Nachrichten aus Bregenz.

Seuchenkolumne. Nachrichten aus der vervirten Welt 887


ARMIN THURNHER

18.11.2022

In Bregenz zu Besuch bei Mutter. Von mehreren erstaunlichen Ereignissen ist in diesem Zusammenhang zu berichten.

Eine letzte Rose beim Abendspaziergang auf der Riedenburg, wo Mutter wie Sohn den Kindergarten besuchten

Erstens naturgemäß von Mutter selbst, die mit ihren 103 Jahren eine Erkältung übertaucht hat; es dauert in der Früh etwas, bis der Kreislauf in Schwung kommt, aber die Rituale bleiben: Kaffee, Brot, Zeitung mit Rätseln. Bei Spaziergängen zeigt sich eine etwas schwächere Kondition, das Hörgerät und die neue Fernbedienung des Smart TV sorgen für Ärger, aber der Schmäh ist reaktionsschnell und spitz wie eh, und ganze Gedichte, auch fremdsprachige Lieder tauchen bei Bedarf aus dem Gedächtnis auf.

Zweitens von einem Konzert der Musikfreunde Bregenz, das ich mit ihr gemeinsam besuchte. Im gut besetzten Kornmarkttheater Bregenz standen wir beide das Programm mit Masken im Gesicht durch. Die Musikfreunde sind das Amateurorchester von Bregenz (vergleichbar jener Truppe, die ein ungenannt bleibender Nationalratspräsident in Waidhofen an der Ybbs kommandiert), das sich dadurch auszeichnet, dass meine Schwester am Pult der zweiten Geige sitzt.Sie war die begabtere Musikerin von uns beiden; ich war der, der irgendwann die Nerven verlor und zu üben begann, deswegen hielt man mich später für einen passablen Klavierspieler. Sie übte nie, es genügte, wenn sie in der Geigenstunde nach einer Woche ein Stück zum zweiten Mal spielte, um Lob vom legendären Fräulein Urbanek einzuheimsen, der Lehrerin ganzer Bregenzer, ja Vorarlberger Geigengenerationen (auch die Honeck-Brüder fingen bei ihr an). „Brav hast geübt, Kind!“

Die Musikfreunde ließen sich nicht lumpen und kamen nach der die Streicher leicht überfordernden Ruy-Blas-Ouvertüre Mendelssohns bei Elgars Cello Konzert in Schwung (Solisten waren drei prächtige Studierende des Konservatoriums) und ließen bei Antonin Dvoraks Siebenter nichts anbrennen. Als sie noch einen slawischen Tanz als Zugabe drauflegten, spielten sie sich vollends frei.

Ich schreibe das, weil ich weiß, dass solche Ensembles nach Feedback lechzen und in den lokalen Zeitungen oft vergebens darauf warten. Professionelle Kritiker beweisen sich gern an ihnen, indem sie ihre eigenen Ohren herausstellen und Unzukömmlichkeiten aufzeigen; als müsste es nicht Unterschiede zu Profi-Orchestern geben. Andererseits soll das Bemühen gewürdigt werden, sich auch schwierigere musikalische Werke anzueignen, sie selbst zu spielen, und wenn schon nicht perfekt, dann mit Leidenschaft und Mut ihren Geist zu erfassen. Für die Spielenden sowieso, aber auch für das Publikum wird Musik so zu einem Gemeinschaftserlebnis anderer Art, und wenn nicht zu einem Akt des Widerstands, so doch zu einem Einspruch, zu einem Moment der Rettung vom vorgefertigten Zeug, das auf allen Kanälen über uns hereinbricht. Zu einem Akt der Kultur. Ich lobe also die Musikfreunde Bregenz und anderswo!

Das dritte Ereignis kommt in Gestalt eines schmucklosen Polizeiberichts daher.

„Presseaussendung der Polizei Vorarlberg: Bauer durch entwichenes wildgewordenes Rind verletzt. – Im Zuge von Verladearbeiten entwich am 12.11.2022 gegen 13:35 Uhr ein Rind bei einem Bauernhof in Rankweil. Das Rind rannte in eine Tiefgarage in Rankweil und konnte so festgesetzt werden. Beim Betreten der Tiefgarage durch den angeforderten Tierarzt, welcher die Betäubung des Rindes durchführen sollte, flüchtet das Rind zur Tiefgaragenausfahrt. Die Ausfahrt war durch den offenen Tieranhänger blockiert, das Rind flüchtete in diesen und konnte in weiterer Folge abtransportiert werden.
Beim Bauernhof angekommen durchbrach das Rind zwei Zäune und rannte den Bauern um, dieser wurde dadurch unbestimmten Grades verletzt. Das wildgewordene Rind wurde zur Verhinderung der Gefährdung des verletzt am Boden liegenden Bauern und weiterer Personen durch einen gezielten Schuss von einem eigens dafür ausgebildeten Beamten des Einsatzkommando Cobra erlegt. Die Maßnahme war erforderlich, da die weitere Fluchtrichtung und die Reaktion des Rindes bei der Erstversorgung des Bauern durch den Notarzt nicht abschätzbar waren.“

Man beachte, dass die Prosaiker der Polizei zwar an einem Hang zur Substantivierung leiden, aber auch über Wörter wie „entweichen“ verfügen!

Ein eigenes Kapitel wäre, was die Zeitungen daraus machten. Sie übernahmen sprachliche Holprigkeiten (bis auf die Krone, die zu einer ganz eigenen Sprache fand, sich aber auch zum Wort „Rinderwahnsinn“ verstieg), variierten aber das Rind zur Kuh (Vorarlberger Nachrichten) oder zum Kalb (Presse). Die Schlagzeile „Cobra tötet Rind“ wurde jedoch allgemein vermieden.

Im übrigen sind in Bregenz herkömmliche Schultafeln durch digitale ersetzt (digitalisiert euch!) und das Faschingsprinzenpärchen auf der Fluh – 340 Einwohner, „ein sehr fortschrittliches Dorf, das niemanden ausgrenzt“, teilt das „Bregenzer Blättle“ mit – ist ein Prinzessinnenpärchen, ein lesbisches Paar. Wer sagt noch, dass erstens in Vorarlberg nichts los ist und zweitens, dass es hier keine seriöse Presse gibt?

Distance, hands, masks, be considerate! Ihr Armin Thurnher

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