Abschied von Hans Magnus Enzensberger. Elegie.

Seuchenkolumne. Nachrichten aus der vervirten Welt 894


ARMIN THURNHER

26.11.2022

Hans Magnus Enzensberger, 2013 Foto Wikipedia

Wo, Hans Magnus, fange ich an? Die Bregenzer Buchhandlung,

Lingenhöle geheißen, die kanntest du nicht, nehm ich an, aber

sicher konnte man nie sein bei dir, dem Weitgereisten.

Kuba, Angola, lässig auf der Porch über Weltkrisen

grübelnd, Kriege in Permanenz voraussehend, oder in

Norwegen einsam dichtend, dich dann Kopf voran in den Strudel von

Achtundsechzig stürzend, naturgemäß ihm entsteigend

ohne ein Tröpfchen Wasser auf dem dezent eleganten

Hemd. Jedoch sag ich nicht, du hättest den Pelz dir nicht waschen

lassen; im Gegenteil, selber wuschest du Pelze, griffest

Bären ins Maul und packtest sie an den Speckfalten, geistig so

schnell mit Begriffen wie Old Shatterhand mit dem Bowie-

Knife. Doch ehe nun davon ich spreche, lass mich berichten von

Lingenhöle, ein Name, der Derrida und dir wohl zur

Freude hätte gereicht, linke Höhle für Bücher, die Zunge, die

schöne darin, die du Adorno zusprachst, „Adorno

mit der schönen Zunge“, ich Knabe las es und wusste

nichts von Adorno und nichts von dir, aber diese bunten

Bändchen, fleckhausbunt, wie sie lagen, mit Wundernamen:

Blindenschrift, Landessprache, die kaufte mit Geld ich aus

Nachhilfestunden; Nachhilfe wurde sie mir. Ich lernte nicht

dichten, aber ich lernte, dichten zu wollen. Was will man denn

mehr? – Auf, es blitze die Klinge, Florett des Begriffs. Was das wäre, ein

Essayist, das merkt ich bei dir. Diderot war dein Muster,

enzyklopädisch und witzig, wendig und schlau, leichtfüßig,

wendehälsig doch nie. Als Herzstück der Suhrkamp-Kultur schufst du

Ansehen, ohne zu repräsentieren. Keine Talkshows,

wenige Interviews. Ich bekam keines, Protektion durch

Ransmayr nützte mir gar nichts, wiewohl du diesen Autor sehr

schätztest. Die Andere Bibliothek, dort war er ein Zugpferd, in

deiner anderen Buchwelt. Zuvor schon gegründet das Kursbuch,

mir und vielen um Achtundsechzig Diskursbuch. Nummer

Zwanzig, das schwarze, „Baukasten zu einer Theorie der

Medien“. Vieles, vielfältig inspirierte ein einziger

Aufsatz von dir! Diskurseingriffe sonder Zahl, sie

folgten und waren vorausgegangen. „Die Sprache des Spiegel“

dekonstruiert als Phrasenmaschine. Dass danach noch einer dort

schreiben mochte? Du selbst hast’s getan, dem Jungdogmatiker

(mir) zum Staunen und Lernen zugleich. Du sahst so vieles, die

Krise Europas, die Bürgerkriege in Permanenz, die

Helden nur mehr im Rückzug, den universellen Blockwart

aber digital im Vormarsch. Und immer wieder

Aufklärung, Diderot, so leicht es ging. Und dazu gut

passend dein Faible für Mathematik, Physik und Exaktes, die

Wissenschaft von der Natur. Und immer wieder kam das

alles zusammen in deinem Gedicht. In „Wolken“, zum Beispiel,

oder in einem, das hieß „der Hase im Rechenzentrum“. Wie

dieser läuft, das weiß aber niemand, auch du gabst nicht vor, es zu

wissen. – Hans Magnus, ich schulde dir viel und gab dir nur wenig.

Keine Ahnung, ob du die Rezensionen gelesen,

die ich recht treulich dir schrieb. Fast immer hymnisch, ich war dein

Fan. Bin es noch und denke mir nunmehr, manchmal ist’s besser, man

bleibt in der Ferne, das hält die Bewunderung groß. Vor mir hast

du dich umsonst geschirmt; wollt nicht jüngern, nur lernen. Als Meister

sah ich dich nie; ein Kreis hätt’ am schlechtesten zu dir gepasst. Der

fliegende Robert, der passte, so sahst du dich selbst und so sah auch

ich dich; mit wohlwollend flüchtigem Lächeln verschwindend in Wolken.

Danke für alles, Hans Magnus. Einst rietst du, das Lesen von Oden

möge man lassen. – Und nun, zum Schluss, diese Elegie noch. –

Dir kann’ s jetzt gleich sein. Adieu, Großer Hans, und Danke für alles!

Distance, hands, masks, be considerate! Ihr Armin Thurnher

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