Die Twitter-Krise: Wehe, wehe, wehe, wenn ich auf das Ende sehe!

Seuchenkolumne. Nachrichten aus der vervirten Welt 884


ARMIN THURNHER

15.11.2022

Es ist Zeit für eine kurze Polemikpause. Man ist umstellt von heimischem Hämischem, also blickt man in die Ferne, und riesengroß schiebt sich Elon Musk ins Bild. „Kosmischen Kotzbrocken“ habe ich ihn genannt, geht das schon wieder los mit Polemik? Naja, ich versuche, mich zurückzuhalten.

In der New York Review of Books erschien ein lustiger Essay über Twitter und Musk, dessen Namen mein Korrekturprogramm übrigens in Musik verwandeln möchte, denn die Algorithmen sind mir offenbar auf die Schliche gekommen und möchten meinem überproportional hohen Bach-Konsum gerecht werden. Nix da, Musk!

Paul Klee: Die Zwitschermaschine (1922, englisch: The Twittering Machine) Foto: MoMa

Der Essay von Ben Tarnow  enthielt den Satz: „Die Wahrscheinlichkeit, dass Twitter sterben oder zumindest bis zur Unkenntlichkeit entstellt werden könnte, und zwar durch die Hand von jemandem, der ohne Twitter nicht leben zu können scheint, hat etwas ergreifend Griechisch-Tragisches“. Gemeint ist natürlich Musk, der powerfulste aller Power-User von Twitter.

Ich selbst fühle mich beim bevorstehenden Tod des Kurznachrichtendienstes ertappt. Mir geht es mit meinen läppischen 16.000 Followern so wie den Mega-Accounts mit den sechsstelligen Zahlen. Ich habe so viel Gratis-Arbeit hineingesteckt, diese Zahl zu erreichen (die in dieser Zahl umfassten Menschen mögen mir verzeihen, das „läppisch“ bezog sich auf die Zahl, nicht auf sie; außerdem weiß ich, dass sich in dieser Zahl genügend Bots befinden), dass ich es bedauern würde, ginge das alles verloren. Schnödes Eigeninteresse ist es, das mich so denken lässt, nicht Interesse an einer wertvollen Kommunikationsstruktur.

Twitter entwickelte sich aus dem Hacker- und Antiglobalisierungsmilieu der 1980er Jahre, lerne ich. Schön ist der Gedanke, dass es Twitter nützte, dass die Firma dem Dienst „relativ wenige Funktionen oder Unterscheidungsmerkmale“ gab. So blieb er „gnädigerweise frei von ,Produktinnovationen‘. Es war diese Unbestimmtheit, die Twitter für seine Nutzer so anpassungsfähig machte. Es war eine leere Leinwand, auf die man projizieren konnte, ein Raum, in dem man mit sich selbst sprach, in der Hoffnung, dass jemand zuhören würde.“

Tarnow zitiert frühere Kritiker des Fernsehens wie Neil Postman, die eine De-Kontextualisieurng der Welt durch TV beklagten. „Bei Twitter“, schreibt er, „ist die Situation genau umgekehrt. Twitter hat zu viel Kontext; es ist ein Geflecht von Kontexten, die so barock sind, dass es echte Arbeit erfordert, in sie hineinzukommen. (…) Das ist der Grund, warum die Website für Gelegenheitsnutzer so einschüchternd sein kann und warum sie ihrerseits so große Schwierigkeiten hat, zu wachsen. Ein kleiner Prozentsatz ihrer Nutzer ist für fast die gesamte Aktivität verantwortlich: Laut einem internen Bericht, den Reuters vor kurzem erhalten hat, machen die Viel-Twitterer weniger als 10 Prozent der monatlichen Gesamtnutzer aus, erzeugen aber 90 Prozent der Tweets. (…) Es braucht eine bestimmte Art von Person und eine ordentliche Menge an Freizeit, um die Protokolle zu verinnerlichen und genug von den Überlieferungen zu lernen, um einen Kontext richtig zu leben.

(…) Auch wenn Twitter in absoluten Zahlen nicht sehr bevölkerungsreich ist, so übt es doch eine beträchtliche Macht auf die Diskurse der Bevölkerung und der Eliten aus. Die Auswirkungen auf unsere Politik sind besonders ausgeprägt. Die politische Karriere von Donald Trump, geschweige denn die Trumpisierung der Republikanischen Partei, ist ohne sein berühmtes Twitter-Konto nicht vorstellbar. Auch Journalisten sind notorisch eifrige Twitter-Nutzer, und so hat die Website einen großen Einfluss darauf, über welche Geschichten die Medien berichten und wie. Jeder lebt in der Welt, die Twitter geschaffen hat, unabhängig davon, ob er jemals getwittert hat.“

Deswegen ist es schreiender Unsinn, zu behaupten, man twittere als Privatmensch und trenne das von jener Funktion, die man in Medien oder Politik ausübt, wie das gerade kürzlich der Pressesprecher des Bundeskanzlers tat.

Neuerliche Selbstermahnung: ich wollte nicht polemisch werden. Tarnow ist wie ich hin- und hergerissen, ob er den Niedergang von Twitter bedauern würde oder nicht. Walter Benjamin zitierend, erinnert er daran, dass eben jedes Dokument der Kultur auch eines der Barbarei ist. Und damit wert, dass es zugrunde geht.

Der Idealzustand von Twitter wäre erreicht, würde allein Elon Musk twittern und alle anderen ihm Aufmerksamkeit zuwenden, für 8 Dollar im Monat. Im Übrigen stimme ich Elon Musk in einem zu: Twitter als Gemeinschaft, zu der man seinen Mitgliedbeitrag zahlt, wäre mir bedeutend lieber als ein werbefinanziertes Medium. Die Schein-Gratis-Existenz aller sozialen Medien wird bekanntlich teuer bezahlt. Allerdings müssten kostendeckende Mitgliedsbeiträge deutlich höher sein als acht Euro. Und dass mein Geld dazu verwendet wird, den Twitter-Kaufpreis zu finanzieren, den Musk willkürlich festsetzte, und der ihm nun zu teuer wird, will ich naturgemäß nicht.

Immerhin kann die Idee pädagogisch wertvoll sein: man sieht, wieviel Sand man sich gern in die Augen streuen lässt, um nicht sehen zu müssen, dass man keinen fairen Deal macht, sondern bei allem vermeintlichen Eigennutz immer die Arbeit für jemand anderen verrichtet, der mehr davon profitiert. Wehe, wenn Twitter-User beginnen, das Kapital von Karl Marx zu lesen! Band I hat höchstens 1,1 Millionen schlapper Zeichen.

Distance, hands, masks, be considerate! Ihr Armin Thurnher

Ich freue mich, wenn Sie die Kolumne abonnieren.
(Bitte blaues Banner oben benützen)

@arminthurnher

thurnher@falter.at