Voller Sobotka. The Torture Never Stops.

Seuchenkolumne. Nachrichten aus der vervirten Welt 881


ARMIN THURNHER

11.11.2022

Da ist er schon wieder. Wieso? Ist er wahrnehmungsgestört? Ist er überpanzert, nach Art eines Rhinozeros, das durch den Staub auf uns zustampft, das Horn zum Angriff senkend und, während es über uns hinwegtrampelt, rufend: Kompromiss, ihr müsst mich aushalten, denn die Demokratie braucht Kompromisse!

Ich bitte alle Rhinos um Entschuldigung, ihr seid friedfertige, sanftmütige Tiere, anders als der Gefüllte im Parlament. Er ist nicht eigentlich ein Gefüllter, eher ein Füller. „Ich fülle meine Rolle als Präsident nach bestem Wissen und Gewissen aus,“ sagte er kürzlich den Salzburger Nachrichten. Man könnte es nicht besser ausdrücken. Er spielt keine Rolle, er hat keine Rolle, auch kein Rollenverständnis. Er füllt sie nur aus. Füllest wieder Haus und Graus.

Man könnte sogar sagen, er überfüllt sie. Die Fülle quillt aus ihm und um ihn herum heraus, dass es im Reindl nur so knuspert, schmurgelt, zischt und anbrennt.

Ich lese ein einziges Interview in den Salzburger Nachrichten und bin schon übervoll mit Sobotka. „Ich bin überzeugt davon, dass ich für meine Arbeit für das Parlament in jeder Hinsicht amtsfähig bin.“ Für meine Arbeit für das Parlament, was soll denn das schon wieder heißen? Meint er die Renovierungsarbeiten, die zwar terminlich überfällig sind, aus ihm jetzt aber eine Überfülle an Wahnsinn hervorquellen lassen, die selbst Sobotologen wie mich in die Nähe des Hirnstillstands bringt?

Gegen akute Sobotkitis wappne ich mich ja stets durch das Lesen würdiger Lyrik, das Tragen von Einweg-Gummihandschuhen (okay, Alfred Gusenbauer, jetzt auch Mehrweghandschuhe möglich), FFP3-Masken und den üppigen Gebrauch von Desinfektionsware, wenn ich nur von fern den gefüllten Namen höre, aber die Fülle kommt trotzdem über mich. Sie überfällt mich, sie überfüllt mich.

Der Interviewer, der brave Andreas Koller, fragt den höchstrangig gefüllten Waidhofner: „In Italien haben die Neofaschisten die Wahl gewonnen, bei uns ist die FPÖ wieder im Aufwind. Bereitet Ihnen das Sorgen?“ Und dieser antwortet: „Viele Menschen wollen offenbar einfache Antworten. Die Parteien, die diese liefern, erfreuen sich großen Zuspruchs. Wenn es um komplexe Sachverhalte geht, tun sich Regierungsparteien mit einfachen Antworten schwerer. Ich halte es für fatal, dass der Kompromiss immer schlechtgeredet wird – Stichwort ,fauler Kompromiss‘. Doch unser Zusammenleben besteht darin, dass man aufeinander zugeht, das ist das Wesen der Demokratie.“

Danke für die überwältigende Fülle an entschlossenen Distanzierung vom Faschismus, Herr Bresident. Stichwort: fauler Schmäh. Sie finden, wir wissen es, in anti-antisemitischen Aktivitäten Erfüllung, damit meinen Sie, sich sonstiger politischer Unzumutbarkeiten zu entledigen. Geht nicht, deren Fülle ist zu überwältigend.

Neulich in der Furche „antwortet der Innsbrucker Politikwissenschafter Ferdinand Karlhofer auf die Frage nach seiner Einordnung Sobotkas: ,Es hat in der Zweiten Republik keine Persönlichkeit in dieser Funktion gegeben, die in einem solchen Maß mit Parteilichkeit verbunden wurde und medial auch als solche präsent war. Der Nationalratspräsident wurde grundsätzlich – so wie das Amt des Bundespräsidenten – immer mit einer über den Parteien stehenden Haltung verbunden. Das ist bei Sobotka nicht erkennbar.‘“

Während Karlhofer uns damit trösten will, dass auch ein Sobotka vorübergeht, fühle ich mich eher wie einer, über den ein Rhino vorübergegangen ist. Und an dem immer mehr Fülle klebt. Unglaublich, was aus dem Trampler alles rausquillt. Sein Sobotkinesich macht beim Hören dumm. Und offenbar wehrlos, denn wie gelähmt lässt ein Land alles über sich ergehen, was aus dem Kerl herausbricht, herausplatzt und herausquillt. Krallt sich beim Parlamentsumbau die besten Räume für die ÖVP, benennt Säle im Parlament nach seinem Gusto, nach Romy Schneider und Hedy Lamarr, tolle Frauen, gewiss, aber hat der noch alle? Das Restaurant im Parlament hingegen benennt er nach Kelsen, einem bekannten Haubenkoch.

Und dann stellt er, der sich gerade erst mit dem für rassistische Sprüche bekannten Regionalpräsidenten der Lombardei ausgetauscht hat (nachdem er in Mailand eine würdigen alten Dame anti-antisemitisch den Wiesenthalpreis überreichte) hin, tauscht sich mit Wiener Maturaklassen aus und sagt Sachen wie: „Heute, 84 Jahre später (nach der Pogromnacht vom 8, und 9. November, Anm.), stehen wir in ebendieser Synagoge und zelebrieren das jüdische Leben, die Vielfalt unserer Gesellschaft und unsere demokratischen Werte“. Ich mache mir Sorgen um das jüdische Leben, das sich vor einem solchen Konzelebranten nicht rechtzeitig in Sicherheit bringen kann, um nicht von dessen philosemitischer Überfülle angepatzt zu werden.

Da ist der Fülle zu viel. Sobotka, unser letzter bekennender Kurzist, ist einfach, wie man in den USA sagen würde, zu voll von es. Es mag ja sein, dass er über ein unerreicht reiches, volles Innenleben verfügt, aber es wäre fein, wenn er wirklich darüber verfügen würde, in dem Sinn, dass er es für sich behält und es daran hindert, ununterbrochen aus ihm herauszuquellen und auf uns herunterzubrechen. Diese Quellerei ist Qual, diese Fülle ist so fatal wie ihre Quelle. Ich brauche jetzt bitte eine sehr große Serviette.

Distance, hands, masks, be considerate! Ihr Armin Thurnher

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