Die verbotene Welt, in der wir leben. Etwas zur Fußball-WM.

Seuchenkolumne. Nachrichten aus der vervirten Welt 889


ARMIN THURNHER

21.11.2022

Ach, der Reiz des Verbotenen! Ich wünschte ihn dieser Fußball WM, die ich mir, Boykotte hin oder her, naturgemäß mit schlechtem Gewissen anschaue, weil ich das als Fußallfan von mir erwarte. Meiner Fannatur gemäß, die sich bisher alle Fußballweltmeisterschaften angeschaut hat, die sie schauen konnte (Erinnerungen können an dieser Stelle folgen), mit besonders intensiver Anteilnahme jene von 1978, in der mörderischen Militärdiktatur Argentinien, wo faschistische Generäle Menschen folterten, töteten und verschwinden ließen. Wo unsere Helden von Anfang, dem Blitztor Walter Schachners gegen Spanien, bis zum Ende, dem mythischen Hansiburli-Knockout gegen die Piefke, bellissima figura machten (das 1:5-Debakel gegen die von Ernst Happel trainierten Niederländer haben wir verdrängt).

Die Fußball-WM in Quatar wird diesen Reiz des Verbotenen nicht erreichen. Aber es gibt so viel Verbotenes, das wir uns gönnen, obwohl es wenig Reiz hat, Twitter con Trump zum Beispiel, das Netz (etwa 4 Prozent des weltweiten Energieverbrauchs), von Aquavit ganz zu schweigen. Wo soll man da anfangen.

„Es gibt kein richtiges Leben im falschen.“ Diesen berühmten Satz von Theodor W. Adorno, den sich keine Menschenseele je im Fußballtor vorgestellt hätte, nicht einmal als Karikatur, obwohl doch ein vermutlich boykottierenswerter deutscher Schlager von anno dunnemals den Theodor im Fußballtor besang, diesen Satz habe ich als Student missverstanden. Ich dachte, Adorno meine mich und mein Leben im Spätkapitalismus, wie man das damals nannte. Aber Adorno meinte nicht mich, sondern Nazideutschland und auch noch das verlogene Postnazideutschland.

Ich hingegen ließ mich von diesem Satz deprimieren, denn was immer ich versuchte, es konnte ihm gemäß nur misslingen. Zum Beispiel boykottierten dieses Satzes wegen Teile meiner Generation den Fußball, ja den Sport insgesamt. Wir meinten, so zirka 1968 bis 1976, der neue Mensch, als den wir uns trotz und wegen Adorno imaginierten, dürfe sich nicht dergestalt machistisch benehmen, dass er Sport betreibe, dessen Wesen im Sieg über den anderen, Schwächeren besteht, und bei dem dieser wenn nicht getreten und verletzt, so doch psychisch gedemütigt wird. Es war also Charaktersache, nicht beim Schweinesystem mitzumachen und beispielsweise Fußball zu spielen.

Ich verdanke diesem psychohistorisch-politischem Irrtum den Verlust meiner Sportkarriere, denn als ich mich endlich wieder traute, die Machosau aus mir herauszulassen, Schweinesystem hin oder her, war ich nicht mehr der, der ich mit 18 war – drahtig, durchtrainiert, asketisch. Die Verweichlichung eines Wilhelm-Reich-inspirierten Pansexualismus, den wir natürlich leider nicht panmäßig, sondern nur partiell-dilettantisch auslebten, zusammen mit Lektionen in US-imperialistischer Pop-Drogen-Soft-Power, also auf deutsch ein bisserl Sex, Drugs and Rock ’n Roll hatten mir den Nipf genommen, wie man bei uns früher sagte. Durch einiges Training konnte man das eine oder andere aufholen, der alte Schwung aber war dahin.

Ich lasse das einmal so stehen und ergänze nur, dass der Besitz eines Fernsehers nicht einmal noch in den späten 1970er Jahren selbstverständlich war. Man borgte sich für die Zeit der WM im Elektrohandel ein Gerät aus und schaute dann in Gruppen. Große Teile der 78er WM wurden damals in meiner Wohnung geschaut, in Farbe! „Urfalter“ können sich daran erinnern (es war aber höchstens ein Teil von ihnen am falschen Leben mit Fußball interessiert).

„Gastarbeiter“ aus den Emiraten bei der Rückreise nach Kerala

Manchen Menschen, die meine Texte lesen, ist nicht verborgen geblieben, dass ich vor der Pandemie einmal im Jahr nach Indien flog und dabei nicht umhin konnte, in Doha oder Dubai Zwischenstation zu machen. Die Fluglinien gestalteten diese Zwischenstopps möglichst lang, damit man den Shoppingversuchungen möglichst umfassend ausgesetzt wurde.

Der Weiterflug nach Kerala fand dann unter anderen Voraussetzungen statt als der erste Flug. Dieser war noch mit einem relativ neuen Airbus vonstatten gegangen; nun stiegen wir in eine klapprige alte Boeing um. Beim Check-In standen nicht Menschen mit Plastiktascherln voller Parfüm und Whiskey aus dem Airport-Shop, sondern dunkelhäutige Männer mit unförmigen Säcken und riesigen zugeklebten Kartons, denen man das Übergewicht schon von weitem ansah.

Es waren Gastarbeiter, welche die Plackerei auf den WM-Baustellen überlebt hatten und sich aufmachten, ihren Lieben zu Hause Geld und schöne Dinge mitzubringen, wenn sie es mit ihren Paketen in den Flieger schafften (den meisten gelang es). Manche von ihnen besuchten in Kerala nicht mehr den Hindutempel, sondern die protzige, mit Geldern aus den reichen Emiraten oder Qatar erbaute Moschee. Für sie wie für die Katholiken war der Glaube eine Möglichkeit, dem strengen Korsett der indischen Kastengesellschaft zu entgehen, die selbst im meist kommunistisch regierten Kerala dominierte.

Diese armen, gequälten, ausgebeuteten Menschen sahen eine Chance darin, sich ausbeuten zu lassen, vielleicht sogar den Tod zu riskieren. „Alles besser, als aussichtslos in Armut dahinzusumpern“, dachten sie vielleicht, darin den Auswanderern gleich, die vor hundert Jahren aus dem Burgenland oder aus Vorarlberg in die USA flüchteten. „Und hoffentlich nehmen mir die indischen Zöllner nicht das bisschen Gold ab, das ich für die Hochzeit meiner Tochter heimzuschmuggeln versuche…“ Die routinemäßig abgefertigten Touristen merkten davon wenig.

Will nur sagen, es ist keine Lust, im falschen Leben falsch zu leben, aber es kann doch ganz interessant sein. Anders als das Eröffnungsspiel dieser WM. Vergessen wir es schnell.

Distance, hands, masks, be considerate! Ihr Armin Thurnher

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