänisches Team von Sozialwissenschaftlern unter der Leitung des Politologen Michael Bang Petersen von der Universität Aarhus gezeigt, dass die „Pandemie-Müdigkeit“ nicht nur mit dem Grad der Einschränkungen und der Schwere der Epidemie zusammenhängt, sondern auch mit der Dauer der Pandemie. Die „Pandemie-Müdigkeit“ zeigt Auswirkungen, die weit über den Gesundheitsbereich hinausgehen. Sie schürt Misstrauen, Protest und Verschwörungsglauben. Das ist das Dilemma der der anfangs erwähnten grausamen Sackgasse, in der sich China befindet.

Das Drehbuch von 2020 funktioniert 2022 in China nicht mehr, denn Omikron ist viel infektiöser und die Bevölkerung hat zunehmend die Nase voll von Beschränkungen und ständig wechselnden Regeln. Eine dauerhafte Zero-Covid Strategie ist nicht vorstellbar, ein Szenario für eine Exitstrategie Chinas ist aber nicht auszunehmen. Chinas Covid-Krise erfordert schreckliche Entscheidungen. Die Welt wird leiden, wenn dies schief geht.

Die Arbeit des Teams von Michael Bang Petersen zeigt auch eindrücklich, wie wichtig es ist, die Sozialwissenschaften in das Pandemiemanagement einzubeziehen, um „Ermüdungserscheinungen“ vorzubeugen und einer weiteren Zunahme der politischen Unzufriedenheit entgegenzuwirken. Die österreichische Bundesregierung findet das jetzt nicht ganz so besonders wichtig, weshalb die Zuwendungen und die Einbeziehung des Austrian Corona Panel Project (ACPP) mehr als zu wünschen übrig lassen. Deshalb ist es nicht verwunderlich, dass der Demokratie Monitor 2022 des SORA Institutes (hier und hier) Niederschmetterndes aus Österreich berichtet.

Der Demokratie Monitor 2022 beschreibt den dramatischen Rückgang der Zufriedenheit mit der Demokratie in Österreich. Waren 2018 noch knapp zwei Drittel mit dem politischen System in Österreich zufrieden, sind es 2022 nur noch 34%. Das Systemvertrauen ist auch in den mittleren und oberen Etagen der Gesellschaft eingebrochen: Im unteren Drittel fällt die Zufriedenheit über alle Erhebungsjahre hinweg gering aus. Für das untere Drittel hält die Demokratie ihre Versprechen nicht: Die Mehrzahl erlebt kontinuierlich, von der Politik als Menschen zweiter Klasse behandelt zu werden (73%), im Parlament nicht vertreten zu sein (68%) und mit Beteiligung keinen Unterschied machen zu können (60%). In der Mitte geht es auch um Gleichheit, aber nicht um das Erleben von Abwertung und Ausschluss, sondern der Eindruck, dass privilegierte Gruppen das politische System für sich nutzen und dass „sich die gut Situierten untereinander ausmachen, was im Land passieren soll“ (78%). Das obere Drittel hadert stärker mit Staat und Freiheit: Eingriffe in die Lebensführung sind für das untere Drittel alltäglich, im oberen Drittel wurden sie durch die Pandemie spürbar und bremsten das Systemvertrauen, auch weil es sich staatlich stärker bevormundet fühlt (49%).

Beten hilft jedenfalls nicht, darüber vielleicht das nächste oder übernächste Mal.« R. Z.

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