Die Madig-Macher. Ein Radiointerview und seine Folgen.

Seuchenkolumne. Nachrichten aus der vervirten Welt 883


ARMIN THURNHER

14.11.2022

Vergangenen Samstag war ich bei Stefan Kappacher auf Radio Ö1 „Im Journal zu Gast“. Eine ehrenvolle Einladung. Es ging um die allgemeine Medienlage nach Aufdeckung der türkischblauen Medienkorruptionsfälle durch die Publikation der Thomas-Schmid-Chats, nach dem Rücktritt von Presse-Chefredakteur Rainer Nowak und jenem von ORF2-Chefredakteur Matthias Schrom.

Mit dem Gespräch war ich zufrieden, das heißt, mit den Fragen Kappachers, weniger mit meinen Antworten. Hätte einiges schärfer und präziser formulieren mögen. Das Transkript entlarvt manches als Gestammel.

Einiges mir Wichtige konnte ich doch sagen, wobei ich mich nicht um parteipolitisches Kleinzeug, sondern um historische und politische Perspektiven bemühte. Die Auseinandersetzung um die Demokratie wird auch mit medialen Mitteln geführt (mehrheitlich auf der Welt natürlich mit Waffengewalt), also wäre es wichtig, zu wissen, was geschieht, wenn die Politik Medien fördert oder vom Geld abschneidet, wenn sie Märkte ordnet oder diese Aufgabe Medienmächtigen überlässt.

Mein ganzes publizistisches Leben lang denke ich über solche Dinge nach, und wenn einmal einer mich ernsthaft darüber befragt, sind 15 Minuten nicht genug. Ich bin dankbar, dass es sie überhaupt gab.

Nach solchen Gesprächen folgen als unabweisbarer Teil der Veranstaltung die medialen Reaktionen, auf den sozialen Medien, Twitter zuerst. Das Lob schien überwältigend, aber über Lob darf man sich freuen, zu ernst nehmen darf man es nicht.

Allerdings widerfuhr mir etwas, auf das ich vorbereitet hätte sein sollen, das mich dann aber doch wieder überraschte, obwohl ich die üblichen Verdächtigen schon gut genug kenne. Der Profil-Journalist Gernot Bauer twitterte folgendes:

„Gute Reflexionen, ein angreifbares Versäumnis: Man hätte Armin Thurnher kurze Fragen nach seiner Nähe zu SPÖ und Alfred Gusenbauer und üppigen Inseraten der Stadt Wien für den Falter nicht ersparen dürfen. Er hätte eloquent geantwortet. So entsteht der Anschein der Schonung.“

Und die übliche Meute hartgesottener Kurzisten vom Chef der Agenda Austria bis zu den Sprechern von Bundeskanzler, Finanzminister und ÖVP und naturgemäß dem Herrn Grasl vom Kurier, der nicht einmal meinen Namen richtig schreiben kann, stellte sich mit Likes, Retweets und Zusatzgeblök ein.

Dabei ist es ganz einfach: Bauers Tweet ist der Versuch, ein öffentliches Gespräch zu entwerten, indem es Interviewer und Interviewten diffamiert. Solchen wie mir soll man keine öffentlich-rechtliche Arena gönnen! In Bauers medientechnisch simpler, mit einem geheuchelten Lob eröffneter Diffamierung steckt zudem eine multiple Infamie, die man auch durch eloquentes Sofort-Antworten nicht aus der Welt schaffen kann.

Erste Infamie: Bauer unterstellt Kappacher, mich zu „schonen“, Assoziation: rote Zeckenbruderschaft macht Radio. Weder ist der Kappacher ein Trottel, noch gibt es an mir etwas zu schonen, nur ging das Interview eben nicht um mich als Person, sondern um meine Ansichten zur aktuellen Krise.

Zweite Infamie: Indem Bauer so tut, als gehe es ihm nur um publizistische Redlichkeit, – wenn man mit einem Roten redet, muss man doch laut sagen, dass es einer ist – unterschlägt er die Wahrheit, was eine Form von Lüge darstellt. Genau das geschah nämlich. Kappacher sprach mich korrekt als „deklarierten Linken“ an, und ich widersprach nicht. Links zu sein bedeutet aber weder Parteinähe noch Parteizugehörigkeit.

Dritte Infamie: Es gibt weder eine Nähe von mir zur SPÖ noch gar eine Mitgliedschaft; mit Alfred Gusenbauer bin ich trotzdem befreundet. Mit ihm habe ich ein Gesprächsbuch gemacht, von dem der deutsche Publizist Roger Willemsen bedauernd sagte, er wünschte, es gäbe deutsche Kanzler, die zu solchen Interviews imstande wären. Als ich in einem deutschen Verlag 1992 ein Interviewbuch mit Franz Vranitzky publizierte, tat die österreichische Publizistik so, als wäre ich damit der SPÖ beigetreten; das Magazin Trend ordnete mich taxfrei in „Franz Vranitzkys Netzwerk“ ein. Hätte es so etwas gegeben, hätte ich ihm gewiss nicht angehört. Man kann auf Distanz bleiben, selbst wenn man Sympathien für jemanden oder dessen politische Ziele hat.

Vierte und übelste Infamie: Mir überhaupt Parteinähe zu unterstellen. Als hätte nicht das Ziel meines publizistischen Lebens darin bestanden, mir und dem Falter politisch-publizistische Unabhängigkeit zu erkämpfen und zu erhalten. Was ich mit meinen Partnern und Mitstreitern diesem Ziel untergeordnet und ja, auch geopfert habe, übersteigt den Horizont dessen, was Bauer und seine Freunde von der neoliberalen Machbarkeitsgemeinschaft sich überhaupt vorstellen möchten. Seine glaubwürdige Unabhängigkeit ist der Kern des Falter-Erfolgs, und genau diesen Kern wollen Typen wie Bauer und seine Claqueure dem Publikum mit der immer wieder gleichen Masche madig machen. Wobei Parteinähe oder Parteizugehörigkeit nichts Unanständiges sind. Außer für Publizisten, die behaupten, unabhängig zu sein.

Fünfte Infamie: die Behauptung, der Falter erhalte „üppige Inserate“ der Stadt Wien. Die Stadt Wien vergibt ihre Inserate nach Kriterien wie der Größe und der Reichweite von Medien, und diese hält sie beim Falter ebenso ein wie sie sie bei anderen Medien, vor allem auf dem Boulevard, des öfteren überschreitet.

Der Tweet Bauers, gegen den man sich in kurzer Form nicht wehren, den man aber auch nicht stehen lassen kann, ist nichts als versuchte Rufvergiftung und Ehrabschneidung. Ich gebe diesen Versuch hiermit als „gute Reflexion“ an Bauer und seine Konzelebranten zurück.

Distance, hands, masks, be considerate! Ihr Armin Thurnher

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